InlandKultur / Gesellschaft

Das Comeback des Klimaaktivismus

Jonas Salvisberg
Strassenblockade von Renovate Switzerland vor dem Gotthard, Karfreitag 2023. Bild: Urs Flüeler, Keystone

Lange war es ruhig rund um die «Klimakleber». Keine Strassenblockaden, keine Störungen des Flugverkehrs, kein Festkleben an Gemälden und kein Besprühen von Hausfassaden mit orangener Farbe. Doch im Abstimmungskampf um die «Initiative für eine Zukunft» wurde es wieder lauter. Feiert der Klimaaktivismus sein Comeback?

Am Donnerstagabend, 30. November, stürmten Aktivistinnen und Aktivisten von «Drop Fossil Subsidies» in Amriswil die Bühne. Sie unterbrachen die Podiumsdiskussion von Peter Spuhler, CEO von Stadler Rail und ehemaliger SVP-Nationalrat, wie der Tagesanzeiger berichtete. Max Vögtli, Mitgründer der Gruppierung, warf Spuhler medienwirksam vor, «ein Landesverräter» zu sein. Grund dafür war eine Aussage Spuhlers gegenüber 20 Minuten: Er erwäge einen Wegzug aus der Schweiz, wenn die «Initiative für eine Zukunft» der Juso angenommen würde. Max Vögtli hat sich mit dieser Aktion zurückgemeldet. Verschwunden sei der Aktivismus jedoch nie, wie Vögtli sagt: «Der Klimaaktivismus ist nach wie vor stark. Es sind immer noch viele Menschen im Aktivismus tätig, aber er befindet sich in einer anderen Phase.» Der Fokus des Aktivismus hätte sich verschoben, weg von der Strasse hin zu mehr Dialog und zu Störaktionen, die sich direkt an die «Verursacher der Klimakrise» wenden. Dem pflichtet auch Selina Lerch, Aktivistin bei «Act Now», bei: «Uns gibt’s noch, aber wir fokussieren uns auf Aktionen, die wahrscheinlich weniger medienwirksam sind.»


Quelle: Instagram drop_fossil_subsidies


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Drop Fossil Subsidies

Die Hauptforderung von „Drop Fossil Subsidies“ ist, dass die Regierung alle Subventionen für fossile Brennstoffe einstellt und das dadurch gesparte Geld in eine nachhaltige Entwicklung der Wirtschaft und Gesellschaft investiert. Weiter setzt sich „Drop Fossil Subsidies“ für die „Vernetzung aller ökosozialen Kräfte im In- und Ausland“ ein.


Ein Sinnes- und Strategiewandel und ein Namenswechsel

2022 wurde «Renovate Switzerland» gegründet. In den darauffolgenden Monaten und Jahren legten sie den Verkehr in Städten und auf Autobahnen lahm und erlangten landesweite Aufmerksamkeit. Eine der bekanntesten Aktionen war die Blockade des Gotthard-Strassentunnels an Karfreitag 2023. Vögtli sagt rückblickend: «Die Strassenblockaden waren ein super Tool, um Aufmerksamkeit für unser Anliegen zu schaffen. Alle Medien berichteten von uns. Wir konnten Interviews geben und Diskussionen führen.» Diese Diskussionen seien mit der Zeit jedoch oberflächlich geworden und auch die Medien hätten den Fokus nicht auf den Grund für die Blockaden, sondern nur auf die Blockaden an sich gelegt, führt Vögtli aus. «Das war nicht hilfreich für unser Anliegen.» Das sei auch ein Grund für den Strategiewechsel von «Renovate Switzerland» gewesen, sagt Vögtli. «Wir haben mit der Zeit den grossen Medien nur noch Futter für Clickbaiting gegeben. Wir bekamen keine Plattform, auf der wir erklären konnten, wieso wir das machen. Und wenn die Menschen nicht verstehen, was unsere Forderungen und unsere Botschaft sind, dann verstehe ich auch, dass sie unsere Aktionen nicht gutheissen.»


Grafik: Jonas Salvisberg/ Google Maps


<br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br>Selina Lerch blockiert mit "Renovate Switzerland" eine Autobahnausfahrt bei Wankdorf BE Bild: Keystone




















Selina Lerch blockiert mit „Renovate Switzerland“ eine Autobahnausfahrt bei Wankdorf BE Bild: Keystone

<br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br>Aktivistinnen und Aktivisten von "Act Now" besprühen eine Porschegarage in Crissier, VD Bild: Robin Jaunin
















Aktivistinnen und Aktivisten von „Act Now“ besprühen eine Porschegarage in Crissier, VD Bild: Robin Jaunin

<br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br><br>Max Vögtli bei der Strassenblockade von "Renovate Switzerland" des Utoquai  Bild: Ursula Häne WOZ




















Max Vögtli bei der Strassenblockade von „Renovate Switzerland“ des Utoquai Bild: Ursula Häne WOZ

Ende 2023 trat Vögtli aus «Renovate Switzerland» aus. «Ich habe mich entschieden keine Strassenblockaden mehr zu machen, sondern mich mehr auf Community Building zu fokussieren.» Vögtli gründete 2024 mit anderen Aktivisten die Aktionsgruppe «Drop Fossil Subsidies». «Renovate Switzerland» gab sich einen neuen Namen: «Act Now». Die Gruppierung organisierte sich neu und legte den Fokus auf mehr Aufklärungsarbeit und Dialog, wie Lerch sagt. «Wir haben gemerkt, dass wir mit den Menschen, von denen wir eine Handlung erwarten, empathisch und dialogfreudig umgehen müssen.» Der Dialog soll an erster Stelle stehen. Aber Lerch sagt auch klar: «Gewaltfreiheit hat immer beides. Dialog und Aktion. Wenn sich nichts bewegt, dann machen wir eine Aktion.» Eine dieser Aktionen sei die neue Kampagne «Öl tötet» von «Act Now». Diese ziele auf 16 Firmen ab, die in der Ölproduktion oder im Handel damit tätig sind.


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Renovate Switzerland / Act Now

Renovate Switzerland wurde im März 2022 gegründet. Sie forderten die Regierung auf, vier Milliarden Franken für die klimagerechte Renovierung von schlecht isolierten Häusern in der Schweiz und die Förderung der Ausbildung von 100’000 Personen, die für die Renovierungen benötigt werden, bereitzustellen. 2024 wechselte die Gruppierung den Namen zu „Act Now“


Eine Niederlage und eine Kampfansage

Die «Initiative für eine Zukunft» wurde am 30. November dieses Jahres mit 78,3 Prozent abgelehnt. Dass das Resultat so deutlich ausgefallen ist, obwohl das Klima laut dem UBS-Sorgenbarometer auf dem zweiten Platz liegt, überrascht Lerch. Eine Antwort auf die Frage, was aus ihrer Sicht im Abstimmungskampf falsch gelaufen ist, hat sie nicht. «Ich glaube aber, dass es eine stille Mehrheit gibt, die erkannt hat, dass der Klimawandel eine existentielle Bedrohung ist. Das gibt mir Kraft.» Die Gegner der Initiative hätten aber auch sehr stark mobilisiert und einen emotional aufgeladenen Abstimmungskampf geführt. Für Vögtli ist aufzugeben keine Option. Sein Kommentar zum Abstimmungsresultat: «Die Wahlergebnisse zeigen, wie einflussreich die wirtschaftlichen Drohungen der Superreichen sind, um ihre Interessen zu schützen. Es macht deutlich, dass sowohl im kulturellen Bereich als auch im Alltag noch viel zu tun ist, um den Mythos zu entlarven, dass eine starke, nachhaltige Wirtschaft ohne Milliardäre nicht existieren kann.» Es brauche jetzt noch mehr Aufklärungsarbeit, sagt Vögtli. «Wir müssen mit dem Menschen reden, von Person zu Person. Wir wollen nicht mit dem Finger auf Menschen zeigen, sondern eine Grundsatzdiskussion anstossen.» Für Vögtli ist klar, dass eine grundlegende Systemveränderung nötig ist, diese aber nicht von «oben» kommen kann. «Die Veränderung muss von den Menschen, die es betrifft, geführt werden.» Der Regierung und den «mächtigen Milliardären» spricht er jeglichen Handlungswillen ab. Dass Veränderung für viele Menschen etwas Beängstigendes sein kann, versteht Lerch. Für sie ist die grundlegende Frage, was zu gewinnen und was zu verlieren ist. «Ich glaube, wenn wir den Menschen bewusst machen können, was wir alles gewinnen, wenn wir veränderungsfreudig sind, fällt der Schritt hin zu einer Veränderung leichter.» Wie eine grundlegende Veränderung aussehen könnte, skizziert Lerch: «Bürgerinnenversammlungen auf Kommunaler-, Kantonaler- und vielleicht sogar auf Bundesebene. Da sollen die Menschen einen Raum bekommen, um über ihre Anliegen zu sprechen und gemeinsam Lösungen zu finden.» Nur viermal im Jahr bei Abstimmungen Ja oder Nein zu sagen, sei für sie frustrierend, denn oft seien die Probleme viel nuancierter. Was für Vögtli und Lerch klar ist: Sie machen weiter. «Und wenn sich nichts bewegt, führen wir Aktionen durch.»


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Initiative für Eine Zukunft

Die Initiative für eine Zukunft, auch bekannt als „Erbschaftsinitiative“, wurde von der JUSO lanciert. Sie forderten, dass ein Erbe oder eine Schenkung ab 50 Milliarden Franken zu 50 Prozent besteuert werden soll. Diese Steuereinahmen sollten für Massnahmen im Kampf gegen den Klimawandel eingesetzt werden. Am 30. November 2025 wurde darüber abgestimmt. Die Stimmbevölkerung lehnte die Initiative mit 78,3 Prozent ab. Die Stimmbeteiligung lag bei 42,9 Prozent.


Jonas Salvisberg
Selina Lerch, Klimaaktivistin von „Act Now“ Bild: Lässer, Blue News

„Es gibt noch etwas zu retten“

Selina Lerch kämpft seit 2022 fürs Klima. Als Mitglied und Frontfrau bei «Act Now» hat sie Strassenblockaden angeführt, ein Konzert im KKL gestört und in der Sendung «Arena» des SRF die Anliegen ihrer Gruppe vertreten. Was sie antreibt, wie sich die Strategie der Klimaaktivisten verändert hat und was ihr Hoffnung gibt, erzählt sie im Interview

Frau Lerch, man hört kaum noch etwas vom Klimaaktivismus. Gibt es euch noch?
Ja, auf jeden Fall. Die Weltlage hat sich verändert. Anderen Themen wie Kriege stehen im Vordergrund. Zudem haben wir unsere Aktionen diversifiziert. Viele Projekte sind weniger medienwirksam. Aber wir sind noch da und haben eine neue Kampagne gestartet. Nächstes Jahr wollen wir wieder vermehrt Aktionen durchführen.

Wie sehen diese Aktionen aus?
Unsere neue Kampagne heisst «Öl tötet». An Tankstellen wollen wir Warnhinweise anbringen, die vor den Gefahren des Ölverbrauchs warnen, ähnlich wie bei Zigaretten. Wir haben rund 16 Firmen kontaktiert und Gespräche angeboten, etwa bei Tamoil in Genf.

Wie hat Tamoil reagiert?
Nicht dialogbereit. Sie haben die Tür zum Bürogebäude verschlossen. Ein Gespräch kam nicht zustande.

Setzen Sie heute mehr auf Dialog als auf Blockaden?
Gewaltfreiheit bedeutet beides: Dialog an erster Stelle, Aktion, wenn nichts geschieht. Unsere Dialogfähigkeit hat sich weiterentwickelt. 2022 fehlte uns da noch Erfahrung.

Wie kam es zu diesem Wandel?
Wir haben dieses Jahr eine Schulung in Gewaltfreiheit nach Martin Luther King besucht. Dabei wurde klar, wie zentral Dialog ist. Menschen sind wandlungsfähig, deshalb muss der Dialog im Vordergrund stehen.

Die Blockaden stiessen auf viel Wut und breite Ablehnung. Hat Sie das überrascht?
Nein. Öffentliche Positionierung polarisiert. Unsere Aktionen machen den Konflikt zwischen jenen, die handeln wollen, und jenen, die nichts ändern möchten, sichtbar. Es gibt aber eine stille Mehrheit, die uns zustimmt. Der Klimawandel beschäftigt die Menschen, das gibt mir Hoffnung.

Trotzdem wurden Klimainitiativen, zuletzt die «Initiative für eine Zukunft», klar abgelehnt. An was liegt das?
Viele Menschen stimmen gar nicht ab. Zudem gibt es starke Gegenkampagnen, die mit Angstmacherei arbeiten und emotional beeinflussen.

Wird dem Klimaaktivismus nicht auch Alarmismus vorgeworfen?
Die Situation ist alarmierend. Man hat es dieses Jahr in Blatten gesehen. Ein ganzes Dorf ist verschwunden.

Sie sagten in der Arena im Oktober 2022, wir hätten nur noch zwei bis drei Jahre Zeit, um etwas gegen den Klimawandel zu tun. Wie sehen Sie die Situation jetzt, drei Jahre später? Sind wir auf Kurs?
Nein. Ich frage mich manchmal, wieso ich das, was ich mache, überhaupt noch mache. Ich denke, es geht heute um Schadensminimierung. Vieles lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Trotzdem hoffe ich, dass wir endlich Verantwortung übernehmen. Es gibt noch etwas zu retten, auch wenn es weniger wird.

Politisch sei schon viel gemacht worden, sagt etwa die SVP. Können Sie nicht zufrieden sein?
Ich bin zufrieden, wenn die Regierung das umsetzt, was sie bei der Unterzeichnung des Pariser Abkommens versprochen hat. Es passiert etwas, aber zu wenig und zu langsam. Wir können es uns nicht leisten, nicht Vollgas zu geben. Es geht um Menschenleben.

SVP-Nationalrat Michael Graber sagt, die Schweiz sei zu klein, um etwas zu bewirken. Wie sehen Sie das?
Die Schweiz hat grossen Einfluss. Viele klimaschädlich handelnde Firmen haben hier ihren Sitz. Zudem kann ein Land mit gutem Beispiel vorangehen, das haben wir bei der Frauenrechtsbewegung gesehen. Die Schweiz könnte in Europa viel bewegen.

In einem Interview mit dem Blick haben Sie gesagt, dass Sie fürs Klima ins Gefängnis gehen würden. Gilt diese Aussage noch?
Ja, wenn es Wirkung hätte. Gewaltfreiheit bedeutet auch Authentizität und es bedeutet, für etwas vollkommen einzustehen. Es ist eine starke Botschaft, wenn Menschen fürs Klima ins Gefängnis gehen. Wenn das den nötigen Wandel anstossen würde, wäre ich dazu bereit.





„Ich sehe das, was ich mache, als Schadensminimierung“

Der Klimaativismus ist fast aus den Medien verschwunden. Nur im Vorfeld der Abstimmung zur „Initiative für eine Zukunft“ fanden einige Aktionen statt. Selina Lerch, Klimaaktivistin bei „Act Now“, gewährt Einblicke in den Strategiewechsel der Aktivistengruppe und erzählt im Beitrag, was sie antreibt, weiterhin als Klimaaktivistin aktiv zu sein.