Selbstpublikation und Kleinverlage: Das ist die unbekannte Seite der Schweizer Literaturwelt
Im Schatten grosser Buchverlage schreiben freie Autorinnen und Autoren. Sie veröffentlichen ihre Bücher selbst und nehmen dabei Risiken und Vorurteile in Kauf. Die Buchmesse «Fantastica» in St. Gallen gibt ihnen und Kleinverlagen eine Bühne.
Autorin: Sarina Dünnenberger
Titelbild: Ein Buch kann auch ohne Verlag publiziert werden. Die Autorin Cathrin Harrison veröffentlicht ihre Buchreihe «Chroniken des Lichts» selbst. / Bildquelle: Sarina Dünnenberger
Wer das Wort «Buchmesse» hört, denkt wohl zuerst an die grossen Messen in Frankfurt und Leipzig. Diese locken jährlich eine sechsstellige Anzahl von Besuchenden an. Doch auch in der Stadt St. Gallen gibt es eine Veranstaltung für Lesebegeisterte. Es ist der 16. November und spätmorgens, als sich die Türen zur «Fantastica» öffnen. Bereits zum vierten Mal findet die Buchmesse in der Lokremise St. Gallen statt, direkt neben dem Bahnhof. Wo früher Dampflokomotiven repariert wurden, befindet sich heute ein Ort für Kultur – von Kino, Theater und Kunst bis hin zur Gastronomie und, an diesem Tag, auch der Literatur.
Anders als an grossen Buchmessen brauchen sich die Besuchenden der «Fantastica» nicht durch mehrere Hallen durchzuschlagen. Alle Ausstellenden befinden sich in derselben Halle. Mit 36 Autorinnen und Autoren und vier Verlagen in diesem Jahr ist die «Fantastica» eine kleine, überschaubare Buchmesse. Rund 320 Besuchende zählt sie an diesem Novembersonntag.




Eine Plattform für freie Autorinnen und Autoren
Es ist allerdings nicht nur ihre Grösse, welche die «Fantastica» von anderen Buchmessen unterscheidet. Die Buchmesse hat sich einem bestimmten Bereich der Literaturwelt verschrieben – den selbstpublizierenden Autorinnen und Autoren sowie den Kleinverlagen. Auf der Webseite der Buchmesse heisst es: «Die Fantastica St. Gallen bietet eine Plattform, auf der freie Autoren und Kleinverlage ihre Werke einer breiten Öffentlichkeit präsentieren können.»

«Weil sie sonst keine Bühne haben»
Er rief im Jahr 2022 die «Fantastica» ins Leben: Markus Kessler. Der 56-Jährige ist selbst freier Autor und daher vertraut mit den Problemen, denen sich Autorinnen und Autoren in der Selbstpublikation täglich stellen müssen. Kessler hat klare Wünsche für die Zukunft der «Fantastica» und von freien Autorinnen und Autoren.
Dieser Fokus auf Selbstpublikation und Kleinverlage gefällt den Besuchenden der «Fantastica». «Ich möchte selbst ein eigenes Buch veröffentlichen und es ist sehr schwer, in dieser Branche Fuss zu fassen», sagt die Besucherin Dominique Sutter. «Daher finde ich es wichtig, Autorinnen und Autoren zu unterstützen, die noch nicht so bekannt sind.» Ihre Kollegin Michelle Braun meint: «Mich überrascht es, dass es hier in der Schweiz doch so viele Autorinnen und Autoren gibt.»
Linde Weber ist freie Autorin: «Der Verlag kam für mich nie in Frage»
Die eigene Geschichte zu publizieren, ist der Traum vieler Schreibenden. In einem Verlag zu veröffentlichen ist dabei nicht der einzige Weg. Linde Weber publiziert ihre Bücher selbst und wird dabei mit vielen Vorurteilen konfrontiert.
Edelsteine schmücken den Stand der Autorin Linde Weber an der «Fantastica». Sie sind mehr als nur Dekoration. Als gelernte Gemmologin ist Weber Edelsteinprüferin und Diamantgutachterin. Zwar hat die 49-Jährige aus St. Gallen den Beruf nach ihrer Ausbildung nie ausgeübt, dennoch profitiert sie heutzutage von ihrem Fachwissen. In ihrer Fantasy-Debütbuchreihe, der «Chattenberg-Saga», spielen Edelsteine eine zentrale Rolle.
Glandera, die Protagonistin, verspürt beim Berühren von Edelsteinen ein Kribbeln in ihren Fingern. Dass es sich dabei um eine magische Gabe handelt, weiss sie nicht, bis sie auf Ferron, einen Erdmagier, trifft. Dieser stellt ihre Fähigkeit fest und möchte sie ausweiten. «Der Grundgedanke meiner Buchreihe ist, dass du dir oft nicht bewusst bist, dass du eine besondere Gabe hast», sagt Weber. «Wir halten unsere Gaben oft für selbstverständlich und trauen uns nicht, sie weiter auszuarbeiten. Da braucht es manchmal einen Mentor, der einem einen Schubs gibt.»
«Ich musste von null anfangen»
Diesen «Schubs» erhielt Weber vor drei Jahren. Sie habe schon immer Geschichten im Kopf gehabt, diese jedoch nie auf Papier gebracht. Das änderte sich, als Weber eine Ausbildung im Schamanismus, einer spirituellen Praxis, absolvierte und von ihrer Ausbildnerin gefragt wurde: «Was bereitet dir so richtig tiefe Freude?»
Davor habe die Autorin keine Berührungspunkte mit dem Schreiben gehabt. «Ich musste von null anfangen. Das waren Schulkentnisse», sagt Weber. Sämtliche Grammatik, wie man zum Beispiel gute Dialoge schreibt, habe sie auffrischen müssen. «Ich fing an, mir das Handwerk selbst beizubringen. Nebenbei habe ich viel geschrieben», sagt Weber. «Dabei habe ich so viel gelernt, dass ich den Anfang meiner Geschichte immer wieder überarbeitet habe.»
Weber veröffentlicht ihre Geschichten selbst
2023 veröffentlichte Weber ihren Debütroman «Die Quarzsucherin». Damit startete sie die «Chattenberg-Saga» und entschied sich für einen unkonventionellen Weg: das Self-Publishing. «Der Verlag kam für mich nie in Frage», sagt die Autorin. «Ich wollte die Eigenmacht und die komplette Eigenverantwortung bei mir haben.» Dafür hat sie mehrere Gründe. Weber sagt, sie habe unter anderem grosse Freude daran, Zitate aus ihren Büchern auf Social Media zu posten, und biete ihre Bücher gelegentlich auch gratis an. Da wolle sie keinen Verlag, der die Rechte an ihren Werken besitzt und ihr solche Dinge verbietet. «Ich will über Erfolg und Misserfolg selbst entscheiden können», sagt Weber. Dafür müsse sie manchmal auch zähe Momente durchstehen.
Autorinnen und Autoren im Self-Publishing sehen sich nämlich oft mit Stereotypen konfrontiert. Weber nennt einige davon: «Vorurteile sind, dass wir keine Qualität liefern, dass weder Lektorat noch Korrektorat gemacht wurden und dass die Übersetzungen in andere Sprachen schlecht sind.» Daher empfiehlt sie vor dem Kauf eines selbstpublizierten Buches, die Leseprobe zu lesen.
So viel verdient sie pro Buch
Von ihren Büchern leben kann Weber nicht, weshalb sie in Teilzeit in der IT arbeitet. Über ihre Einnahmen sagt Weber: «Es ist nicht viel. Wenn es schlecht läuft, sind es etwa drei Franken pro Buch.» Bei einem Verkauf an einer Buchmesse können laut ihr aber auch bis zu 20 Franken rausspringen. «Es kommt darauf an, wo du die Bücher verkaufst und welchen Anbieter du wählst», sagt sie. Weber veröffentlicht ihre Geschichten bei «Amazon Kindle Direct Publishing». Bevor sie jedoch Gewinn erziele, müssen die Ausgaben für sämtliche Vorleistungen wie Lektorat, Coverdesign und Buchdruck gedeckt sein. Diese Kosten von bis zu 3’000 Franken trage Weber selbst.
Eine weitere Hürde sei, die Bücher unter die Leute zu bringen. «Ich habe ein Problem mit der Sichtbarkeit», sagt Weber. «Es reicht nicht aus, ein Buch geschrieben zu haben. Du musst regelmässig Bücher veröffentlichen, um gesehen zu werden.» Darum geht die Autorin auf Buchmessen. Der direkte Austausch mit den Besuchenden sei wertvoll für freie Autorinnen und Autoren. «Wenn du das langfristig durchziehen möchtest, musst du dir eine Marke aufbauen», sagt Weber, «Es wird Jahre dauern, bis sich der Erfolg einstellt. Ohne Freude am Schreiben ist dies kaum durchzuhalten.»
Dieser Verlag entstand durch Fotos von Schädeln
Die «Fantastica» unterstützt allerdings nicht nur selbstpublizierende Autorinnen und Autoren, sondern auch Kleinverlage. Das «Totechöpfli» hat seinen Standort in Zürich und ist seit der ersten «Fantastica» dabei.
Über die Entstehungsgeschichte des Verlags sei sich das Team etwas uneinig, sagt Franziska Mayer, eine der Mitbegründerin des Verlages. Beinhäuser, auch Ossuarien genannt, spielen allerdings eine zentrale Rolle. Diese wurden im Mittelalter aufgrund des Platzmangels auf Friedhöfen gebaut und zur Lagerung von Knochen verwendet. «Wir wurden von der Pfarrei Galtür angefragt, ob wir ihr Beinhaus katalogisieren möchten», sagt Mayer. Yves Müller, ein weiteres Gründungsmitglied, fotografierte daraufhin jeden Schädel des Beinhauses. «Wir wollten für die Pfarrei einen Ordner mit allen Fotos machen. Sie fanden diese Idee allerdings etwas banal», sagt Mayer, «Wir entschieden uns stattdessen dazu, ein Buch zu machen. Das hat gut funktioniert.» So seien sie in die Verlagswelt «gerutscht». Mayer sagt: «Wir wollten eigentlich nur fünf Exemplare für die Pfarrei herstellen. Dann wurden wir aber von vielen Menschen gefragt, ob sie auch ein Exemplar haben können.»
Sie erhalten 100 Anfragen pro Woche
Heute veröffentlicht das «Totechöpfli» in den Bereichen Sachbücher, Kunst und Fantasy. Ihr Ziel: lokale Autorinnen und Autoren unterstützen. Laut Müller gibt es in der Schweiz nur wenige Verlage, die das tun. An Anfragen mangelt es daher nicht. «Sobald man Bücher veröffentlicht, erhält man rund 100 Anfragen pro Woche», sagt Mayer, «Der Buchmarkt ist übersättigt von Menschen, die schreiben.» Unter den Anfragen befänden sich viele von sehr guter Qualität, als Kleinverlag könnten sie allerdings nicht alle berücksichtigen. «Wir veröffentlichen seit 2020 zwischen fünf bis sieben Bücher pro Jahr», sagt Müller. Mayer meint, mehr sei finanziell und zeitlich gar nicht möglich.
Eine Person, die ihr Buch beim «Totechöpfli» veröffentlicht, erhält zehn Prozent des Verkaufserlöses, gerechnet vom Ladenpreis. Ein Beispiel: Verkauft eine Buchhandlung das Buch für 25 Franken, erhält dessen Autorin oder Autor 2.50 Franken. Bei Grossverlagen sei dies oft anders, sagt Mayer. «Dort ist es üblich, dass die Autorin oder der Autor zehn Prozent der Einnahmen des Verlags erhält.» Autorinnen und Autoren beim «Totechöpfli» können zudem ihre eigenen Bücher mit einem Rabatt von 30-Prozent direkt beim Verlag beziehen und sie zum eigenen Preis weiterverkaufen – beispielsweise an Buchmessen wie der «Fantastica».
«Die Verlagswelt ist zurzeit schwierig»
Über den Stand von Kleinverlagen in der Schweizer Literaturwelt sagt Mayer: «Wir werden eigentlich sehr positiv wahrgenommen.» Was von Autorinnen und Autoren gelegentlich kritisiert wird, sei die kleine Reichweite. «Das stimmt aber auch», sagt Mayer. «Da sind wir auch ganz transparent.» Trotz der positiven Wahrnehmung hätten es Kleinverlage aber nicht leicht. «Die Verlagswelt ist zurzeit schwierig», sagt Mayer. «In letzter Zeit sind wieder einige kleine Verlage aufgehoben worden.» Für diese zurzeit schwierige Lage gibt es laut Mayer mehrere Gründe: Das Lesen nimmt ab, da viele Leute lieber andere Medien nutzen, Grossverlage kaufen viele Werke auf, was ihnen eine Machtposition verleiht und es wird immer schwieriger, an Lagerplatz zu kommen.
Über die «Fantastica», die auch nächstes Jahr wieder stattfinden wird, sagt Mayer: «Dieses Jahr war super für uns, auch verkaufstechnisch.» Die «Fantastica» sei auch wertvoll, um sich in der Schweizer Literaturwelt zu vernetzen. «Wir haben hier auch schon neue Autorinnen und Autoren gewonnen.»

Sarina Dünnenberger (23) studiert seit Sommer 2023 Kommunikation und Medien an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Sie wird ihr Studium im Sommer 2026 abschliessen. Der Kultur- und der Peoplejournalismus zählen zu ihren Lieblingsbereichen, da sie sich auch in ihrer Freizeit gerne mit Elementen der Popkultur befasst – sei es Musik, Literatur oder Film. In den Räumen der ZHAW trifft man sie immer mit einem Buch an.





