Der Reiz vom US-College für Schweizer Fussballerinnen
Während in der Schweiz kaum Fussballerinnen vom Sport leben können, bietet in den USA bereits der College-Sport professionelle Bedingungen. Viele Schweizerinnen zieht es deshalb in jungen Jahren über den Atlantik.
Autor: Julian Sigrist
Titelbild: Die Zuzwilerin Jael Schubert spielt als eine von vielen Schweizerinnen College-Fussball in den USA. (Bildquelle: Jael Schubert)
Die Fussballerinnen Lara Dickenmann (39), Coumba Sow (31) und Daniela Schwarz (40) haben etwas gemeinsam. Sie alle haben in ihren jungen Jahren am College in den USA gespielt, ehe sie in der Folge Dutzende Länderspiele für die Schweiz absolviert haben. Dass viele Spielerinnen den Traum ihrer Karriere in den Vereinigten Staaten weiterverfolgen, ist kein Zufall. Der Weg zum Profi ist dort nämlich deutlich kürzer.
Ein Blick auf eine Umfrage der «Luzerner Zeitung» zeigt: In der höchsten Schweizer Liga ist es eine absolute Ausnahme, wenn eine Spielerin von ihrem Gehalt leben kann. Viele Akteurinnen müssen nebenbei noch 80 bis 100 Prozent arbeiten. In der NWSL, der höchsten US-Liga, ist das anders. Die aktuelle Gehaltsuntergrenze liegt nächste Saison bei rund 4’200 US-Dollar im Monat und wird bis 2030 auf knapp 7’000 US-Dollar angehoben. Sophia Wilson (25) als bestbezahlte Spielerin verdient aktuell rund 41’600 US-Dollar pro Monat.

Höheres Niveau in den USA?
Jemand, der sich ebenfalls für den Weg ans College entschieden hat, ist Jael Schubert (21) – auch wenn sie nicht unbedingt eine Profikarriere anstrebt. «Man sagt ja immer, dass Träumen erlaubt ist. Aber ich würde nicht sagen, dass das mein grosses Ziel ist. Ich weiss, dass das trotz den tollen Umständen hier sehr schwierig ist», sagt die Torhüterin der St. Bonaventure University.
Jael Schubert im Porträt
Vom FC Zuzwil in die höchste College-Liga der USA
Schon in jungen Jahren wollte Jael Schubert Medizin studieren – Fussball war für sie lange nur ein Hobby. Doch ein Angebot von einem US-College änderte die Pläne der Zuzwilerin.

Die Saison der Bonnies, dem Fussballteam der St. Bonaventure University im Südwesten des Bundesstaats New York ist vorbei. Und damit auch die letzte Saison an einem US-College für Jael Schubert (21). Im Sommer 2022 zog es die Zuzwilerin in die Vereinigten Staaten, um dort Fussball zu spielen. «Als ich als kleines Mädchen begonnen habe, hätte ich natürlich nie gedacht, dass es mich mal hier hinführt», sagt sie.
Anfänge beim FC Zuzwil
Im Alter von fünf Jahren begann Schubert wegen ihren beiden älteren Schwestern mit dem Fussballspielen im eigenen Garten. Wenig später trat sie erstmals einem Verein bei, dem FC Zuzwil aus ihrem Heimatdorf. Nach rund vier Jahren wechselte sie in den Nachbarort zum FFC Uzwil, wo sie auch erstmals im Tor stand. Nicht, weil sie zu einem grösseren Verein wollte, sondern weil es in Uzwil bereits in den unteren Stufen Mädchenmannschaften gab. «Bei Zuzwil habe ich immer mit den Jungs gespielt, was nicht schlimm war. Aber irgendwann wollte ich einfach mit den Mädchen spielen», sagt sie.
Dort spielte Schubert mehrere Saisons, ehe sie im Sommer 2020 ein Angebot von den Grasshoppers erhielt. Die Zuzwilerin absolvierte zu diesem Zeitpunkt die Kantonsschule in Wil, zögerte trotz des vergleichsweise langen Anreiseweges aber keine Sekunde: «So eine Chance erhältst du nur einmal.» Bei GC spielte sie erst ein Jahr in der U17, ehe der Sprung in die U19 erfolgte. «Das hat mich schon einiges an Zeit gekostet», erinnert sie sich. Vor allem an den Wochenenden sei häufig ein ganzer Tag für den Fussball drauf gegangen.
Angebot aus den USA
Trotzdem schaffte es Schubert ohne jegliche Probleme durch die Schulzeit. In ihrem letzten Jahr musste sie sich dann wie jede:r Gymnasiast:in entscheiden, wie es nun weitergeht. Und ihre Entscheidung war eigentlich klar: Sie wollte Medizin studieren, das hatte sie schon als Kind gewusst. Eine berufliche Zukunft im Sport, wie es viele Spielerinnen auf hohem Niveau machen, kam und kommt für sie nicht in Frage. «Ausser wenn ich auf dem Fussballplatz stehe, interessiere ich mich sehr wenig für Sport. Da befasse ich mich lieber mit Büchern oder Musik», erklärt sie.
Im Frühjahr 2022 bot sich für die Zuzwilerin aber noch eine andere Möglichkeit. Sie erhielt ein Angebot für ein Stipendium von der Bethel University aus den USA. Ihr komplettes vierjähriges Studium würde finanziert werden, damit sie für die Universität im Bundesstaat Indiana Fussball spielt. Für Schubert war das eine schwierige Entscheidung: «Ich habe sehr lange darüber nachgedacht. Vor allem, weil wir in der Schweiz ein sehr gutes Bildungssystem haben. Ich musste mir überlegen, ob dich das opfern möchte.» Doch die Zuzwilerin wollte etwas erleben. Und so entschied sie sich dazu, das Angebot anzunehmen. «Ich kann in der Schweiz immer noch Medizin oder sonst etwas studieren, wenn ich möchte. Aber das war eine einmalige Möglichkeit», so Schubert.
Verletzung in der letzten Saison
Die ersten beiden Jahre in den USA verliefen für die Torhüterin super – vor allem auf dem Fussballplatz. Mit der Bethel University gewann sie den Titel in der National Christian College Athletic Association (NCCAA) und wurde ins All-Star-Team der Saison gewählt. Das ermöglichte ihr, im Sommer 2024 zu einem grösseren College, der St. Bonaventure University, zu wechseln. Diese tritt in der Division I der National College Athletic Association (NCAA) an, der höchsten Liga im US-College-Sport.
Bei den Bonnies war Schubert in ihrem ersten Jahr gesetzt. In dieser Saison verletzte sie sich jedoch früh am Oberschenkel. «Eine Verletzung ist immer doof. Aber dass ich die letzten Spiele am College nur zusehen konnte, war schon sehr bitter», sagt sie. Gelohnt habe sich das Abenteuer in den USA trotzdem. «Ich konnte das Maximum aus meinen fussballerischen Fähigkeiten rausholen und sehen was mit optimalen Rahmenbedingungen drin liegt. Gleichzeitig hatte ich keinerlei Druck, weil ich währenddessen mein Studium absolvieren konnte», so die Zuzwilerin.
Dieses ist im Gegensatz zur Fussballsaison allerdings noch nicht jetzt, sondern erst im kommenden Sommer zu Ende. Dann kehrt Schubert in die Schweiz zurück. Wie es dann weitergeht, weiss sie noch nicht – weder sportlich, noch beruflich. Klar ist nur: «Fussballspielen werde ich weiterhin.»
Die Unterschiede zwischen den Vereinigten Staaten und der Schweiz, seien durchaus gross, so Schubert: «Nicht unbedingt in der Spitze, natürlich hatten wir auch in der Schweiz sehr talentierte Spielerinnen. Aber hier herrscht auf fast allen Positionen ein sehr grosser Konkurrenzkampf.» Doch warum ist das der Fall? Haben die Amerikanerinnen so viel mehr talentierte Fussballerinnen? «Das würde ich nicht unbedingt sagen. Aber ich glaube, dass es hier jede möglichst weit schaffen möchte und auch das Gefühl hat, dass das möglich ist. Die Aussicht, mit dem Fussballspielen Geld zu verdienen, ist in den USA durchaus gegeben. Dadurch kann man auch den Fokus eher darauf legen. In der Schweiz ist das fast unmöglich», erklärt die 21-Jährige.
«Habe einen Kulturschock bekommen»
Die höhere Professionalität in den Vereinigten Staaten merkt Schubert bereits am College. Physiotherapie ist jeder Zeit verfügbar, der Stoff umfasst neben den üblichen Coaches sogar einen Athletiktrainer. Und auch der sportliche Aufwand ist höher: «In der Schweiz hatten wir vier Trainings in der Woche und ein Spiel am Wochenende und ich dachte damals schon das war viel.» In den USA trainiert sie unter der Woche jeden Tag mindestens einmal – an zwei Tagen pro Woche sogar zweimal. «Daran musste ich mich schon erst mal gewöhnen, aber mittlerweile ist das ganz normal», sagt die Torhüterin.
Das College als Sprungbrett zum Profi
In den USA werden junge Spielerinnen bereits am College optimal auf das Profi-Geschäft vorbereitet, um den Übergang möglich einfach zu gestalten. Das hat auch Dallas-Trinity-Star Haley Berg (27) miterlebt.
(Quelle: Dallas Trinity FC, Winners Club Podcast)
Noch immer speziell seien dagegen die Wochenenden, an denen die Partien stattfinden. «Als wir das erste Mal ein Auswärtsspiel hatten, habe ich einen kleinen Kulturschock bekommen», gibt Schubert zu. Zwar sind die Teams im College-Fussball in regionale «Conferences» eingeteilt, doch selbst da sind die Distanzen teilweise so gross, dass das Auswärtsteam mit dem Flugzeug anreisen muss. Und dann gibt es auch noch vereinzelte Partien ausserhalb der Conference. So waren Schubert und ihr Team in der letzten Saison bei der Baylor University in Texas, fast vier Flugstunden von der eigenen Universität entfernt, zu Gast.
Akademische Leistungen sind essenziell
Natürlich ist der Sport aber nicht alles im Leben einer College-Fussballerin. Auch das Studium spielt eine sehr wichtige Rolle. Schubert hat von ihrer Universität ein Sportstipendium erhalten. Heisst: Ihre kompletten Studienkosten werden abgedeckt, damit sie für die St. Bonaventure University Fussball spielt. Das sei aufgrund der hohen Studiengebühren in den USA ein grosses Privileg, so die Zuzwilerin, aber: «Du musst ständig beweisen, dass du es verdienst. Nicht nur auf dem Platz, sondern auch mit den Noten.» Stimmen die akademischen Leistungen nämlich nicht, spielt man auch nicht. Und irgendwann kann man sogar sein Stipendium verlieren.
Für Schubert war das zu Beginn speziell. Natürlich habe sie in der Schule schon immer gut sein wollen, aber: «Hier gibt es zusätzlichen Druck von aussen. Damit muss du erst einmal klar kommen.» Einige ihrer Teamkolleginnen habe das etwas anfangs etwas genervt – vor allem jene aus dem Ausland, die sich das nicht gewohnt gewesen waren. Für die 21-Jährige hingegen ist es ein weiterer Vorteil vom Fussballspielen an einem US-College: «Dass man hier nicht einfach hinkommen und die akademischen Leistungen vernachlässigen kann, finde ich super. Wer weiss, ob das bei mir in der Schweiz passiert wäre. Klar, viele haben das klare Ziel, Profi zu werden. Aber was, wenn es damit nicht funktioniert. Dann wird man in Zukunft froh sein, einen guten Abschluss gemacht zu haben.»
Alles aufeinander abgestimmt
Selbstverständlich kommt der Sport aber trotz akademischen Ansprüchen nicht zu kurz. Schliesslich haben sich viele Spielerinnen aufgrund dessen für die Universität entschieden. «Das Coole ist, dass hier alles aufeinander abgestimmt ist und man sich organisatorisch nur um wenig kümmern muss. In der Schweiz ist das organisatorisch und zeitlich viel aufwendiger, wenn man auf hohem Level Fussball spielt und gleichzeitig noch eine Ausbildung macht oder arbeitet», erklärt Schubert.
Für sie ist diese Mischung aus sportlicher Förderung und akademischer Sicherheit letztlich der das, was den Schritt in die USA für viele Fussballerinnen lohnend macht – «für Spielerinnen, die eine professionelle Karriere anstreben, aber auch für Leute, die einfach mal etwas anderes erleben wollen.»

Julian Sigrist
Julian Sigrist studiert Kommunikation und Medien mit der Vertiefung Journalismus an der ZHAW in Winterthur und interessiert sich besonders für Themen im Sportbereich – speziell für Fussball, Ski, Formel 1 oder American Football. Er arbeitet bei Blick am Sport-Desk als Freier Mitarbeiter.





