Ein Zufluchtsort für alle: Der Winter bringt Mitarbeitende der Pestalozzi-Bibliothek Zürich an ihre Grenzen
Warm, kostenlos, offen für alle: Die Pestalozzi-Bibliothek Zürich ist für viele Menschen ein wichtiger Rückzugsort. Gerade in den kalten Monaten führt diese Offenheit aber auch zu mehr Konflikten. Eine Mitarbeiterin spricht von Überforderung, ein ehemals Obdachloser erklärt die Wichtigkeit der Räume.
Autorin: Sofie David
Titelbild: Die Pestalozzi-Bibliothek in der Zürcher Altstadt bietet Licht und Wärme, wenn es draussen kalt ist. (Bild: Sofie David)
Ein kalter Novembermorgen in der Zürcher Altstadt. In der Pestalozzi-Bibliothek Zürich (PBZ) ist ein Konflikt entbrannt. Auslöser ist das Handy einer Besucherin, das immer wieder klingelt. Als sich ein anderer Gast deswegen an der Theke beschwert, beginnt die Handybesitzerin ihn lauthals zu beschimpfen und herumzuschreien.
So erinnert sich Lea Schmidt an die Situation, die bereits einige Wochen zurückliegt. Sie arbeitet seit mehreren Jahren in der PBZ. Da sie dort weiterhin angestellt ist, möchte sie lieber anonym bleiben.
Die Frau mit dem Handy sei derart ausgerastet, dass Schmidt sie schliesslich der Bibliothek verwies. Weshalb die Reaktion der Besucherin so heftig ausfiel, kann Schmidt nicht beurteilen.
Klar ist jedoch: In die PBZ zieht es alle möglichen Personen. Neben Bücherfans, Jugendlichen und Studierenden auch Menschen in prekären Situationen, etwa Obdachlose, Asylsuchende oder Personen mit psychischen Erkrankungen. Besonders im Winter werden die warmen Bibliotheksräume zum Zufluchtsort für verschiedenste gesellschaftliche Gruppen.
Wieso nicht von «Randständigen» schreiben?
Orte wie die PBZ sind auch Anlaufstellen für Menschen, die von der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Dazu gehören Obdachlose, aber auch Menschen mit psychischen Erkrankungen, Asylsuchende und finanziell benachteiligte Menschen. Gestützt auf die Empfehlung des Berufverbands Soziale Arbeit Schweiz, Avenir Social, werden diese Personen nicht als «Randständige» bezeichnet.
Gemäss Berufsverband ist der Begriff abwertend und stigmatisierend, denn er bezeichnet eine «Abweichung von einer Norm, und zwar in eine von der Gesellschaft als negativ bewertete Richtung». Das Wort definiere lediglich die Position einer Person und nicht die Gründe, warum eine Person dort steht. Eine Person, die sehr viel Geld habe, sei theoretisch genauso weit von der Norm weg wie eine sehr arme Person. Allerdings gehen bei ihr keine Benachteiligungen mit ihrer Position einher.
Mehr Konflikte im Winter
Das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Menschen könne zu Spannungen führen, sagt Lea Schmidt. «In den kalten Monaten haben wir generell mehr Besucher:innen. Und alle haben ihre eigene Vorstellung davon, was die Bibliothek sein soll.» Manche Leute meinten zum Beispiel, es müsse unbedingt leise sein, dabei gäbe es diese Regel gar nicht.
Diskussionen würden zum Teil rasch eskalieren, sagt sie. Manchmal reiche es, die Leute wegzuschicken, manchmal müsse man auch die Sozialambulanz SIP Zürich oder die Polizei deswegen rufen. Was man laut Schmidt im Sommer eher mal auf der Badewiese oder am Bahnhof miterlebt, findet in der kalten Jahreszeit in der PBZ statt. «Viele Mitarbeiter:innen kommen dadurch an ihre Grenzen», sagt Schmidt. «Wir sind keine ausgebildeten Sozialarbeiter:innen.»
Austausch mit der Sozialambulanz
Damit die Mitarbeitenden auf solche Konfliktsituationen vorbereitet sind, führe die Bibliothek regelmässig Schulungen durch, erklärt Felix Hüppi, Direktor der PBZ. Dabei gehe es aber auch um Kund:innenkontakt ganz generell. «Bei Konflikten suchen wir zunächst das Gespräch.» Es sei vorgesehen, dass die Mitarbeiter:innen jeweils zu zweit auf die auffällige Person zugehen.
Wenn das Gespräch nicht helfe, habe man einen guten Austausch mit der SIP, sagt Hüppi. «Es gibt auch Besucher:innen, die psychische Auffälligkeiten haben. Wenn diese eine Episode haben, ist die SIP eine wichtige Anlaufstelle.»
Im Ernstfall bestehe überdies immer auch die Möglichkeit, die Polizei zu rufen, doch Situationen, bei denen Mitarbeiter:innen der PBZ körperlich bedroht waren, habe es bislang nicht gegeben.
Anlaufstelle für Obdachlose
So manche Konfliktsituation hat auch Nicolas Gabriel in der Bibliothek bereits miterlebt. Er sitzt am Fenster in der PBZ Altstadt und blickt auf die Passant:innen, die draussen im Nieselregen vorbeilaufen. Viele Stunden hat er hier so zugebracht.
Gabriel war über 15 Jahre lang obdachlos und kam beinahe täglich hierhin – um zu verweilen und um sich aufzuwärmen. Dass es Orte wie die PBZ gebe, sei für Obdachlose sehr wichtig. «Der Winter ist lange genug und Frühling und Herbst sind auch nicht besonders warm. Es gibt sehr viele Stunden am Tag, wo es draussen unangenehm ist», sagt er.
In der PBZ mit Nicolas Gabriel

Nicolas Gabriel ist Surprise Stadtführer und Zeitungsverkäufer. (Bild: Maurice Haas)
«Die eigentlichen Institutionen für Obdachlose sind zwar sehr gut, aber platzmässig auch beschränkt. Da kann man nicht immer zehn Stunden bleiben.»
Nicolas Gabriel zog nach der Trennung mit seiner ehemaligen Partnerin aus der gemeinsamen Wohnung aus und wurde obdachlos. An seinen Stadtführungen für das Strassenmagazin Surprise zeigt er Orte, an denen er sich zu dieser Zeit viel aufhielt. Dazu gehört auch die PBZ-Filiale in der Altstadt.
Im Audio erzählt er, welche Relevanz die Bibliothek für verschiedenste Menschen hat und wieso er weiterhin fast jeden Tag hierhin kommt.
Wie Nicolas Gabriel schätzen viele Menschen öffentliche Bibliotheken, nicht nur wegen der Bücher, sondern auch, weil man dort ungestört für längere Zeit bleiben kann.
In der Soziologie werden solche Räumlichkeiten auch als sogenannte «Dritte Orte» bezeichnet. Sie sollen einen Ausgleich zum zu Wohn- und Arbeitsplatz, dem «Ersten Ort» und dem «Zweiten Ort», bilden. Dafür sollen sie der breiten Bevölkerung offenstehen und als Treffpunkt dienen.
Auf die Pestalozzi-Bibliothek bezogen heisst das, dass man sich dort kostenlos aufhalten kann. Man benötigt weder ein Abonnement, noch muss man etwas konsumieren. Auch sanitäre Anlagen wie Toiletten und ein Wickeltisch stehen zur Verfügung sowie kostenlose Computerplätze und freies Internet.
Damit die PBZ dies anbieten kann, wird sie von der Stadt Zürich jährlich mit über zehn Millionen Franken subventioniert. Im Mai dieses Jahres beantragte der Stadtrat, die jährlichen Beiträge auf künftig 11 030 800 Schweizer Franken zu erhöhen, um der Teuerung entgegenzuwirken. Dabei verwies er darauf, dass es sich bei der PBZ um eine «bedeutende Kulturinstitution» handle, die der breiten Masse einen niederschwelligen Zugang zu einer Vielzahl von physischen und digitalen Medien ermögliche. Mit 14 Standorten verzeichnet die Bibliothek rund eine Million Besucher:innen im Jahr.
Bibliothek für alle – unter gewissen Bedingungen
Gabriela Mattmann leitete von 2012 bis 20218 die Pestalozzi-Bibliothek in der Zürcher Altstadt, welche mit rund 98’000 Gäst:innen jährlich die grösste Filiale der PBZ ist.
Während ihrer Zeit als Filialleiterin war vor allem der Umgang mit obdachlosen Personen ein Thema. Aufgrund von Reklamationen suchte sie Unterstützung bei einer Sozialarbeiterin und passte schliesslich die Hausordnung an. Im Dialog mit anderen PBZ-Standorten zeigte sich, dass nicht alle mit denselben Herausforderungen konfrontiert sind.

Gabriela Mattmann, ehem. Leiterin der PBZ Altstadt, arbeitet heute in der Stadtbibliothek Zug als Mitarbeiterin Kulturelle Bildung und Vermittlung. (Bild: zVg)
Interview mit Gabriela Mattmann: «In der Bibliothek zu arbeiten, bedeutet nicht, im stillen Kämmerchen zu sitzen»
Sofie David: Spielen Bibliotheken in einem digitalen Zeitalter, wo die meisten Informationen gratis im Internet abrufbar sind, überhaupt noch eine Rolle?
Gabriela Mattmann: Selbstverständlich! Gelesen wird immer. Ausserdem leihen sie nicht nur Bücher aus, sondern auch andere Medien. Sie sind wichtige Stätten der Wissensvermittlung.
Inwiefern?
Bibliotheken organisieren zum Beispiel Veranstaltungen. Die PBZ organisiert etwa Vorleserunden für Kinder in verschiedenen Sprachen. So profitieren auch diejenigen, die zu Hause nicht nur oder kein Deutsch sprechen. In Zürich gibt es nur wenige andere Institutionen, die so vielfältige Veranstaltungen für Kinder anbieten, wie die PBZ.
Die Bibliothek wird aber nicht nur von Kindern besucht.
Stadtbibliotheken, wie die PBZ eine ist, sind wirklich offen für alle. Sie sind auch als Aufenthaltsorte wichtig und identifizieren sich sehr stark mit dem Konzept des Dritten Ortes. Sie sind konsumfrei, niederschwellig und Treffpunkte für verschiedene Menschen. Man kann kommen, ohne etwas konsumieren oder ausleihen zu müssen, man braucht nicht einmal eine Bibliothekskarte.
Ist die Bibliothek wirklich für alle da? Während Ihrer Zeit in der PBZ Altstadt war vor allem der Umgang mit obdachlosen Personen ein Thema, wie Sie damals in einem Bericht geschrieben haben. Wie sind Sie damit umgegangen?
Das war in der Tat eine Herausforderung. Es gab zum Beispiel einen Besucher, der regelmässig mit Sack und Pack vorbeigekommen ist. Man hat gemerkt, dass er obdachlos ist. Es gab Reklamationen von anderen Besucher:innen über den Geruch, weshalb ich mit ihm das Gespräch gesucht habe.
Wie lief das?
Solche Gespräche sind nie leicht. Ich habe damals auch eine Sozialarbeiterin der Stadt um Unterstützung gebeten. Ich habe mein Bestes getan, das Gespräch auf Augenhöhe zu führen und ihn darauf hingewiesen, dass der Geruch und das viele Gepäck störten. Schliesslich habe ich ihn ans Gassencafé Yucca verwiesen.
Wie ging es danach weiter?
Die PBZ Altstadt hat schliesslich ihre Hausordnung angepasst und festgehalten, dass man nicht zu viel Gepäck mitnehmen darf und Lärm- und Geruchsemissionen vermeiden soll. Es war wichtig, das schriftlich zu notieren, um darauf verweisen zu können. Die Bibliothek ist für alle da, aber dazu gehört, dass sich auch alle wohlfühlen sollen. Wenn man sich an die Regeln hält, ist man willkommen.
Sie haben damals eine Sozialarbeiterin um Hilfe gebeten. Gab es denn von der PBZ intern keine Hilfestellungen?
Nein, einen offiziellen Leitfaden oder Anlaufstellen innerhalb der PBZ gab es nicht. Wir haben uns intern ausgetauscht und diskutiert. Es hat sich gezeigt, dass diese Themen an anderen Standorten längst nicht so präsent sind, wie in Oerlikon oder in der Altstadt, die viel grösser und anonymer sind. In einem Team herrschen zum Teil auch unterschiedliche Vorstellungen davon, wie man mit schwierigen Situationen umgeht. Das wird in Teamsitzungen und Weiterbildungen immer wieder besprochen. Auch im Fachverband ist das Thema.
Was passiert denn, wenn sich Mitarbeiter:innen solche schwierigen Gespräche nicht zutrauen? Ist das einfach ein Teil des Berufs?
Es kommt natürlich darauf an, in welchem Bereich man angestellt ist, aber in der Bibliothek zu arbeiten, bedeutet in der Regel nicht, im stillen Kämmerchen zu sitzen und Bücher zu sortieren. Man muss auf Menschen zugehen können. Das Jobprofil hat sich hier in den letzten 20 bis 30 Jahren sehr verändert.
Finanzielle Mittel für Sozialarbeitende fehlen
Laut PBZ-Direktor Felix Hüppi ist die Offenheit der Bibliothek Grund dafür, dass es dort auch zu Konflikten kommt. «Weil bei uns alle willkommen sind, werden die gesellschaftlichen Herausforderungen bei uns sichtbar», sagt er.
Um die Belastung für die Mitarbeitenden zu reduzieren, sei auch eine zusätzliche Stelle für Sozialarbeiter:innen bereits thematisiert worden. «Zurzeit ist es jedoch so, dass wir das aus dem eigenen Budget zahlen müssten.» Dafür fehlten die finanziellen Mittel, sagt er.
Bibliotheksarbeiterin Lea Schmidt unterstreicht ebenfalls, dass die PBZ einen grossen gesellschaftlichen Beitrag leiste. «Die Bibliothek ist für alle da und das soll sie auch sein», sagt sie. Das Problem seien nicht die Besucher:innen und auch nicht, dass die PBZ zu wenig Massnahmen ergreife, sondern dass es generell zu wenig Orte wie die Bibliothek gebe.

Sofie David studiert Kommunikation und Medien mit Schwerpunkt Journalismus an der ZHaW. Neben dem Studium arbeitet sie beim Stadtmagazin Tsüri.ch.




