Kultur / Gesellschaft

Tabu, Scham und Unwissen – Darum ist sexuelle Prävention essenziell

Obwohl über Lust und Beziehungen oft offen gesprochen wird, bleiben sexuell übertragbare Infektionen ein Tabuthema – mit Folgen: Die Hälfte der Schweizer Bevölkerung kennt gängige STIs wie Chlamydien oder Syphilis nicht, während die Fallzahlen weiter steigen. Städte wie Zürich und Luzern bieten deshalb kostenlose Tests für junge Menschen an, um Prävention zu fördern und das Bewusstsein für sexuelle Gesundheit zu stärken.

Bericht von Aurelia Carciola

Reden über Sexualität beinhaltet oft vor allem Lust. Sexuell übertragbare Infektionen (STI) werden hingegen kaum thematisiert. Entsprechend wissen nur wenige, welche Risiken mit einer Übertragung verbunden sind. Laut einem Bericht von SRF kennt die Hälfte der Schweizer Bevölkerung STIs wie Chlamydien, Gonorrhö oder Syphilis nicht. Gleichzeitig sind die Zahlen von Gonorrhö um 17.7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr angestiegen. Zudem gab es 2024  gemäss dem Bundesamt für Gesundheit (BAG)  rund 13 000 Fälle von Chlamydien, womit sie die am häufigsten gemeldete Infektion in der Schweiz bleibt. Mehr als die Hälfte der gemeldeten Fälle betreffen Frauen. Doch die gemeldeten Fälle bei Männern steigen jedoch an und liegen mittlerweile bei rund 6000. Im Vergleich zu den anderen Infektionen sinken hingegen die Zahlen von HIV. Um die Übertragungsketten zu unterbrechen, bieten Städte ein Testangebot für STIs an, das finanzielle Hürden senken und so zur Prävention und Enttabuisierung beitragen sollen.

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HIV / AIDS

Übertragung: Vor allem durch ungeschützten Geschlechtsverkehr, Blutkontakt oder von Mutter zu Kind während Schwangerschaft, Geburt oder Stillen.
Symptome: Anfangs oft grippeähnlich oder keine Symptome; unbehandelt kann es zu Immunschwäche und AIDS kommen.
Behandlung: Es ist nicht heilbar, aber gut behandelbar, sodass bei erfolgreicher Therapie keine sexuelle Übertragung mehr möglich ist. Antiretrovirale Therapie (ART) kann die Viruslast unterdrücken und ein nahezu normales Leben ermöglichen.
Mythen: HIV wird nicht durch Küssen, Umarmen, Toilette

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Chlamyiden

Übertragung: Ungeschützter vaginaler, analer oder oraler Sex.
Symptome: Oft keine oder nur leichte Beschwerden; möglich sind Ausfluss, Brennen beim Wasserlassen oder Schmerzen im Unterleib
Behandlung: Antibiotika mit Kontrolle nach etwa 8 Wochen und Partner:innen zu testen und mit zu behandeln, um Re‑Infektionen zu vermeiden.
Mythen: Chlamydien verschwinden von selbst – falsch, unbehandelt können sie Unfruchtbarkeit verursachen.

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Gonorrhö (Tripper)

Übertragung: Über ungeschützten vaginalen, analen oder oralen Sex sowie bei der Geburt von der Mutter auf das Kind.
Symptome: Oft keine; möglich sind Brennen beim Wasserlassen, eitriger Ausfluss oder bei Frauen Schmerzen im Unterleib.
Behandlung: Mit Antibiotika gut behandelbar – frühzeitig zum Arzt oder zur Ärztin, da unbehandelt Komplikationen wie Unfruchtbarkeit auftreten können. 
Mythos: Gonorrhö verschwindet von allein – falsch, ohne Behandlung kann sie ernste Folgen haben

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Syphilis

Übertragung: Ungeschützter Vaginal-, Anal- oder Oralverkehr, über kleinste Schleimhaut- oder Hautverletzungen; auch durch Küssen mit offenen Mundläsionen. In der Schwangerschaft Übertragung von Mutter zu Kind möglich.
Symptome: Beginnt oft mit einem schmerzlosen Geschwür, später mögliche Hautausschläge, grippeähnliche Beschwerden; unbehandelt kann sie Jahre später schwere Organschäden verursachen.
Behandlung: Antibiotika – bei frühzeitiger Diagnose sehr effektiv
Mythen: Syphilis sei „altmodisch“ – falsch, sie ist weiterhin verbreitet und kann schwere Folgen haben

Testen auf STI – und das völlig kostenlos?

Das Nationale Programm Schweiz verfolgt das Ziel, dass es bis 2030 keine weiteren HIV-Übertragungen mehr gibt. Zudem soll die Zahl der Fälle anderer STIs, insbesondere bei Gonorrhö und Syphilis, sinken. Um die sexuelle Gesundheit der Menschen zu fördern, bieten Städte wie Zürich und Luzern unterschiedliche Testangebote für STIs an. Bewohner:innen der Stadt Zürich bis 25 Jahre sowie Personen mit einer Kulturlegi können sich kostenlos auf STIs testen lassen. Dieses Projekt startete im Juni 2023 und aufgrund der positiven Rückmeldungen bis 2027 verlängert. Ziel ist es einen kostenlosen und einfacheren Zugang zu Tests zu ermöglichen, um das Bewusstsein für einen verantwortungsvollen Umgang mit den Risiken von STIs zu stärken.

Ein Test kostet rund 180 Schweizer Franken – ein Betrag, den sich jede Person leisten kann. Adrian Knecht, Geschäftsleiter der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen St.Gallen hat Verständnis: «Wenn ich denke, dass das mehrheitlich junge Menschen betrifft, die wechselnde Partner:innen haben oder frisch eine Beziehung eingehen, die vielleicht kein Einkommen haben, weil sie noch studieren oder ein Geringes, weil sie in der Ausbildung sind, dann ist das sicher ein gutes Angebot. Der Preis soll nicht Hürde sein, sich testen zu lassen. »Die Tests werden in den Gesundheitszentren Checkpoint Zürich sowie im Test-In angeboten.

Seit dem 1. Dezember 2025 bietet auch die Stadt Luzern ein kostenloses Testangebot für junge Menschen im Alter von 15 bis 25 oder Personen mit einer Kulturlegi an.  Das Angebot in Luzern unterscheidet sich von dem in Zürich dadurch, dass sich pro Person maximal zwei Tests pro Jahr kostenlos durchführen lassen.

St.Gallen sagt nein

Nicht alle sehen Vorteile in solchen Testangeboten. Am 30. November haben die Bewohner:innen der Stadt St.Gallen sich gegen ein Gratisangebot für STI-Tests entschieden und die Initiative mit 66.4% abgelehnt. Bei einer Strassenumfrage sagt eine St.Gallerin: «Ich glaube, dass die jungen Menschen dadurch leichtsinnig werden und nicht mehr auf Verhütung achten, obwohl sie mehrere sexual Partner:innen haben.» So scheinen auch andere St.Galler:innen zu denken. Adrian Knecht, Geschäftsleiter der Fachstelle sieht das anders: «Ich würde da widersprechen, weil es leichtsinnig wäre sich nicht testen zu lassen, wenn man Sex hat. Ein Mensch, der diese Verantwortung wahrnimmt und sagt ‘ich möchte für meine eigene Gesundheit aber auch für die meiner Sexualpartner:innen sorgen’, die Person lässt sich testen – und das ist das Verantwortungsvollste, was man machen kann.»

Als Grund für den Entscheid gegen das Gratistestangebot wird laut einem Beitrag von SRF auch die finanzielle Lage der Stadt St.Gallen genannt. Knecht versteht diese Begründung, betont aber gleichzeitig die Bedeutung für die öffentliche Gesundheit: «Wenn gerade eine junge Person neu mit HIV lebt, dann muss sie bis ans Lebensende eine Therapie machen, bei der sie jeden Tag ein Medikament einnehmen und regelmässige Check-Ups besuchen muss. Das kostet alles. Wenn man das hochrechnet, dann ist man schnell auf Summen, die höher sind als das Gratistestangebot. Man müsste nur einge Übertragungen verhindern, indem man diese Übertragungsketten unterbricht und schon hätte man den Betrag wieder reingeholt.»

Gratistestangebote sind jedoch nur eine von mehreren Präventionsmassnahmen. Klassische Angebote sind Events und Infoveranstaltungen, um alle Aspekte der Sexualität aufzuklären. Somit wird nicht nur die Lust, sondern auch die sexuelle Gesundheit thematisiert, um Menschen über die Risiken und Folgen von STIs aufzuklären.


Gemäss dem Bundesamt für Statistik
ist das Kondom mit 42 Prozent das am häufigsten verwendete Verhütungsmittel. (Quelle: Aurelia Carciola)

Prävention und sexuelle Aufklärung finden neue Wege, um Menschen zu erreichen. Das Sexpubquiz in St. Gallen setzt dabei auf ein interaktives Veranstaltungsformat, das Wissen zu Sexualität und sexueller Gesundheit vermittelt: spielerisch, ohne Scham und mitten im öffentlichen Raum.

Sexpubquiz statt klassische Aufklärung

Überraschender Offenheit und Aha-Momente – das Sexpubquiz in St. Gallen zum Gegenentwurf klassischer Aufklärungskurse. Das Event verbindet fachliche Wissensvermittlung mit einer lockeren, spielerischen Atmosphäre, um einfacher Tabus zu brechen.

Reden ohne Scham

Sexualität und sexuelle Gesundheit werden in der Gesellschaft nicht thematisiert und das führe dazu, dass es von Anfang an ein schambehaftetes Thema sei, sagt Adrian Knecht Geschäftsleiter der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen.  Für die Prävention sei dies nicht immer einfach. Deshalb verändert sich die Bildungs- und Präventionsstrategie und passt sie an den heutigen Zeitgeist an. Bei der sexuellen Bildung werden nicht mehr nur die Menstruation oder Verhütung zur Verhinderung der Schwangerschaft thematisiert, sondern auch heutige Beziehungsmodelle und Konsens, sowie die gesundheitlichen Risiken der STIs.

Sexuell übertragbare Infektionen sind medizinisch gut erforscht – gesellschaftlich aber noch immer stark tabuisiert. Scham und Schweigen prägen den Umgang mit Sexualität und wirken sich direkt auf Wissen, Schutzverhalten und Prävention aus. Wer nicht fragt, informiert sich oft zu spät oder gar nicht. Der Beitrag zeigt, warum Enttabuisierung ein zentraler Schlüssel für sexuelle Gesundheit ist und welche Folgen das Schweigen haben kann.

Sexuell übertragbaren Infektionen – «Es sind Tabus, die wir brechen müssen.»

Über Sex wird viel geredet – aber selten offen, ehrlich und ohne Scham. Adrian Knecht, Geschäftsleiter der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen, erklärt im Interview, warum genau diese Tabus die Prävention von STI behindern. Er spricht über Wissenslücken, gesellschaftliche Verantwortung und darüber, weshalb sexuelle Gesundheit eine gemeinsame Aufgabe ist.

Interview von Aurelia Carciola

Die Fachstelle für Aids- und Sexualfragen St.Gallen-Appenzell gibt es seit 40 Jahren und wurde in Zeiten der AIDS-Krise gegründet. (Quelle: ahsga)

Warum schränken Tabus das Wissen der Menschen über sexuell übertragbare Infektionen (STI) ein?

Ich glaube, es liegt daran, dass Sexualität und Sexuelle Gesundheit in der Gesellschaft nicht thematisiert wird und das führt dazu, dass es von Anfang an ein schambehaftetes Thema ist. Bei schambehafteten Themen ist es immer so, dass man niemanden fragen kann und keine öffentlichen Quellen nutzen kann. So ist es immer etwas schwierig und etwas heikel, wie man denn an eine zuverlässige Information kommt.

Was sind die Folgen und Risiken von sexuell übertragbaren Infektionen, wenn sie ein Tabuthema sind?

Es heisst, dass es zu wenig Informations- und Wissensvermittlung stattfindet. Menschen leben ihre Sexualität ohne sich vorher ausreichend Gedanken zu ihrer Schutzstrategie zu machen. Solange es das gibt, wird es auch Übertragungen geben. Viele Menschen kommen und sagen uns dann, sie wussten gar nicht, dass sie sich hätten schützen müssen oder wie, und das hängt fest mit Scham und der Tabuisierung dieser Themen zusammen. Es sind Tabus, die wir brechen müssen. Denn solange diese Tabus bestehen, werden Menschen nicht in der Lage sein, selbstbestimmt, gesund und lustvoll ihre Sexualität zu leben.

Wie schätzt du das Wissen über STIs von jungen Personen ein?

Das Wissen in den Köpfen der Menschen stammt oft noch aus einer Zeit vor etwa 20 Jahren, ohne den medizinischen Fortschritt zu berücksichtigen. So wissen viele nicht, dass Menschen, die mit HIV und erfolgreicher Therapie leben, das Virus nicht mehr weitergeben können. Auch nicht über Sex ohne Kondom. Klar, ist es unsere Mission aufzuzeigen, dass es sich lohnt, sich vor HIV zu schützen. Gleichzeitig gibt es aber auch ein gutes Leben mit HIV. Heute ist nicht mehr das Virus das Problem, sondern die Diskriminierung, die Menschen erleben, die mit HIV leben.

Worauf achtet ihr als Fachstelle bei der Bildungsarbeit und Prävention?

Eine unserer Hauptaufgabe im Bereich sexuelle Bildung ist es, Jugendlichen zu ermöglichen eine Sprache zu entwickeln, um Sexualität zu thematisieren. Dass sie die Begriffe kennen, dass sie sich trauen Wörter zu verwenden, um Aussagen dazu zu machen. Um auch bei einer Ärztin beschreiben zu können, was ihr Bedürfnis ist oder sich brauchen.

Welche Herausforderungen entstehen durch Tabus und Scham für die Prävention?

Grundsätzlich ist Sexualaufklärung in der Schweiz laut Gesetz Sache der Eltern. Wenn wir aber in die Praxis schauen, wie das funktioniert, dann haben die Eltern meist Schamgefühle, wenn sie mit ihren Kindern darüber zu sprechen. Manchmal ist es auch total nachvollziehbar, dass Eltern nicht alles wissen oder nicht alle Fragen hören müssen, die die jungen Menschen in Bezug zu ihrer Sexualität beschäftigen. Darum ist es sehr gut, dass das Bildungssystem und der Lehrplan 21 vorsehen, dass die Schule unterstützend wirkt. Da sind wir aber dann beim zweiten Problem. Den Lehrpersonen kann es auch unwohl sein, dieses Thema in einer Klasse anzusprechen. Mathematik oder Geografie sind beispielsweise völlig losgelöst von der eigenen Person. Sobald man aber mit Menschen über Sexualität redet, hat es immer auch etwas mit der eigenen Person zu tun. Das lässt sich nicht losgelöst thematisieren. Darum ist es nachvollziehbar, wenn nicht alle Lehrpersonen gleich begeistert davon sind, dieses Thema zu vermitteln.

Was können Einzelpersonen zur Enttabuisierung von Sexualität und sexueller Gesundheit beitragen?

Reden im privaten Umfeld hilft massiv bei der Enttabuisierung. Man muss nichts von sich preisgeben, sondern kann auch Fragen stellen oder gesellschaftliche Themen im Bereich Sexualität besprechen. Je häufiger wir die Sexualität thematisieren, desto mehr entwickeln wir eine Sprache und normalisieren, dass wir darüber sprechen.

Umfrage

Wie geht ihr in eurem Umfeld mit dem Thema sexuell übertragbare Infektionen (STI) um?