Bezahlen mit dem Fingernagel: Was der neue Smart-Chip wirklich kann
Neben Karte, Smartphone und Smartwatch kommt nun eine weitere Bezahlvariante dazu: ein Chip auf dem Fingernagel, mit dem sich Einkäufe per kurzem Pieps an der Kasse begleichen lassen – entwickelt von einem Schweizer Start-up.
Autorin: Sinja Rüdisüli
Titelbild: Der Smart Chip wird auf dem Fingernagel angebracht und soll als kontaktloses Zahlungsmittel dienen. (Bildquelle: Sinja Rüdisüli)
Die Hände voll, die Schlange im Rücken. Statt nach Portemonnaie oder Smartphone zu greifen, hält man den Daumen einige Zentimeter vor das Terminal. Ein leises Piepen, ein grünes Licht, die Quittung wird gedruckt: Der Einkauf ist bezahlt, allein mit einem Fingernagel.
Die Smart Chip Switzerland AG selbst existiert seit 2013. Gründer und CEO Claude Niedermann arbeitet seit Jahren an der Idee, den Chip am Fingernagel zu platzieren. Die Grundidee sei an einem verregneten Abend entstanden, erzählt Claude Niedermann. Er stand vor verschlossener Tür, suchte seinen Schlüssel und fand ihn nicht. «Da habe ich mir gedacht: Es wäre doch cool, wenn ich einfach mit dem Nagel eine Tür öffnen oder mich identifizieren könnte, sagt er. Aus dieser Idee sei zuerst ein Patent, dann eine Firma entstanden. Dass er ins Nagelgeschäft einstieg, war kein Zufall: Niedermann ist auch Geschäftsführer eines der grössten Nagelkosmetikvertriebe Europas.
Laut einer Studie des Swiss Payment Monitors nutzten im Jahr 2025 rund 20 Prozent der Bevölkerung neben Karte und Smartphone auch alternative Zahlungsmittel. Dazu zählen nun auch neuartige Lösungen wie der Smart Chip auf dem Fingernagel.
Wie der Smart Chip auf dem Fingernagel landet
Die Anbringung im Nagelstudio dauert nur wenige Minuten. Getragen wird der Chip meist auf dem Daumen, weil dort die Haftfläche am grössten ist. Grundsätzlich lässt er sich aber auf jedem ausreichend breiten Fingernagel platzieren. Er wird ausschliesslich in Partner Studios eingesetzt, die dafür geschult wurden. Dort läuft die Prozedur in drei Schritten ab: Der Naturnagel wird angeschliffen, mit einer dünnen Schicht Gellack überzogen, dann platziert die Nageldesignerin ein kaum sichtbares Inlay mitten auf dem Daumen. Eine weitere Schicht Gel versiegelt den Chip. Der Chip kann sichtbar bleiben oder unter beliebigem Nagellack verschwinden.
Wie jeder Gel Nagel wächst auch der Smart Chip mit dem Nagel heraus. Nach etwa sechs bis acht Wochen, je nach Nagelwachstum und gewünschter Länge, sitzt es so weit an der Spitze, dass es im Studio entfernt und durch einen neuen Chip ersetzt werden muss. Spätestens nach drei Monaten ist Schluss, weil die Lebensdauer aus Sicherheitsgründen begrenzt ist; beim Ablösen wird das Inlay beim Abfräsen zerstört. Der Chip an sich kostet 10 Franken. Für die Anbringung kommen weitere Kosten dazu die je nach Nagelstudio variieren können. Die Gesamtkosten belaufen sich auf 20 bis 30 Franken.
Mit diesem Konzept will die Smart Chip Switzerland AG eine neue Form des Bezahlens etablieren. Das Unternehmen hat den ersten Chip entwickelt, der auf dem Fingernagel getragen werden kann und neben Zahlungen auch digitale Visitenkarten übertragen soll. Nun startet die Firma den Marktauftritt in der Schweiz und in Deutschland.
Bezahlen mit dem Fingernagel: Ein Chip, der immer dabei ist
Besonders praktisch sei das Zahlen mit dem Fingernagel in Situationen, in denen man möglichst wenig mitnehmen will – am Strand, im Fitnessstudio oder beim Joggen, argumentiert der Erfinder Claude Niedermann.
Technisch basiert der Smart-Chip auf derselben NFC-Technologie wie kontaktlose Kredit- und Debitkarten. «Es ist eigentlich genau die gleiche Technik wie bei einer Karte, die man heute in der Tasche hat», sagt Niedermann. Auf dem Inlay werden keine Kartendaten gespeichert, sondern ein sogenanntes Token, eine verschlüsselte Kennung, die nur in Verbindung mit diesem einzelnen Chip funktioniert.
Für Nutzer und Nutzerinnen funktioniert der Bezahlvorgang wie gewohnt: Der Fingernagel wird wenige Zentimeter an das Terminal gehalten, das Token wird ausgelesen und der Betrag von der hinterlegten Karte abgebucht. Laut Hersteller liegt die Reichweite bei rund zwei Zentimetern. «Dass jemand im Vorbeigehen etwas abbucht, ist praktisch unmöglich», so Niedermann.
Der Smart Chip kann ausserdem als Träger einer digitalen Visitenkarte dienen. Hält man den Fingernagel an ein entsprechend ausgerüsteten Smartphone, sollen sich Kontaktdaten und Links zu Social-Media-Profilen übertragen lassen. Langfristig sieht das Unternehmen weitere Anwendungen, etwa digitale Schlüssel für Türen, Autos oder Büros.
Vom Nagelstudio ins Zahlungssystem der Schweiz
Gesteuert wird das System über eine Smartphone-App, in der Kundinnen und Kunden ein Konto anlegen und eine kompatible Kredit- oder Debitkarte hinterlegen. Unterstützt werden derzeit vor allem bestimmte Mastercard-Produkte sowie die Prepaid-Karte «Life Digital» des Anbieters Swiss Bankers. Wer eine andere Karte nutzen möchte, kann das Guthaben auf eine solche Prepaid-Karte laden und sie mit dem Chip verknüpfen.
Der Chip selbst sei nicht ortbar, betont Niedermann: «Unser Chip ist immer inaktiv. Er sendet kein Signal und wird erst aktiv, wenn er direkt an einen Leser gehalten wird.» Für den Einsatz in Flugzeugen, Spitälern oder bei Untersuchungen wie MRI oder Röntgen sieht die Firma ebenfalls keine Einschränkungen. Der Chip löse keine Sicherheitsscanner aus und erhitze sich nicht.
Laut dem Erfinder Claude Niedermann ist das System wasserfest und unempfindlich gegenüber Hitze oder Kälte. Duschen, Schwimmen oder Kochen sollen der Technik nichts anhaben. Im Test habe sogar ein Maurer den Chip über längere Zeit getragen, ohne Probleme, sagt Niedermann. Wie bei anderen Kunstnägeln raten die Hersteller davon ab, die Nägel einfach abzuknipsen; stattdessen sollen sie mit einer speziellen Feile, die man kostenlos bekommt, gekürzt werden.
Für Menschen mit Beeinträchtigungen könnten sich zusätzliche Vorteile ergeben. Wer etwa im Rollstuhl sitzt oder schlecht greifen kann, könnte Türen oder Zahlterminals mit einer kleinen Bewegung öffnen. «Für Leute, die nicht einfach die Karte aus der Tasche nehmen können, kann der Chip vieles erleichtern», sagt Niedermann.
Einerseits trifft er auf einen Markt, in dem kontaktloses Bezahlen bereits weit verbreitet ist – sei es mit Twint, Karte, Smartphone oder Smartwatch. Viele Konsumentinnen und Konsumenten haben heute mehrere Bezahloptionen parallel zur Verfügung. Andererseits ist das Angebot bewusst auf eine Zielgruppe zugeschnitten, die regelmässig ins Nagelstudio geht und bereit ist, alle paar Wochen einen neuen Chip einsetzen zu lassen. Hinzu kommt, dass der Smart Chip derzeit nur mit einer begrenzten Auswahl an Karten kompatibel ist. Wer sein gewohntes Bankkonto nicht anbinden kann, muss auf eine zusätzliche Prepaid-Karte ausweichen. Auch über die langfristigen Kosten entscheidet das Nagelstudio mit, denn zu den Materialkosten kommen die Arbeitszeit und der reguläre Termin für die Maniküre.
Ob daraus tatsächlich eine neue Standardtechnologie für Zahlungen und Zugangsrechte wird oder eine Nischenlösung für technikaffine Nail-Art-Fans bleibt, wird sich erst zeigen. Fürs Erste liefert der Smart Chip vor allem eines: ein anschauliches Beispiel dafür, wie weit der Trend geht, Bezahlfunktionen in immer kleinere und ungewöhnlichere Alltagsgegenstände zu verlagern.
Experten-Interview
«Der Smart Chip wird wohl ein Nischenprodukt bleiben»
Wie gross ist das Potenzial eines Chips auf dem Fingernagel wirklich und kann sich eine solche Lösung im dichten Schweizer Zahlungssystem überhaupt durchsetzen? Darüber spricht Finanztechnologe Prof. Dr. Andrea Barbon, Assistant Professor in Financial Technology der Universität St.Gallen.
Wie schätzen Sie das Potenzial dieser neuen Zahlungsmethode ein? Könnte sich ein auf Fingernägeln basierendes Zahlungssystem in der Schweiz etablieren?
Die Technologie ist interessant und macht «Spass», bietet jedoch keinen klaren Vorteil gegenüber Smartwatches, Karten oder Mobiltelefonen. Ohne einen deutlichen Mehrwert ist es unwahrscheinlich, dass sie in der Schweiz, wo die bestehenden Zahlungslösungen bereits sehr gut funktionieren, eine breite Akzeptanz findet.
Unter welchen Bedingungen könnte sich ein Fingernagel-Chip von einer Nischenlösung zu einem Massenprodukt entwickeln?
Nur wenn er deutlich komfortabler ist als bestehende Optionen – insbesondere durch einfache Selbstanwendung, niedrige Kosten und nahtlose Integration in die wichtigsten Zahlungsnetzwerke. Ohne einen klaren Vorteil in Bezug auf Benutzerfreundlichkeit oder Kosten wird er wahrscheinlich eine Nische bleiben.
Würde ein Selbstanwendungskit die Akzeptanz deutlich erhöhen oder bliebe es eine Nische?
Ein Selbstanwendungskit ist wahrscheinlich eine notwendige, aber nicht ausreichende Voraussetzung für eine breitere Akzeptanz. Es würde die Reibung verringern, aber ohne einen überzeugenden Anwendungsfall, der über die Neuheit hinausgeht, würde die Akzeptanz wahrscheinlich weiterhin begrenzt bleiben.
Welche Rolle könnten körperbasierte oder biometrische Zahlungsmethoden in den kommenden Jahren spielen?
Biometrische Zahlungen sind vielversprechend, insbesondere für die Authentifizierung – beispielsweise beim Bezahlen mit Fingerabdrücken oder Iris-Scans. Diese Ansätze können den Komfort verbessern und gleichzeitig bestehende Geräte und Infrastrukturen nutzen, wodurch sie eher skalierbar sind als eingebettete Körperchips.
Wie bewerten Sie einen passiven NFC-Chip auf dem Fingernagel in Bezug auf Sicherheit und Haftung?
Aus Sicherheitsperspektive bieten passive NFC-Chips nur begrenzten Schutz im Vergleich zu gerätebasierten Zahlungssystemen, die Hardware-Sicherheit, Biometrie und Softwarekontrollen kombinieren. Auch die Rahmenbedingungen für Betrug und Haftung sind weniger ausgereift. Das kann Verbraucher und Banken im Vergleich zu etablierten kontaktlosen Lösungen zur Vorsicht veranlassen.

Andrea Barbon arbeitet als Assistenzprofessor für Finanztechnologie am Center for Financial Services Innovation der Universität St. Gallen, wo er Masterstudenten im Fach «Finanztechnologie» unterrichtet. Seine Forschungsinteressen liegen im Bereich der Finanztechnologie, insbesondere der dezentralen Finanzwirtschaft, NFT-Märkte, Vermögenspreise, Marktmikrostruktur und Geldpolitik.

Sinja Rüdisüli (2001) studiert im 5. Semester Kommunikation und Medien an der ZHAW. Nebenbei ist sie als Freelancerin beim Tages-Anzeiger tätig und produziert unter anderem Videos und Inhalte für die Social-Media-Kanäle des Tages-Anzeigers. In ihrer Freizeit arbeitet sie ausserdem als Bartenderin.