Clubsterben oder Bedürfniswandel? – Zürichs Nachtleben erfindet sich neu
Zwischen steigenden Kosten und veränderten Freizeitgewohnheiten kämpfen Zürcher Clubs ums Überleben. Traditionslokale wie die Zukunft oder das Mascotte haben dieses Jahr geschlossen – nun greifen sie auf neue Konzepte zurück.
Autorin: Michelle Laseroms
Titelbild: Das ehemalige Areal des Clubs Zukunft und der Piranha Bar ist heute eine Baustelle. An ihrer Stelle entstehen ein Coop und Eigentumswohnungen. (Foto: Michelle Laseroms)
Es ist Freitagabend. Vor dem Club Mäx an der Hardbrücke hat sich bereits eine Schlange gebildet. Tickets werden gescannt, Stempel auf Handgelenke gedrückt. Aus dem Gebäude dröhnt der Bass und verliert sich in der Kälte der Nacht. Kurz nach Mitternacht füllt sich die Tanzfläche. Körper bewegen sich im Takt des Technobeats, Beine stampfen, die Menge pulsiert. Was auffällt: die leere Bar.
Szenen wie diese sind sinnbildlich für den Zustand des Zürcher Nachtlebens. Nach Zahlen der Bar- und Clubkommission Zürich ist der Pro-Kopf-Umsatz in den Tanzlokalen seit 2018 um bis zu 40 Prozent zurückgegangen, während gleichzeitig Personal-, Miet- und Warenkosten kontinuierlich gestiegen sind. Die Kommission geht davon aus, dass rund ein Drittel der Zürcher Clubs derzeit nicht kostendeckend arbeitet.
Die Pandemie verschärfte die Lage zusätzlich: Viele Clubs überlebten die Lockdowns nicht, andere kämpfen bis heute mit den Folgen. Alexander Bücheli von der Bar- und Clubkommission spricht von einem strukturellen Wandel: «Seit 2012 gibt es rund 30 Prozent weniger Tanzlokale in Zürich. Es ist kein plötzliches Clubsterben, sondern ein schleichender Prozess. Seit der Pandemie spricht man von sechs bis sieben Clubbetrieben, die schliessen mussten.»
Neben finanziellen Engpässen kämpfen Clubs zunehmend auch mit räumlichen Problemen. Viele Clubs entstanden in Zwischennutzungen, in alten Industriehallen oder leerstehenden Gebäuden. Diese Flächen werden zunehmend überbaut. Bücheli spricht hier von einem Gentrifizierungsprozess, bei dem Zwischennutzungen nicht verlängert, sondern Bauprojekte umgesetzt würden – wodurch Clubs ihre Standorte verlören. Ein Beispiel ist der Club Zukunft an der Dienerstrasse: Wo früher Nächte durchgetanzt wurden, entstehen nun Eigentumswohnungen und ein Coop.
Was ist Gentrifizierung?
Gentrifizierung beschreibt die Aufwertung eines Stadtteils durch Sanierungen, Neubauten oder teurere Geschäfte und Wohnungen. Dadurch steigen die Mieten und Lebenshaltungskosten, was häufig zur Verdrängung von Menschen mit geringerem Einkommen sowie von kulturellen Einrichtungen führt. Besonders betroffen sind Clubs, Ateliers oder alternative Räume, die sich die steigenden Mietpreise nicht mehr leisten können. So verschwinden kreative Freiräume, während die Quartiere zwar moderner, aber auch einheitlicher und teurer werden.
Quelle: Duden; bpb.de
Neue Formate für neue Gäste
Nicht nur der Raum, auch das Publikum verändert sich. Viele junge Erwachsene gehen heute seltener aus, dafür gezielter: früher am Abend, kürzer und oft bewusster. Im Mäx zeigt sich dieser Wandel deutlich. Betreiber Fabian Näf beobachtet, dass sich der Ausgang zunehmend auf einzelne „grosse Nächte“ konzentriert – etwa an Halloween oder bei internationalen Headlinern.
Auch Bücheli bestätigt diese Entwicklung: Partys seien längst keine Selbstläufer mehr, selbst die Planung einzelner Events erfordere heute deutlich mehr Aufwand und Kalkulation. Das zeige auch das Beispiel des Mascotte: Nach der Schliessung im Juni 2025 soll der Club im Januar 2026 mit einem neuen Konzept wiedereröffnen.
Für Fabian Näf ist diese Entwicklung Ausdruck eines gesellschaftlichen Wandels. Die Welt sei viel schnelllebiger geworden: «Man muss flexibel und kreativ sein. Vor zehn Jahren konnte man einfach die Türen öffnen und es lief. Heute musst du dir viel mehr Mühe geben, ein diverses Programm haben, auf die Gäste eingehen. Du kannst nicht jeden Abend gleich machen.»
Um wirtschaftlich zu überleben, diversifizieren immer mehr Clubs ihr Angebot. Rund 40 Prozent der Zürcher Betriebe, die bei der Bar- und Clubkommission registriert sind, setzen inzwischen auf alternative Formate wie Lesungen, Theaterabende, Podcasts oder externe Vermietungen – vor allem unter der Woche. Insgesamt waren Ende 2024 34 Betriebe bei der Kommission gemeldet.
Auf dieser Karte sieht man, welche Clubs in Zürich seit 2020 geschlossen haben und welche in Zukunft schliessen werden. Die hier gezeigten Beispiele basieren auf öffentlich bekannten Schliessungen.
Gäste als Teil des Erlebnis
Das Mäx, bekannt für elektronische Musik – von Techno über EDM bis Drum & Bass, setzt auf ein Konzept, das Nähe zwischen Künstler:innen und Publikum schafft. Im sogenannten Boiler-Room-Setting steht das DJ-Pult mitten im Raum, umringt von den Gästen.
Diesen unmittelbaren Austausch beschreibt Betreiber Fabian Näf so: «Wenn du ins Kino gehst, sitzt du an deinem Platz und schaust auf die Leinwand. Im Club aber bist du nicht bloss Zuschauer, sondern Teil des Erlebnisses.»
Auch Bücheli lobt das Konzept: «Hier wird der Gast aktiv in die Clubkultur eingebunden: Jeder Abend ist anders und lebt von den Menschen, die daran teilnehmen. Durch das Raum-Setting und ein gezieltes Booking besetzt das Mäx eine Nische, die in Zürich bisher wenig bedient wurde.»
Wie Clubs auf die Veränderungen im Zürcher Nachtleben reagieren, zeigt das Mäx. Geschäftsführer Fabian Näf gibt Einblick in sein Konzept.
Video: Michelle Laseroms
Feiern die Jungen anders?
Längere Nächte und hoher Alkoholkonsum prägten einst das Zürcher Nachtleben, heute gehen viele bewusster aus. «Ein Drittlehrjahr-Stift verdient kaum mehr als vor 20 Jahren, doch Mieten und Krankenkassen sind gestiegen», sagt Bücheli. «Viele Junge fragen sich: Kann ich mir den Ausgang überhaupt leisten?»
Für die Betriebe bedeutet weniger Alkohol auch weniger Umsatz: Rund 60 Prozent der Clubeinnahmen stammen aus dem Barbetrieb. Gleichzeitig wächst eine Generation heran, die Clubs kaum mehr kennt, und lieber bruncht, wandert oder Spieleabende macht.
Wie sich die Generation Z künftig verhalten wird, untersucht derzeit eine gemeinsame Studie der ZHAW und der Bar- und Clubkommission Zürich. Erste Ergebnisse werden im Frühling 2026 erwartet (BCKZH.ch).

Grafik: Michelle Laseroms
Quelle: basierend auf in Text genannten Quellen
Wie erleben junge Menschen die heutige Ausgehkultur? Stimmen der Bar- und Clubkommission sowie von jungen Erwachsenen aus Zürich geben Einblick in die aktuelle Situation.
Audio: Michelle Laseroms
Was kann die Stadt tun?
Für Bücheli ist klar: Die Stadt müsse die lokale Technokultur stärker fördern, nicht nur an der Street Parade, sondern auch in den Clubs. Erste Ansätze wie der Popkredit oder Beiträge zur DJ-Kultur gibt es, doch private Clubs erhalten bislang kaum direkte Unterstützung.
Mäx-Betreiber Fabian Näf sieht vor allem Handlungsbedarf bei der Standortsuche: «Neue Locations in der Stadt zu finden, die attraktiv sind, ist fast unmöglich. Dort muss die Stadt die Klubkultur unterstützen.»
In Zürich wird derzeit über eine Erweiterung der Kulturförderung diskutiert. Zur Debatte stehen unter anderem höhere Mittel im Popkredit, ein Fonds für Awareness-Konzepte sowie ein Kultur-Jugend-GA, das jungen Menschen vergünstigten Zugang zu Clubs und anderen Kulturangeboten ermöglichen soll.

Michelle Laseroms ist Studentin an der ZHAW. Nebst dem Studium arbeitet sie im Club Mäx an der Bar. In Zukunft möchte sie im Videojournalismus tätig sein und mit Reportagen und Dokumentationen die Welt entdecken.




