Zwischen Hoffnung und Risiko: Psychedelika als letzte Option
Psychedelika sind zurück: nicht als Rauschmittel, sondern als Therapieoption. Wenn klassische Therapiemöglichkeiten versagen, setzen manche Patient:innen auf halluzinogene Stoffe. Möglich macht das eine Sonderbewilligung des BAG. Die Hoffnungen sind riesig, die Risiken jedoch nicht zu unterschätzen.
Autor: noba
Titelbild: Für manche ist die Therapie mit Psychedelika der letzte Ausweg. Foto: Thomas Angus (In Pictures: The Centre for Psychedelic Research – The Imperial Photography Digest)
Was lange als Tabu galt, wird heute wieder intensiv erforscht. Substanzen wie LSD, Psilocybin oder MDMA wurden als harte Drogen eingestuft, die gefährlich seien und Menschenleben zerstören. Seither vollzog sich jedoch ein gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Wandel. Insbesondere bei Angststörungen, Suchtkrankheiten, schweren Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) berichten Fachpersonen und Betroffene im Rahmen von psychotherapeutischen Behandlungen von grossen Erfolgen. Auch medial sind diese Mittel wieder voll im Trend.



Aktuell gilt die Psychedelika-assistierte Therapie (PAT) als Ausnahme. Seit 2014 dürfen Therapeut:innen beim Bundesamt für Gesundheit eine Ausnahmebewilligung beantragen. Die ausgestellte Erlaubnis gilt für ein Jahr. Die zuständigen Fachpersonen können in dieser Zeit, insofern begründet, eine beliebige Menge an LSD, Psilocybin oder MDMA beziehen. Während vor 10 Jahren gerade mal eine Handvoll Bewilligungen ausgestellt wurde, sind es laut BAG mittlerweile über 500 (Stand 2023).
Anzahl erteilte Sonderbewilligungen des BAG für die medizinische Anwendung

Quelle: https://www.tagesanzeiger.ch/psychedelika-therapien-mit-psilocybin-und-lsd-nehmen-zu-884491062268, bearbeitet durch Noah Barg
Die Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP) hat derweil klare Empfehlungen ausgearbeitet, wann eine PAT überhaupt infrage kommt: Es muss eine anerkannte Diagnose, wie etwa eine schwere Depression, Angststörungen, PTBS oder Alkoholabhängigkeit vorliegen. Bei der Person müssen bereits mehrere Therapieversuche gescheitert sein, man spricht dann von einer Therapieresistenz. Zudem muss ein relevanter Schweregrad vorhanden sein. Diese Therapiemethode ist also sowas wie der letzte Hoffnungsschimmer für Menschen, die mit klassischen Behandlungen kaum weitergekommen sind. Denn in professionell begleiteten, spezifischen Settings können Psychedelika Prozesse auslösen, die herkömmliche Medikamente kaum oder gar nicht erreichen. Dennoch, ist die Anwendung der PAT noch wenig verbreitet.
Von der Erfindung zum Verbot
Die Geschichte begann in Basel: Am 19. April 1943 entdeckte der Schweizer Chemiker Albert Hofmann in einem Selbstversuch rein zufällig die bewusstseinserweiternde Wirkung von LSD. Sein Fahrradweg nach Hause, später als «Bicycle Day» bekannt, markierte einen historischen Tag in der Geschichte der Medikamentenforschung. „Alles in meinem Gesichtsfeld schwankte und war verzerrt wie in einem gekrümmten Spiegel“, wurde der Wissenschaftler später zitiert. Ohne zu wissen, konsumierte er das stärkste Halluzinogen weltweit. Schnell erkannte er das Potential dieser Substanz und weitere wissenschaftliche Studien In den 1950ern und 60ern folgten. Weltweit testeten Wissenschaftler den Stoff gegen Depressionen, Suchtkrankheiten oder Angstzustände. Die Ergebnisse waren fast ausschliesslich positiver Natur.
Doch die Euphorie kippte. In den späten 1960ern verliessen Psychedelika unkontrolliert die Labore und gelangten an die grosse Masse. LSD wurde zum Symbol der Gegenbewegung, der therapeutische Zweck dieses Wundermittels rückte in den Hintergrund. Vor allem in den USA eskalierte die Situation schlussendlich: „America’s public enemy number one in the United States is drug abuse.” So erklärte Richard Nixon, damaliger Präsident der USA, in seiner Rede am 17. Juni 1971 den Drogen den Krieg. Es wurde ein jahrzehntelanges Forschungsverbot eingeführt. Diverse Psychedelika fielen ab den 1970ern unter das Betäubungsmittelgesetz, bis heute.
Vom Forschungsverbot zur ersten Legalisierung
Lange fand man diese Suchtmittel nur noch im Untergrund, auf dem Schwarzmarkt, Untergrund-Raves oder bei Stammesritualen und Selbstfindungstrips im südamerikanischen Dschungel. Erst in den 2000ern näherten sich Wissenschaftler dem Thema wieder an. Die Schweiz nahm eine Vorreiterrolle ein und erlaubte früh streng kontrollierte Forschungsprojekte. Mittlerweile führen Länder wie Kanada, die USA, die Niederlande oder Australien Forschungen zu diesem Thema durch. Australien ist mittlerweile das erste Land, in dem seit Juli 2023 psychische Erkrankungen mit MDMA und Psilocybin legal behandelt werden dürfen.
Einblicke in die Klinik Münsterlingen
Eine der wenigen Kliniken in der Schweiz, die Psychedelika-assistierte Therapie stationär anbieten, ist die Psychiatrische Klinik Münsterlingen im Kanton Thurgau. Hier wird Psilocybin als Zusatz zur klassischen Psychotherapie eingesetzt, bei Betroffenen mit therapieresistenter Depression (TRD). Ein Forschungsteam rund um den Psychiater Herrn Dr. Krähenmann ist für dieses Therapieprogramm verantwortlich. Dieses basiert auf dem CBASP-Modell, einem Modell, das speziell für die Behandlung schwerer Depressionen entwickelt wurde. Während einer Aufenthaltsdauer von 12 Wochen durchlaufen Betroffene im Abstand von drei bis vier Wochen mehrere Psychedelika-assistierte Therapiesitzungen. Dazu gehören auch intensive Vor- und Nachgespräche. Ziel ist es, Erwartungen zu klären, Sicherheit zu schaffen und die Erfahrungen therapeutisch zu integrieren. In der Klinik in Münsterlingen gibt es ausschliesslich Einzeltherapiesessionen.
Entscheidend ist nicht die Substanz allein, sondern das Setting. In Münsterlingen ist der Therapieraum ein heimelig eingerichtetes Zimmer in einem ruhigen Teil der Klinik. Die Patient:innen liegen während der sechs- bis achtstündigen Sitzung auf einem Bett, tragen eine Augenmaske und hören speziell ausgewählte Musik. Während der gesamten Sitzung sind ein Psychiater, ein Psychotherapeut und eine Pflegefachperson involviert. Münsterlingen zeigt damit, wie kontrolliert und verantwortungsvoll psychedelische Therapie heute umgesetzt werden kann. Teil der Forschungsgruppe ist auch die Doktorandin Anja Vandersmissen. Sie forscht über Patient:innen und beteiligt sich jeweils an den Psilocybin-assistierten Therapiesessionen. Sie bereitet gerade das Setting für eine weitere Therapiesession vor:
Die andere Seite der psychedelischen Therapie
Die Anwendung der Psychedelika-assistierten Therapie wird in Fachkreisen und Medien beinahe ausschliesslich positiv dargestellt. Dahinter verbergen sich aber Risiken, Herausforderungen und viele ungeklärte Fragen.
Man darf träumen. Vielversprechende Forschungsergebnisse und positive Praxiserfahrungen lassen Hoffnung aufkeimen. Dennoch ist Vorsicht geboten, halluzinogene Substanzen sind unberechenbar, die Wirkung von Person zu Person unterschiedlich und schwer verallgemeinerbar. Lange vor der ersten Substanzeinnahme steht man vor Hindernissen.
Screenings
Zum einen gibt es psychische Risikofaktoren, die von Person zu Person variieren. Bevor eine Substanz überhaupt in Betracht gezogen wird, erfolgt deshalb ein umfassendes Screening: Dabei wird besonders auf genetische Veranlagungen geachtet. Je nach Person besteht ein erhöhtes Psychoserisiko durch bipolare oder schwere Persönlichkeitsstörungen. Bei diesen Personen besteht ein erhöhtes Risiko einer mentalen Destabilisation durch die Einnahme von Psychedelika.
Vorbereitungssitzung
Behandelnde Therapeut:innen stehen vor der eigentlichen Therapiesession vor grossen Herausforderungen im Umgang mit Patient:innen. Im Vorgespräch muss klar definiert werden, was ihnen bevorsteht. Doch wie beschreibt man Personen die Wirkung einer bewusstseinserweiternden Substanz, die noch nie Psychedelika konsumiert hat? Auch bei möglichen Nebenwirkungen müssen Therapeut:innen vorsichtig agieren. Sie stehen in der Pflicht, mögliche negative Folgen wie Flashbacks oder Übelkeit zu kommunizieren. Gleichzeitig ist der bewusstseinserweiternde Zustand sehr suggestibel. Das heisst: Je öfter man davon spricht, dass etwas passieren kann, desto höher ist die Chance, dass es tatsächlich auch eintritt. Ein weiteres Problem ist die Bewertungs- und Erwartungshaltung der Patient:innen. Für viele stellt diese Therapieform den letzten Ausweg dar. Betroffene haben bereits viel durchgemacht und ausprobiert. Viele sind verzweifelt, Suizidalität ist ein relevantes Thema. Dementsprechend sind die Erwartungen immens. Therapeut:innen müssen in solchen Situationen einen gesunden Mittelweg finden, Hoffnung zu machen, ohne vom Realismus abzukommen.
Therapiesession
Während der Therapiesitzung braucht es jede Menge Feingefühl und Vertrauen. Patient:innen befinden sich während des Trips in einem vulnerablen, aber auch in einem beängstigenden Bewusstseinszustand. Sie können sich verloren oder hoffnungslos fühlen. Sie brauchen vielleicht Zuneigung oder gar körperliche Nähe. Sie durchlaufen in nur wenigen Stunden eine ganze Bandbreite an Emotionen. Es liegt an den zuständigen Therapeut:innen, Sicherheit zu vermitteln, ohne Grenzen zu überschreiten. Eine Gratwanderung, die nicht viele zu meistern wissen. Darum ist es umso schockierender, dass es in der Schweiz keine standardisierte Ausbildung gibt, die Therapeut:innen auf PAT vorbereitet und entsprechend schult. Deshalb fordert die SGPP spezifische Weiterbildungsangebote dafür. Auch Anja Vandersmissen sieht die Risiken, die mit der PAT einhergehen und berichtet über ihre Erfahrungen.
Die Schattenseiten der Psychedelika-assisitierten Therapie in der Praxis
Audio: Noah Barg
Eine Therapieform im Aufbruch
Psychedelische Substanzen sind im Trend wie nie zuvor. Vielversprechende Forschungsergebnisse und Praxismodelle, wie das der psychiatrischen Klinik in Münsterlingen, sind Wegweiser für eine Zukunft mit Psychedelika. Die psychotherapeutischen Effekte dieser Halluzinogene sind unumstritten. Dennoch dürfen die Risiken nicht vernachlässigt werden. Die wissenschaftliche Evidenzlage ist noch ungenügend, standardisierte Verfahren fehlen grösstenteils. Ein verantwortungsvoller Umgang und grossflächige Aufklärung in Fachkreisen und der Gesellschaft sind deshalb unumgänglich, um eine erfolgreiche Zukunft mit Psychedelika zu gewährleisten.

Noah Barg (2002) geboren und aufgewachsen in einem kleinen Dorf an der Grenze des Kanton Zürichs, entdeckte schon früh seine Leidenschaft fürs Schreiben. Deswegen schreibt er in seiner Freizeit gerne Kurzgeschichten und studiert seit 2023 an der ZHAW Kommunikation mit Schwerpunkt Journalismus.