Menia Bentele: Zwischen Berner Sand und Olympiatraum
Vier Schweizer Frauen-Beachvolleyballteams kämpfen um zwei Olympia-Plätze für 2028. Die junge Menia Bentele erlebt, was ihr erstes Profijahr mit sich bringt, und greift sogleich von hinten an –in einem Sport, in dem Erfahrung alles ist.
Autorin: Simea Rüegg
Bild: Mit jeder Ballannahme macht Menia einen Schritt Richtung Weltspitze. (Bild: Menia Bentele)
Eigentlich lebt sie seit zwei Jahren so. Doch 2025 beginnt das Abenteuer als Beachvolleyballprofi für Menia Bentele nochmals neu. Heute ist Menia 24 Jahre alt. Soeben hat sie mit der 22-jährigen Blockspielerin Annique Niederhauser die erste gemeinsame Saison abgeschlossen. Der Schweizer Verband Swiss Volley formierte die Nationalteams nach den Olympischen Spielen 2024 in Paris neu.
Menias erste Saisons waren geprägt von Partnerwechseln und gespickt mit ersten Erfolgen. Nun startet das Duo Annique/Menia als junges, aber langfristig angelegtes Team in den nächsten Vierjahreszyklus. Sie haben unbestritten Potenzial. Aber drei andere, erfahrene Schweizer Teams brillieren mit Resultaten und stehen ihnen vor der Sonne. Die Nummer vier der Schweiz hat ein Ziel: Los Angeles 2028.
Vier Teams sind zwei zu viel
«Momentan scheinen wir nach den Sternen zu greifen», grinst Menia. Sie scheut sich nicht, Ambitionen zu zeigen. Doch zwischen Berner Sand und Olympiatraum steht «die alte Garde». Die drei vor ihnen platzierten Teams, gespickt mit vier Olympiamedaillengewinnerinnen, arbeiten weiter.
Wer darf an Olympia teilnehmen?
Jede Nation darf pro Geschlecht maximal zwei Teams stellen. Die Duos qualifizieren sich über spezielle Turniere oder direkt über ihre Position in der Weltrangliste innerhalb der besten 16. Wären dort aber beispielsweise bereits drei Schweizer Teams, dann ist unter Umständen eine Top-Ten-Platzierung gefordert, um bei Olympia dabei zu sein.
Beachvolleyball lebt von Erfahrung. Üblicherweise reifen Junge neben Routiniers heran und lernen aus erster Hand. Aber Menia Bentele baut in einem auf beiden Positionen jung besetzten Team eine Karriere auf. Die Weltspitze ist ihr klares Ziel vor Augen. Doch die Hierarchie im Schweizer Kader ist klar definiert.
Ein Sport mit aussergewöhnlicher Struktur
Für Menia ist die spielerische Qualität des Schweizer Beachvolleyballs mehr ein Problem, das sie vor sich hat. Oder wohl eher um sich. Bei Swiss Volley trainieren die Nationalteams im selben Sand in Bern. So feilt die Baslerin zum Auftakt der Saisonvorbereitung im Dezember mit Joana Mäder an Fitness und Technik. Die Olympiadritte von 2021 und frisch gebackene Mutter kämpft um dieselben Startplätze.
Menias Alltag in der Saisonvorbereitung
Miteinander gegeneinander
Aufschlag zur Saisonvorbereitung: Menia Bentele trainiert mit ihrer direkten Konkurrenz im Nationalkader. Ein solcher Partnertausch ist Alltag für die Beachvolleyballerinnen.
Backsteinhäuser zur Linken, eine Laderampe zur Rechten: Das ist Berner Industrie an einem Montag Anfang Dezember. Geradeaus geht es durch die Eingangstür zum Zentweg. Draussen liegt die Temperaturen nahe am Nullpunkt, drinnen beginnt für die Nationalspielerin Menia Bentele die Saisonvorbereitung im Sand.
Gleicher Trainer, anderes Team
Es ist erst die zweite Trainingswoche. «Wir tasten uns Schritt für Schritt ans Spiel heran und finden heute eher heraus, wie Beachvolleyball überhaupt funktioniert», lacht die 24-Jährige, bevor sie in der Beachhalle aufs Feld geht.
Zunächst trainiert Menia nicht mit ihrer 22-jährigen Partnerin Annique Niederhauser. Beim Passspiel zum Aufwärmen steht ihr Joana Mäder gegenüber, Olympiabronzegewinnerin von 2021, zehn Jahre älter und zugleich Gegnerin. Beide spielen in unterschiedlichen Duos, gehören aber demselben Nationalkader an und treffen an Turnieren aufeinander.
«Im Beachvolleyball sind wir auf eine Partnerin angewiesen. Die Auswahl ist begrenzt, daher sind solche Durchmischungen normal», erklärt Menia. In Trainingslagern absolviere sie sogar ganze Einheiten mit ausländischen, ebenfalls konkurrierenden Teams.
Der Schweizer Verband Swiss Volley engagierte Coach Spiros Karachalios. Der Grieche leitet den heutigen, zweistündigen Trainingsblock. Er verantwortet sowohl Menias als auch Joanas Team. Die Spielidee ist demnach bei beiden Duos dieselbe.

Spiros serviert den Ball übers Netz auf Menia. Die Defensivspielerin lenkt ihn zu Joana nach links, die das Zuspiel nach aussen platziert. Menia springt, schlägt, punktet. Beide profitieren von dieser Übung für ihr jeweiliges Team. Sie klatschen jubelnd ab.
Der Ehrgeiz zwischen den beiden bleibt dennoch. «Natürlich will ich mit meiner Partnerin besser sein als sie», stellt Menia klar. Der Austausch sporne sie an und die Trainingsqualität steigere sich dadurch enorm.
Gemeinsames Einzeltraining im Gym
Dasselbe Bild zeigt sich später im Fitnessstudio. Menia arbeitet am Kraftaufbau, folgt ihrem Trainingsplan und notiert jede Wiederholung in der Exceltabelle auf dem Handy. Neben ihr absolvieren Julian Friedli und Nina Brunner ihre Programme. In den Pausen entstehen immer wieder kurze Gespräche mit dem Nationalspieler Julian sowie mit Nina, einer weiteren Konkurrentin.
Der Athletikcoach von Swiss Volley beobachtet die Kniebeugen, Klimmzüge und Boxsprünge seiner drei Schützlinge. «Und push! – Sauber, Meni!» Nicht nur er motiviert, auch die Beacherinnen und Beacher spornen sich gegenseitig an. Die Fitness ist entscheidend fürs Spiel. Je besser die körperliche Verfassung, desto mehr Kapazität bleibt für den Ball.
Menia braucht diese Kapazität auch abseits des Spielfelds, damit ihr Profileben funktioniert. Erholung in Form von Sauna, Physiotherapie oder einem Nickerchen sei zentral: «Da schneiden wir Athleten aber am schnellsten eine Scheibe ab», gesteht die Baslerin. Hinzu kommen Ernährung und Studium.
Das Studium ist die Absicherung für ihre Zukunft. Zur täglichen Arbeit vor und während der Saison gehören zudem Reiseplanung und Sponsorensuche. Swiss Volley ist nicht Menias Arbeitgeber, die Beacherinnen organisieren ihren Alltag selbständig.
Partnertausch zum eigenen Vorteil
Also, selbständig im Team. Dieses ist für Menia bald wieder komplett: Ihre Partnerin kehrt kommende Woche zurück. Annique hatte eine längere Saisonpause, da sie im November noch an der WM spielte. Allerdings trat sie da nicht mit Menia an, sondern als Ersatz für eine andere, verletzte Nationalspielerin.
Auch das gehört für Menia dazu. «Dass Annique diese WM spielen konnte, ist mega schön», meint sie und ergänzt grinsend: «Ausserdem profitiere auch ich davon, wenn meine Partnerin Erfahrungen auf diesem Niveau sammelt.»
Das WM-Abenteuer ist für das junge Duo viel wert, denn Beachvolleyball ist ein Erfahrungssport. Und diese Erfahrung wird auch unter Konkurrentinnen weitergegeben.
Die Defensivspielerin findet diese Umstände «sehr schön». Sie hat Vorbilder im Training und erhält Inputs. Zudem profitiert die ganze Sportart von der Sichtbarkeit der etablierten Namen wie Vergé-Dépré, Hüberli oder Brunner: Sie generieren Geld. Und der Verband kann dadurch Coaches engagieren, aus denen alle Athletinnen Nutzen ziehen.
Genauso kommt den Sportlerinnen der Neubau des «Home of Beach» zugute. Es ersetzt das alte Beachcenter durch moderne Infrastruktur. Dieses Grossprojekt wird mittels Crowdfunding realisiert. Der Weg war holprig und gemäss Beachszene dank Menschen mit Leidenschaft und Durchsetzungswillen machbar.
Beachvolleyball als Randsportart lebt von Personen, die keine Mühe scheuen und sich besonders ins Zeug legen. «Verbände haben stets ein schwieriges Leben», konstatiert Menia. Swiss Volley aber habe die Herausforderungen des schnelllebigen Umfelds einer Sportbranche gut im Griff, besonders in der Nachwuchsarbeit. Das freut die 24-Jährige: «Es hat vielversprechende Nachwuchsteams in der Pipeline.»
Ein Kultur- statt Verbandsproblem
Doch die ersten Schritte im internationalen Sand auf der Beach Pro Tour, die der Weltverband seit 2022 im neuen Kleid führt, sind hart. Die Struktur erschwert den Aufstieg im Ranking, der Sprung unter die besten 16 der Welt – die Elite16 – ist fordernder denn je.

Zwar herrscht im Beachvolleyball Gleichberechtigung in Sachen Geld, Turniere und Aufmerksamkeit. In der Schweiz ist das Menias früherer Trainerin Dorothea Hebeisen und deren Mitspielerinnen zu verdanken, die zu Aktivzeiten für dasselbe Preisgeld wie das der Männer streikten.
Aber gibt es Luft nach oben auf der Tour. «Ich hoffe, dass organisatorisch mehr aufgegleist wird», meint Menia. Preisgeldaufteilung, Livestreams und mangelndes Bildmaterial für die eigene Vermarktung in den sozialen Medien sorgen für Frust bei den Spielerinnen.
Auch finanziell stehen junge Athletinnen unter Druck. In der Schweiz wird Leistungssport zwar unterstützt, aber in der hiesigen Kultur liegt sein Stellenwert tiefer als in anderen Ländern. Nur ein gestandenes Team – in etwa mit regelmässigen Elite16-Viertelfinals wie die besten Schweizer Duos – kann vom Beachvolleyball komfortabler leben.
Für Menia ist ihre Karriere kein Minusgeschäft, aber ein Risiko. «Den Rappen umdrehen» müsse sie nicht, doch sie muss jeden Rappen suchen. Sie ist abhängig von der Schweizer Armee oder den jährlich 12’000 Franken des Lotteriefonds Basel-Stadt und von Stiftungen wie die Schweizer Sporthilfe, deren Beiträge zwischen 6’000 und 24’000 Franken liegen. Jedes Jahr muss sie Formulare ausfüllen, Prozesse durchlaufen und bangen.
Dazu kommt der Leistungsdruck: Erfolge entscheiden über Unterstützungsgelder und das Interesse von Sponsoren. Letztere müssen sich die Sportlerinnen mit viel Zeitaufwand selbst suchen. Menia profitierte von ihrem WM-Intermezzo 2023 mit Anouk Vergé-Dépré, die ihr als Profi Einblick in ein Netzwerk gab. «Annique und ich hätten schlichtweg zu wenige Kontakte», bilanziert die Baslerin. Auch hier gilt: Beachvolleyball ist ein Erfahrungssport.
Unsicherheit prägt nächsten Schritt
Erfahrung sammelt Menia zeitgleich im Fernstudium Journalismus. Durch den Sport studiere sie zwar «unglaublich ineffizient», doch die Ausbildung bietet Planungssicherheit für die Zeit nach der Karriere.
Der Sport beeinflusst jeden Bereich in Menias Leben. Um zwischen Studium, Freizeit und Training zu balancieren, holt sich die junge Defensivspielerin professionelle Unterstützung.
Anders sieht die Gegenwart aus. Weder Finanz- noch Turnierplanung sind Anfang Dezember für die kommende Saison abgeschlossen. Da ist beispielsweise ein Sponsor, der weniger als letztes Jahr bietet. Das mache sie etwas nervös, erklärt Menia.
Das Duo Nummer vier lebt von Resultat zu Resultat. Jede gute Platzierung kann die Qualifikation für ein höheres Turnier und damit die Möglichkeit auf mehr Reichweite eröffnen. Annique und Menia wollen professioneller werden.
Das kostet Nerven und Geld. Ein Aufwand, den Menia gerne bereit ist zu leisten, wenn als Lohn Olympia 2028 winkt.

ist fasziniert von Sprache und Sport – in allen Facetten. Darum ist Kommunikation ihr Bachelorstudium und zeitgleich ein Herzensprojekt.



