Pfadi Winterthur: Zwischen Rettung, Nachwuchs und Identität
Pfadi Winterthur ist mehr als Handball: 2022 rettete die Pfadi AG den hochverschuldeten Verein. Seitdem geht es um Transparenz, Nachwuchs und die Balance zwischen Profi- und Breitensport. Die AG stabilisiert den Profibetrieb, doch der Verein kämpft um seine Seele und Talente wie Eren Bislimi. Nur gemeinsam können sie den Handball in Winterthur wieder zum Strahlen bringen.
Autor: Tim Kühnel (kuehntim@zhaw.ch)
Titelbild: Die Aktionäre von Pfadi Winterthur treffen sie einmal im Jahr zur Versammlung der Pfadi AG und stimmen über die Zukunft des Vereins ab. Bildquelle: Deuring Photography
Wie die Pfadi Winterthur AG als Rettungsaktion den Verein stabilisierte
Die Gründung der Pfadi Winterthur AG sollte den finanziell angeschlagenen Verein entlasten, der 2022 mit 1’4 Millionen Franken Schulden kämpfte. «Die AG-Gründung hat den Druck vom Verein genommen. Der bleibt definitiv weiterbestehen», sagt Geschäftsführer Lukas Wernli. Die neue Struktur diente als Anschubfinanzierung und entwickelte sich zu einem Modell, das sich im Schweizer Handball zunehmend durchsetzt. Wichtig war auch, dass von den 900’000 Franken Startkapital 300’000 Franken als Agio flossen.

Zwei Strukturen, ein Ziel
Zwischen Verein und AG regelt ein Vertrag die Zusammenarbeit: Die AG ist für den Profibetrieb zuständig, der Verein kümmert sich um Aufgaben wie die Helferorganisation an Heimspielen und die Nachwuchsarbeit. «Aus Risikosicht ist dieses Modell absolut zeitgemäss», betont Wernli. Der Verein bleibt trotz Ausgliederung zentraler Akteur. Als grösster Aktionär (400 Aktien) hält er die Stimmenmehrheit. Vereinsvertreter sitzen ohne Stimmrecht im Verwaltungsrat, um die Verbindung zu sichern. «So wissen alle, was läuft», erklärt Wernli.
Der Start war jedoch anspruchsvoll: «Zwei Gremien unter einen Hut zu bringen, war nicht einfach. Man muss alle mitnehmen, damit am Ende einfach Pfadi im Vordergrund steht.» Dr. Dominik Schwizer, Sportmanagement-Experte, betont die Bedeutung der Kommunikation: «Wenn ich allen Stakeholdern – von Spielern über Sponsoren bis zu Eltern – klarmache, warum dieser Schritt nötig ist, minimiere ich das wirtschaftliche Risiko.» Ausserdem würden Vereine laut Schwizer zunehmend zur Professionalisierung gedrängt.





Trotz finanzieller Neuausrichtung bleibt die Nachwuchsarbeit zentral
«Es gibt keine erste Mannschaft ohne Nachwuchs und keinen Nachwuchs ohne eine starke erste Mannschaft», sagt Wernli. Junge Talente wie Tiago Cuencas oder Niclas Mierzwa zeigen den gewünschten Weg. «Die Jungen müssen sehen, dass der Sprung aus der Jugend möglich ist.» Schwizer ergänzt: «Der Verein muss sicherstellen, dass der Nachwuchs nicht leidet. Gerade in Randsportarten wie Handball bildet er die Basis.» Wichtig sei auch, Sponsoren nicht zu zwingen, sich nur für AG oder Nachwuchs zu entscheiden. «Das überlebt eine Abteilung oft nicht», sagt er.
In den 1990er-Jahren war Pfadi Winterthur dank eines Mäzens finanziell abgesichert. Heute ist das Umfeld anders: «Eine Mannschaft nur aus fertigen Spielern ist nicht mehr finanzierbar. Wir müssen Spieler selbst entwickeln», sagt Wernli. Die AG-Gründung half zwar punktuell, etwa bei der gezielteren Ansprache von Förderern, erschloss aber keine neuen Geldquellen. Die Stärke liegt in der organisatorischen Klarheit: «Jetzt ist transparent, wo das Geld hingeht.» Die Supportervereinigung Go4PfadiJuniors unterstützt die Nachwuchsarbeit jährlich mit rund 70’000 Franken. «Früher war das schwer nachvollziehbar. Heute ist sichergestellt, dass das Geld dort ankommt, wo es hingehört», so Wernli. Schwizer betont: «Transparenz erhöht Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Das ist in finanziellen Fragen entscheidend.» Dennoch bewirkte die AG keine enorme Einnahmensteigerung. «Unsere Einnahmen sind nicht wegen der AG gestiegen», sagt Wernli. Der grösste Effekt liegt in der Professionalisierung und klaren Trennung der Verantwortlichkeiten.
«Transparenz erhöht Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Das ist in finanziellen Fragen entscheidend.»
Lukas Wernli, Geschäftsführer Pfadi Winterthur

Zwischen Bilanzdruck und Ehrenamt
Trotz Fortschritten bleibt die wirtschaftliche Lage angespannt: Im ersten Jahr wurde die Hälfte des Startkapitals verbraucht, im zweiten Jahr entstand ein Minus von 157’000 Franken. 2024 wurde das Budget zwar eingehalten, dennoch bleibt ein Defizit von 40’000 Franken. Die AG verfügt über negatives Eigenkapital. Eine heikle Situation, die Sanierungsauflagen nach sich zieht. Eine Kapitalerhöhung lehnt Wernli ab: «Das wäre eine Niederlage. Wir wollen uns über Einsparungen und operative Verbesserungen ins Plus arbeiten.» Gleichzeitig muss der Klub die Balance zwischen sportlichem Ehrgeiz und finanzieller Vernunft halten. «Man darf nie in der Schuld seiner Gläubiger stehen. Bei weiterem Abrutschen müssten wir Quartalsabschlüsse liefern, das wäre für Ehrenamtliche kaum zu stemmen.»
Das Ehrenamt bleibt zentral. «Ohne geht es nicht», sagt Wernli. Doch die gesellschaftliche Realität hat sich geändert: «Früher war man automatisch Vereinsmitglied. Heute ist Engagement nicht mehr selbstverständlich.» Dank der neuen Struktur sei die Fluktuation jedoch gesunken. «Die Leute bleiben länger, weil die Aufgaben klarer sind.» Ein Spagat bleibt: «Von Ehrenamtlichen kann man nicht so viel verlangen wie von Angestellten.» Schwizer rät zu punktuellen Engagement-Möglichkeiten: «Vereine sollten Lösungen anbieten, wo sich Menschen gezielt einbringen können. Das lässt sich digital gut organisieren.»
Positives Fazit trotz Herausforderungen
Trotz Herausforderungen zieht Wernli ein positives Fazit: «Die AG-Gründung war richtig. Sie hat uns geholfen, die Organisation zu stabilisieren und transparenter zu werden.» Entscheidend sei nun, das Gleichgewicht zu halten zwischen finanzieller Verantwortung, sportlicher Ambition und dem Erhalt der Vereinsidentität. Ein Scheitern der AG hätte weitreichende Folgen: «2018 wären wir fast untergegangen. Sollte die AG scheitern, wäre die Lizenz für die Nationalliga A kaum zu halten.» Die Lehre ist klar: Nur solides Wirtschaften sichert das Überleben im modernen Handball. «Die Ausrichtung auf junge Spieler ist keine Option, sondern notwendig», sagt Wernli. «Am Ende zählt, dass Pfadi Winterthur als Ganzes funktioniert.»
Die Zukunft heisst Nachwuchs
In Zeiten, in denen Pfadi Winterthur finanziell kämpfen muss, wächst die Hoffnung aus der eigenen Jugend. Nachwuchsleiter Pascal Dörig begleitet jene, die den Traum vom Profi-Handball leben – Schritt für Schritt, Training für Training. Einer von ihnen ist Eren Bislimi. Der junge Torhüter der U19-Elite steht kurz davor, seinen Kindheitstraum zu erfüllen und den Sprung zu den Männern zu schaffen. Für Pfadi könnte er zu einem Symbol des Aufbruchs werden.
Video: Tim Kühnel
Die Sicht der Basis: Was die Abspaltung für den Breitensport bedeutete

Die Abspaltung der Pfadi AG blieb für viele kaum spürbar. Dennoch zeigen Spieler und Trainer, wo der Breitensport an Grenzen stösst.
Dem Geschäftsführer Lukas Wernli ist wichtig, dass alle mitgenommen werden und der Verein im Vordergrund steht, aber wie hat der Breitensport, also die Basis des Vereins, die Abspaltung damals wahrgenommen? Jan Sigrist und Yanis Strüby spielen im 1. Liga-Team der Spielgemeinschaft SG Seen Tigers/Pfadi Winterthur und haben den Prozess damals nicht gross mitbekommen. «Ich habe das mehr in den Medien verfolgt und durch ein wenig Hörensagen. Aber als Spieler habe ich nicht sehr viel davon mitbekommen, weil es sich auch nicht auf meinen Trainingsalltag ausgewirkt hat», sagt Sigrist. Strüby, welcher von den Seen Tigers in die Mannschaft kam, ergänzt: «Dadurch, dass ich nicht zu den Versammlungen durfte bzw. musste, weil ich kein Pfadi-Mitglied bin, habe ich es noch weniger mitbekommen. Klar hat man etwas gehört, aber der Jahresbeitrag ist jetzt irgendwie nicht um 100 % gestiegen oder so.» Auch der heutige Jugendleiter Pascal Döhrig, welcher auch Trainer des 1.Liga-Teams ist, war damals noch nicht im Verein. «Im Grundsatz habe ich damals schon gedacht, dass die Trennung Sinn macht. Vor allem aufgrund der Regularien der Quickline Handball Liga (höchste Spielklasse). So konnte man den Verein an sich etwas schützen, denn beide versuchen, ihren Part für den jeweils anderen zu leisten, aber sie funktionieren auch separiert voneinander», sagt er.
Sigrist und Strüby haben kaum Veränderungen, was das Handballspielen an sich angeht, mitbekommen. Denn die Berührungspunkte mit der Nati-A-Mannschaft waren auch vorher nicht so gross. Dennoch gab es auch kleine Veränderungen. «Mit den Saisonkarten sind sie etwas knauseriger geworden und es fällt auf, dass mehr aufs Geld geachtet wird», sagt Sigrist. Für Strüby, welcher bis zur vergangenen Saison noch als U15-Trainer aktiv war, gab es auch noch andere Veränderungen. «Dass in gewissen Bereichen Geld gespart wird, merke ich schon. Beispielsweise waren gewisse Hallen, in die wir früher zum Trainieren gehen konnten, aus finanziellen Gründen nicht mehr verfügbar und wir mussten uns mit älteren Hallen begnügen. Dennoch war das Trainieren noch möglich», sagt er. Dörig ergänzt: «Durch die grosse Sportdichte mit Yellow Winterthur oder dem HC Rychenberg ist die Sportdichte halt riesig und da muss man manchmal leider ausweichen.» Für ihr eigenes Training als Seniorenmannschaft habe sie das aber nicht betroffen.
Auch der Nachwuchsleiter hat handballerisch keine starken Veränderungen erlebt. «Auf der anderen Ebene merkst du die Trennung durch die unterschiedlichen Vorstände schon. Wobei beide natürlich am Schluss das Beste für das grosse Ganze wollen», betont Dörig. Das merke er auch daran, dass Stevan Kurbalija, Co-Trainer der Nati-A-Mannschaft, im Nachwuchs tätig ist oder Goran Cvetkovic als Cheftrainer der Nati A Athletiktraining im Nachwuchs macht. Der Nachwuchsleiter lobt: «Dadurch ist es schon eine Einheit, auch wenn beide Gremien manche Punkte natürlich ausdiskutieren müssen.»
Was sich die Basis für die Zukunft erhofft
Dennoch gibt es noch Wünsche für die Zukunft. «Für mich als Seniorenspieler gibt es da nichts, aber aus Trainersicht habe ich schon etwas. Durch die veränderten Hallen kam es vor, dass manchmal eine weggefallen ist aufgrund anderer Veranstaltungen. Dann wurde unsere Trainingszeit von Leistungsteams belegt, sodass wir zwei Wochen am Stück nicht trainieren konnten, aber am Wochenende trotzdem spielen mussten», sagt Strüby. Dort habe er schon gemerkt, dass der Breitensport etwas weggeschoben wurde. Dörig empfindet den Breitensport auch als sehr wichtig. «Du darfst die vermeintlich kleinen Player im Ganzen nicht vergessen. Denn die sind mindestens genauso wichtig. Wenn du die nicht hast, fehlen dir Helfer, Schiedsrichter und weitere Ressourcen.» Sigrist ergänzt: «Ich glaube, das hängt aber auch viel davon ab, wie sehr sich der Trainer Mühe macht. Pascal investiert zum Beispiel sehr viel Zeit und gibt uns alle wichtigen Informationen schnell und transparent weiter. Das mag nicht unbedingt in jeder Mannschaft so sein.» Dörig glaubt, dass dort für die Zukunft noch viel Potenzial schlummert. Das sehe er auch an Konstrukten wie der SG Winterthur, wo sich mehrere Vereine zur besseren Arbeit zusammengeschlossen haben.

Tim Kühnel ist ein deutscher Austauschstudent an der ZHAW, welcher neben seinem Studium im Sportjournalismus arbeitet. Er ist unter anderem Teil eines wöchentlich erscheinenden Podcasts über den FC Schalke 04 und arbeitet sonst viel im lokalen Fußball, Volleyball oder Handball.