Inland

Das Kino im Dorf lassen

Vor 100 Jahren zeigte Marianne Hegis Grossvater erstmals Kinofilme in Uri. Heute trägt das einzige Kino des Kantons seinen Namen.

Autor: Janik Desax
Titelbild: Mitten im Bergpanorama: Das Kino Leuzinger ist das einzige Kino in Uri. (Bild: Janik Desax)

Der neonrote Schriftzug an der Fassade ist das Markenzeichen des Gebäudes. Das Wort Cinema in Grossbuchstaben und der Name Leuzinger in einer Schnörkelschrift leuchten über dem Eingang. Das einzige Kino des Kantons Uri erzählt eine lange Geschichte.

Das Kino ist 1964 entstanden, doch seine Wurzeln reichen weit zurück. Vor genau 100 Jahren zeigte Willy Leuzinger erstmals Filmvorführungen im Altdorfer Tellspielhaus. Jeweils im Winter kam das Kino für einige Wochen nach Uri. Was damals als saisonales Gastspiel begann, ist heute ein fester Bestandteil der Urner Kulturszene.

Ein Pionier des bewegten Bildes: Willy Leuzinger und die Anfänge des Schweizer Kinos

Willy Leuzinger erkannte früh das Potenzial eines neuen Mediums. Mit handwerklichem Können, Unternehmergeist und einem feinen Gespür für sein Publikum prägte er die frühe Schweizer Kinogeschichte.

Als Kinofilme in der Schweiz noch als technische Sensation galten und vielerorts Skepsis auslösten, gehörte Willy Leuzinger zu jenen, die das neue Medium früh erkannten und ihm eine Bühne gaben. Der 1878 geborene Leuzinger war gelernter Mechaniker und Gastwirt und verband handwerkliches Können mit Unternehmergeist. Damit wurde er zu einer prägenden Figur der frühen Schweizer Kinogeschichte.

Seine ersten Filmvorführungen organisierte Leuzinger ab 1906 in der «Wirtschaft zum Hecht» in Rapperswil. Im Saal spannte er ein weisses Leintuch auf und projizierte kurze Filme, die damals meist als Jahrmarktattraktion bekannt waren. Einen Eintritt verlangte er zunächst nicht. Die Vorführungen dienten vor allem dazu, Gäste ins Restaurant zu locken. Dennoch zeigte sich schnell, wie gross die Neugier auf das bewegte Bild war. Die Abende mit Filmprojektionen zogen zahlreiche Besucherinnen und Besucher an und legten den Grundstein für ein dauerhaftes Kinounternehmen.

Aus diesen Anfängen entwickelte sich das «Cinema Leuzinger» zu einem der ältesten noch bestehenden Kinounternehmen der Schweiz. Wie im Historischen Lexikon der Schweiz festgehalten ist, baute Willy Leuzinger sein Angebot kontinuierlich aus und betrieb neben festen Kinosälen auch ein Wanderkino. Ab 1919 zog er mit Zelten durch zahlreiche Orte der Deutschschweiz, von Rapperswil über Wädenswil und Rüti bis nach Altdorf. Mit seinen Wanderkinos brachte er das Kino dorthin, wo es noch keine festen Säle gab.

Kino als Erlebnis und Zeitdokument

Besonders in ländlichen Regionen übernahmen diese Gastspiele eine wichtige kulturelle Funktion. Leuzinger zeigte internationale Erfolgsfilme wie «Quo vadis?» oder «Ben Hur» und machte sie einem breiten Publikum zugänglich. Gleichzeitig verstand er es, Kino als gesellschaftliches Ereignis zu inszenieren. Der Kinobesuch war nicht nur Filmvorführung, sondern Treffpunkt und Erlebnis.

Neben seiner Tätigkeit als Kinobetreiber war Willy Leuzinger auch selbst Filmemacher. In den 1920er-Jahren drehte er zahlreiche Kurzfilme, in denen er lokale Anlässe, Umzüge und Alltagsszenen festhielt. Diese Filme gelten heute als wertvolle zeitgeschichtliche Dokumente. Sie zeigen das öffentliche Leben der damaligen Zeit. Leuzinger zeigte oft seine eigenen Filme vor der eigentlichen Filmvorführung.

Willy Leuzinger starb 1935, doch sein Werk lebte weiter. Die von ihm aufgebaute Kinostruktur wurde von seiner Familie fortgeführt und stetig weiterentwickelt. Dass ein grosser Teil seines filmischen Nachlasses erhalten geblieben ist, ist auch der späteren Restaurierungsarbeit zu verdanken. Seit den 1990er-Jahren wurden seine Filme wissenschaftlich aufgearbeitet und gesichert, wodurch sie heute als bedeutender Bestandteil der Schweizer Film- und Kulturgeschichte gelten.

Seine Arbeit wirkt bis heute nach. Nicht nur in Archiven und Museen, sondern auch in Kinos, die seinen Namen tragen.

Vom Restaurant zum Wanderkino

«Ich bin mit Kino aufgewachsen, das gehört zu mir», sagt Marianne Hegi. Sie ist die Enkelin von Willy Leuzinger und führt heute das Familienunternehmen.

Im Foyer des Kinos breitet sie Schwarzweissfotos aus: Ihr Grossvater hinter einer schweren Kamera, ihre Tante an der Kinokasse, Menschenmengen vor einem grossen Zelt mit dem Schriftzug «Leuzinger Tonfilm Cinema» über dem Eingang. Das Zelt erinnert eher an einen Zirkus. «Das ist ein Wanderkino», erklärt Hegi. «Mein Grossvater und zwei seiner Töchter zogen damit von Chilbi zu Chilbi und zeigten Filme.» Zwei verschiedene Zelte hätten sie dafür gehabt: ein kleineres mit rund 300 und ein grösseres mit bis zu 600 Plätzen.

Ein weiteres Bild zeigt das Restaurant «Zum Hecht» in Rapperswil. Dort fing alles an. Bereits 1906 zeigte Willy Leuzinger dort erstmals Filme mit einem Projektor. Am Wochenende spannte er im Saal ein weisses Leintuch auf und spielte Filme darauf ab. Eintritt verlangte er damals noch keinen. Dafür kostete das Bier an diesen Abenden zwanzig statt fünfzehn Rappen.

Mit dieser Familiengeschichte gehörten Kinofilme für Marianne Hegi von klein auf zum Alltag. Aufgewachsen ist die heute 80-Jährige in Rapperswil. Schon früh half sie im Betrieb mit. «Meine erste Aufgabe war es, Billetblöcke neu zu stempeln, wenn der Preis geändert hatte. Für jedes Blöckchen bekam ich fünf Rappen.» Später arbeitete sie als Platzanweiserin und wurde, wie sie sagt, «zur Kassiererin befördert».

Die Mitschülerinnen an der Kasse abweisen

Einen Sonderstatus hatte sie im eigenen Kino jedoch nicht. «Ich durfte keinen einzigen Film schauen, ausser Kinderfilme», sagt Hegi. «Meine Eltern sagten das auch den Mitarbeitenden, falls ich mich in den Projektorenraum schleichen würde.»

Das führte manchmal zu Konflikten mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern. «Die glaubten mir nämlich nicht, dass ich selbst auch keine Filme schauen durfte», erzählt sie. Trotzdem hatte sie den undankbaren Job, ihre Kolleginnen und Kollegen an der Kasse abzuweisen. «Beliebt machte mich das nicht.»

«Ich könnte mir ein Leben ohne Kino nicht vorstellen»

Marianne Hegi, Geschäftsführerin Kino Leuzinger

Als innerhalb kurzer Zeit sowohl ihre Tante als auch ihr Vater starben, entschied sich Marianne Hegi, den Familienbetrieb weiterzuführen. «Mit dieser Geschichte kann man nicht einfach sagen, es sei fertig», sagt sie. 1980 übernahm sie das Familienunternehmen.

Als der Filmriss noch ein Kinobegriff war

Der technische Wandel stellte das Unternehmen immer wieder vor Herausforderungen. «Ich habe 2008 noch einen neuen 35-Millimeter-Projektor gekauft.» Nur zwei Jahre später stellte die Branche vollständig auf digitale Kopien um. Heute sei vieles praktischer, sagt Hegi, aber das Handwerk des Filmvorführers sei verloren gegangen. «Früher musste man Filme richten, kleben und neu einfädeln. Wenn ein Film riss, wurde der Saal plötzlich dunkel. Das war richtige Arbeit. Heute drückt man einen Knopf und der Film läuft.»

Das Streamingzeitalter ging am Kino nicht spurlos vorbei. Filme lassen sich heute bequem von zu Hause aus schauen. «Es gibt viel mehr Freizeitangebote, das merkt man auch an den Zuschauerzahlen», sagt Hegi. Dennoch bleibe das Kino ein besonderer Ort. «Ich verstehe nicht, dass Leute einen Film auf dem Handy schauen und denken, die Qualität sei gut.» Ton, Bild und Atmosphäre würden den Kinobesuch ausmachen.

Ein Dorfkino muss seine Nische finden

Auch die Filmindustrie habe sich verändert. «Was ich schade finde: Wenn ein Film gut läuft, gibt es gleich fünfzehn Fortsetzungen. Die Geschichten ändern kaum, sie wiederholen sich.» Trotzdem zeigt sie auch Blockbuster. «Ich liebe die Filme der grossen Studios vor allem, weil sie Geld einbringen und mir ermöglichen, kleinere Produktionen und Studiofilme zu zeigen.»

Am liebsten zeigt Hegi Filme in der Originalsprache. Bei Übersetzungen gingen Nuancen verloren, und die echten Stimmen der Schauspielenden gehören für sie dazu. «Ein guter Film muss Tiefgang haben», sagt sie. Er solle auch nach dem Abspann noch beschäftigen.

Für ein Dorfkino sei das Überleben nicht selbstverständlich. «Man muss eine Nische finden. Nur das Stadtprogramm nachzuspielen, reicht nicht.» Besonders gut funktionieren in Altdorf Schweizer Produktionen. Viele Regisseurinnen und Regisseure feiern ihre Premieren im Kino Leuzinger.

Odermatt ist auch im Kino beliebt

Doch ein Geheimrezept für gewinnbringende Filme scheint es nicht zu geben. «Manchmal erstaunt es mich selbst, welche Filme gut laufen», sagt Hegi. Die Gründe seien oft schwer zu erklären. Sicher sei für sie eines: «Es kommt immer auf die Qualität der Filme an. Wenn zu viele belanglose Produktionen erscheinen, bleibt das Publikum weg.»

Zurzeit laufe der Film «Downhill Skiers», ein Dokumentarfilm über Skifahrer während der Saison, besonders gut. Hegi vermutet, dass Publikumsliebling Marco Odermatt viele Zuschauer anzieht. «Aber den könnte man ja jetzt im Winter jede Woche im Fernsehen anschauen», sagt sie schmunzelnd.

Trotz aller Herausforderungen und ihres Alters will Hegi so lange wie möglich weitermachen. «Ich könnte mir ein Leben ohne Kino nicht vorstellen», sagt sie. Eine familiäre Nachfolge wird es nicht geben, die Kinder haben andere Wege eingeschlagen. Möglicherweise endet damit die vierte Generation der Familie. Solange jedoch das Neonlicht über dem Eingang noch brennt, bleibt das Kino geöffnet.