Natacha hat ADHS und sagt: «Ich verstehe, dass gewisse Menschen das als Trenddiagnose sehen.»
Die psychische Störung sorgt für Aufmerksamkeit, Diskussionen und Zweifel. Die 22-Jährige zeigt, wie sich die Diagnose konkret anfühlt und auf ihren Alltag auswirkt, jenseits theoretischer Beschreibungen und Social-Media-Trends. Der Neuropsychologe Tomas Kianicka ergänzt diese Perspektive und ordnet den Diskurs fachlich ein.
Autorin: Shaline Freuler
Titelbild: Chaos im Kopf. Bildquelle: Shaline Freuler
Natacha Sasso redet viel, lacht laut – und stockt plötzlich, wenn ihre Gedanken im Kopf wieder Rennen fahren. Sie fühlt sich unsicher. In drei Worten beschreibt sie sich als chaotisch, impulsiv und sehr empathisch. Sasso hat seit zwei Jahren die Diagnose ADHS. Für sie ist das keine Krankheit, sondern eher eine Art Einschränkung. Über ihre Gefühle vor dem Interview sagt sie: «Ich fühle mich nicht unter Druck gesetzt, aber ich bin nervös und ich hoffe, dass ich zusammenhängende Sätze bilden kann und nicht zu lange rede.»
Im Videobeitrag «We, Myself & Why» erzählt Sasso, wie sie mit ihrer ADHS-Diagnose lebt: zwischen Reizüberflutung, alltäglichem Chaos und dem Versuch, wieder Ruhe und Struktur in ihr Leben zu bringen.
Video: Shaline Freuler
Im folgenden Fragen- und Antwortenkatalog – basierend auf Informationen des Universitätsklinikums Köln – ordnet Neuropsychologe Tomas Kianicka ADHS ein. Er ist nicht immer damit einverstanden, wie ADHS im Internet dargestellt wird. Anschliessend folgt ein Audio, in dem er vertiefend auf die Diskussion rund um ADHS als Trenddiagnose eingeht.
Neuropsychologie
Die Neuropsychologie beschäftigt sich mit den Funktionen des Gehirns wie zum Beispiel dem Denkvermögen, der Aufmerksamkeit, Persönlichkeits- und Verhaltensänderungen und emotionalen Störungen.
Quelle: Gesellschaft für Neuropsychologie
Fragen & Antworten
Was ist ADHS?
ADHS ist die Abkürzung für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und bezeichnet eine Verhaltensstörung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.

«Ein ADHS-Gehirn ist heute nicht per se ein geschädigtes Gehirn, sondern eine Variante einer speziellen Verarbeitung von Informationen.» – Tomas Kianicka, Neuropsychologe
Was sind die Kernsymptome von ADHS?
ADHS zeigt sich vor allem durch starke Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen, Impulsivität und bei manchen Betroffenen durch ausgeprägte körperliche Unruhe. Die Ausprägung verändert sich im Laufe des Lebens, aber die Kernprobleme bleiben oft ähnlich.
«Die Gesellschaft soll von den klassischen Symptomen wegkommen, da auch andere Symptome wie Emotionsregulationsschwierigkeiten im Vordergrund stehen können.» – Tomas Kianicka, Neuropsychologe
Was ist der Unterschied zwischen ADHS und ADS?
ADS ist das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom. Gemäss dem Kurzentrum Sonnenschein leiden Menschen mit ADS im Vergleich zu ADHS nicht an der hyperaktiven Verhaltensauffälligkeit. Sie fallen oft weniger auf als ihre hyperaktiven Kolleg*innen, obwohl sie meistens dieselben Herausforderungen im Alltag haben. Die Symptome von ADS und ADHS gehen fliessend ineinander über.

Grafik: Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Menschen mit ADHS und ADS. (Shaline Freuler)
Quelle: EnableMe – 20 Jahre Stiftung MyHandicap
Was sind die altersspezifischen Ausprägungen bei ADHS?
Die drei Kernsymptome bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS sind Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität.
Im Erwachsenenalter zeichnet sich ADHS hauptsächlich durch verminderte Aufmerksamkeit aus. Betroffene Erwachsene fühlen sich zudem oft innerlich ruhelos und getrieben.
Was sind die geschlechtsspezifischen Ausprägungen bei ADHS?
Aktuell diskutiert die Forschung geschlechtsspezifische Unterschiede bei Frauen und Männern mit ADHS und ebenso bei Kindern. Bei Frauen soll sich ADHS eher durch Verträumtheit, chaotisches Denken und Handeln, Unsicherheiten und Stimmungsschwankungen äussern.
Bei Männern hingegen zeigt sich ADHS eher durch starke innere Unruhe und Nervosität, Ungeduld und schnelle Ablenkbarkeit bei Routineaufgaben. Jedoch ist noch weitere Forschung notwendig, um diese geschlechtsspezifischen Symptome zu bestätigen und besser benennen zu können.
Wie entwickelte sich ADHS im Verlauf der Zeit?
Gemäss der Plattform «neuro spectrum» wurde ADHS erstmals vor 250 Jahren beschrieben. Schon damals gab es Kinder mit Konzentrationsproblemen. Zu jener Zeit wurde ADHS häufig als moralisches oder erzieherisches Problem angesehen.
Mitte des 20. Jahrhunderts entstand erstmals die Diagnose psychoorganisches Syndrom (POS). Dieses umfasste eine Vielzahl von Verhaltensauffälligkeiten wie Lernschwierigkeiten, Impulsivität und Hyperaktivität.
Ende des 20. Jahrhunderts erfolgte die Differenzierung von Verhaltensstörungen zwischen ADS und ADHS. In der Schweiz wurde die Diagnose POS weiterhin verwendet, aber im Jahr 2012 offiziell abgeschafft. Das Bewusstsein für ADHS im Erwachsenenalter war bisher noch nicht verbreitet.
Heute wird ADHS häufig als Modediagnose oder als ein Problem der digitalen Zeit dargestellt. Aus diesem Kontext stammt der Mythos der Überdiagnostizierung.
Ist ADHS heilbar?
ADHS ist nicht heilbar. Laut KIRINUS Health ist die psychische Störung mit entsprechender Therapie jedoch sehr gut behandelbar. Betroffene können durch gezielte Übungen lernen, ihr Verhalten zu kontrollieren und zu regulieren.
Wie lässt sich ADHS behandeln?
Folgende Behandlungsmöglichkeiten werden bei ADHS empfohlen: Information und Beratung, Verhaltenstherapie, medikamentöse Therapie und ergänzende Massnahmen.
Ist ADHS eine Trenddiagnose?
Laut Tomas Kianicka ist ADHS im Rahmen der sozialen Medien eine Trenddiagnose. Ein aktueller Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) warnt vor Risiken bei Fehldiagnosen. Im Gespräch erklärt Kianicka mehr zum aktuellen Diskurs und zu den Risiken.
Audio: Shaline Freuler
Sasso atmet tief ein und wieder aus. Das Interview ist jetzt vorbei und sie kann sich wieder entspannen. Kianicka und Sasso zeigen, dass ADHS weit mehr als einfach nur eine Debatte über eine Trenddiagnose ist. Sie machen deutlich, wie wichtig ein differenzierter Blick auf ADHS ist. Abschliessend sagt Natacha: «Wir suchen uns diese Diagnose nicht aus und sie macht auch keinen Spass, denn ADHS kann einen mental sehr stark mitnehmen und das wird in den sozialen Medien oft sehr schnell vergessen.»

Shaline Freuler studiert Kommunikation mit der Vertiefung Journalismus an der ZHAW in Winterthur. Sie interessiert sich besonders für gesellschaftliche und kulturelle Themen.