Wer kann sich Zürich eigentlich noch leisten?
Von der schrumpfenden Stadt für «Arme» in den 80er-Jahren zur boomenden Metropole für Hochqualifizierte. Zürich hat eine bemerkenswerte Kehrtwende erlebt. Nach der Stadtflucht kam der Rückzug ins Urbane – mit Folgen für Bevölkerung, Wohnraum und soziale Durchmischung.
Autor: Valentin Grünig
Titelbild: Zürich ist eine der teuersten Städte der Welt. Bild: Valentin Grünig
1960 lebten in der Stadt Zürich mehr Menschen als heute. Da das Leben damals sehr dicht und der Wohnraum knapp war, zogen viele, die es sich leisten konnten, aufs Land und bauten sich ein Eigenheim. Man sprach etwas dramatisch von einer «Stadtflucht».

«Aus der Stadtflucht resultierte die sogenannte A-Stadt», erklärt ETH-Stadtforscher David Kaufmann. «A», weil die Menschen, die nicht aufs Land zogen und in Zürich wohnen blieben, oft mit Attributen beschrieben wurden, die mit dem Buchstaben «A» beginnen: Alkoholiker, Arbeitslose, Arme, Ausländer, Alte.
Die Bevölkerungszahl sank, bis sie im Jahr 1997 einen Tiefstwert erreichte. Es lebten noch 336’800 Menschen in der Stadt.
Die Renaissance
in den 2000ern entdeckte die «Kreative Klasse» – Künstler & Kulturschaffende, Designer, Wissenschaftler aber auch IT-Fachkräfte – die Stadt. Die offenen Drogenszenen (Platzspitz und Letten) wurden aufgelöst. Kurze Wege, Kultur, Gastronomie und ein sauberes Image machten urbanes Wohnen wieder attraktiv. Alte Industriezweige, etwa der Maschinenbau, zogen weg oder schrumpften. In Zürich-West und Oerlikon, wo früher Zahnräder (Maag) oder Turbinen (Sulzer/Escher Wyss) produziert wurden, entstanden ab den 2000er-Jahren ganze neue Stadtteile.

Mit dem Inkrafttreten der Bilateralen Verträge mit der EU am 1. Juni 2002 fielen die Hürden für Arbeitskräfte. Firmen konnten danach problemlos «Expats» aus Deutschland, Frankreich oder England rekrutieren. Der Begriff steht kurz für «Expatriate» und beschreibt eine Person, die vorübergehend ausserhalb ihres Heimatlandes lebt und arbeitet.
Für die Stadtentwicklungsforscherin Dr. Eveline Odermatt ist dies ein problematischer Begriff: «In der Migrationsforschung macht man hier eine Art Zweiklassengesellschaft auf.» Personen mit hochqualifizierten Jobs nenne man Expats, Leute aus anderen Berufsgattungen, zum Beispiel auf dem Bau, seien Migranten. «Das ist nicht fair», so Odermatt.
Google startet 2004
Die Stadt wurde immer attraktiver – auch für Technologiekonzerne. Das erste Schweizer Google-Büro am Limmatquai startete im Jahr 2004 mit gerade einmal zwei Mitarbeitenden. Die Ansiedlung zog weitere Tech-Firmen wie Meta (Facebook, WhatsApp, Instagram) oder Nvidia (KI-Forschung) an. 21 Jahre später arbeiten rund 5000 Menschen für Google in der Stadt Zürich.

2022 überschritt die Bevölkerungszahl der Stadt Zürich mit 443’037 Einwohnern erstmals wieder den Höchstwert aus dem Jahr 1962. Damals lebten 440’180 Menschen in der Stadt.
«Die Schweiz, wie auch die Kantone und Gemeinden, werben um Firmen wie Google. Man will in Sachen Technologie dabei sein, man will aber auch Steuern», erklärt David Kaufmann von der ETH. So war es laut dem «Republik»-Magazin auch bei Google in Zürich.
Zehn Jahre Schweigen
Die Zürcher Politik schwieg die ersten zehn Jahre über die Steuern, die sie von Google einnahm, schreibt die «Republik». Erst im Jahr 2013, bei der Eröffnung eines neuen Standorts auf dem Hürlimann-Areal, erklärte SP-Stadtpräsidentin Corine Mauch: Google gehöre zu den 50 grössten Arbeitgebern und zu den 100 grössten Steuerzahlern in der Stadt.
Google ist ein Arbeitgeber, der auch hohe Löhne bezahlt. 180’000 Franken Jahresgehalt als Einstiegslohn für Softwareentwickler direkt nach dem Studium sind möglich, wie die NZZ berichtete. Eine Recherche des «Beobachters» zeigt: In keiner anderen Branche verdienen Akademikerinnen und Akademiker nach dem Studium auch nur ansatzweise so viel Geld.

«A-Stadt reverse»
Wer viel Geld verdient, kann sich auch teurere Wohnungen leisten. Das treibt die Preise in die Höhe. «Heute erkennt man in der Stadt Zürich eine Art A-Stadt-Reverse», erklärt Kaufmann. Das bedeutet nicht, dass auf dem Land immer mehr Alkoholiker wohnen, sondern dass wieder mehr Menschen mit hohem Einkommen in die Stadt ziehen.
In Kaufmanns aktueller Studie ist klar zu erkennen, dass in Zürich immer mehr «Double Income No Kids»-Paare (kurz: DINKs) wohnen: gut verdienende Menschen in hochqualifizierten Jobs, meist aus der Schweiz, dem EU-Raum oder aus Nordamerika.
Verdichten hat einen Haken
Eine Oft genannte Lösung für Zürichs Wohnungsnot heisst: Verdichten. Mehr Menschen sollen auf derselben Fläche wohnen. Bedeutet: bestehende Häuser aufstocken und wo möglich höhere Gebäude bauen. David Kaufmann ist Assistenzprofessor für Raumentwicklung und Stadtpolitik an der ETH Zürich. Er erklärt, was das Problem am Verdichten ist und welche Gruppe betroffener ihn besonders beschäftigt.
Talent ist erwünscht, Geduld Pflicht
Ibrahim Ethem Hamamci kam zum Forschen nach Zürich. Er kann sich die Stadt leisten. Was er fand, war eine Stadt zwischen Postkarten-Idylle und bürokratischen Hindernissen.

August 2024, Flughafen Zürich, Passkontrolle. Der müde Ibrahim Ethem Hamamci reicht sein Arbeitsvisum rüber. Er kommt gerade zurück aus London, von vier Monaten Praktikum bei Microsoft. Der 27-Jährige freut sich auf sein Bett im kleinen Studio im Zürcher Universitätsquartier.
«Sie können nicht einreisen», meint der Grenzbeamte. Im System sei sein Vertrag pausiert, er gelte als ausgereist. Hamamci ist Doktor der Medizin, Google-Stipendiat – ein Top-Talent. Und doch steht er im Niemandsland und muss umdrehen. Nächster Flug nach Istanbul, zu seiner Familie. Einen Monat ausgesperrt von der Schweizer Bürokratie.
Heute ist er zurück. Es war ein Missverständnis. Doch die Lektion bleibt: Du bist willkommen, solange dein Formular stimmt.
Spannteppich und heisse Kabel
Hamamcis Arbeitsplatz befindet sich an der Schmelzbergstrasse, hinter dem Universitätsspital Zürich. Draussen glänzt die Fassade eines wunderschönen Jugendstilbaus. Im vierten Stock weicht der Prunk einem funktional eingerichteten Büro. Es riecht nach trockenem Spannteppich und warmen Stromkabeln. Hier wird gearbeitet.
Im Halbdunkel der heruntergelassenen Storen entwickelt Hamamci zusammen mit anderen PhD-Studenten eine künstliche Intelligenz. Sie soll – vereinfacht gesagt – Radiolog*innen der Zukunft ersparen, MRIs selbst auswerten zu müssen.
Er ist ein kräftig gebauter, grosser Mann mit kurzen schwarzen Haaren und einem Dreitagebart. Er trägt business casual: ON-Sneaker, Stoffhose, Rollkragenpulli und eine Doppelstegbrille mit dicken Gläsern.

Sein Arbeitsplatz ist eine Festung aus Hardware. Einer der drei Bildschirme steht senkrecht – wie ein Smartphone. «So kann ich längere Code-Blöcke auf einmal lesen», erklärt er. Wenn Hamamci redet, klingt es, als würde er einen seiner Codes vorlesen: schnell, präzise, fast ohne Punkt und Komma. Die Tonlage bleibt unverändert.
25 Quadratmeter
Dass Hamamci in diesem chiquen Büro sitzt, ist das Ergebnis jahrelanger Vorbereitung: Bachelor und Master in Medizin in Istanbul, dann das Doktorat an der ETH. Auf das, was ihn aber bei der Wohnungssuche in Zürich erwartete, hatte ihn kein Studium vorbereitet.
Hamamci erinnert sich an Gespräche mit Zürcher Vermieter*innen. Oft ging es um kleine Studios für sehr viel Geld. Sehr persönliche Fragen wie: «Wie steht es um Ihre Finanzen?», «Wollen Sie Kinder?», waren an der Tagesordnung.
Nach dem fünften Anlauf bekam Hamamci eine Zusage. Seither wohnt er in einem 25-Quadratmeter-Studio gleich unterhalb des Zoos Zürich. Miete: 2000 Franken.
Flucht in die Stille
Drei Jahre und zwei Monate ist es her, dass er Istanbul verlassen hat. Wenn er von seiner Heimatstadt erzählt, beschleunigt sich sein Sprechtempo. Istanbul sei wie ein übertakteter Prozessor: 20 Millionen Menschen, Lärm, Chaos. Vier Stunden Lebenszeit verbrannte er dort täglich im Stau, um über den Bosporus in die Uni auf die europäische Seite zu kommen. Ein anderer Kontinent – jeden Tag.
Nicht wie bei seiner Rückkehr aus London habe ihn Zürich 2022 mit offenen Armen empfangen – zumindest auf dem Papier. 7000 Franken netto verdient er. Und das als Student. Trotzdem erinnert er sich an den anfänglichen Schock über die Preise an der Supermarktkasse: «Die ersten Monate ernährte ich mich nur von Tiefkühlkost.»
Heute kennt und liebt er Zürich. Im Sommer schwimmt er gerne in der Limmat, im Winter zieht er seine Bahnen im City-Hallenbad. Zum Kopflüften spaziert er am Waldrand vom Zoo in Richtung Irchelpark. Selbst an die Preise hat er sich inzwischen gewöhnt.
Goldener Käfig
Die Wohnungssituation hat sich für Hamamci zwar geklärt, doch der Schweizer Gründlichkeit begegnet er auch bei seiner Arbeit. «Wir brauchen medizinische Daten, um unsere KI zu trainieren», erklärt er. Diese Daten sind sehr sensibel. Seine Kollegen in den USA oder China erhalten innerhalb von Wochen Zugriff. Er aber wartet in Zürich oft Monate auf Genehmigungen. Es frustriert ihn. Er sieht das Potenzial: «Die klügsten Köpfe der Welt sitzen hier an der ETH – und müssen warten.»
Ibrahims Freundeskreis besteht fast ausschliesslich aus Zugezogenen. Er findet: «Schweizer sind sehr höflich, aber verschlossen.»
Was ihm bei seinen Freundschaften hier in der Schweiz fehlt, ist die Spontanität. «In der Türkei rufe ich einen Freund an: Lust auf Tee? Zehn Minuten später sitzen wir zusammen.» In Zürich schlug er einmal einen Wandertrip vor und bekam die Antwort: «In zwei Monaten hätte ich Zeit.» Hamamci lacht kurz auf. «In zwei Monaten? Keine Ahnung, ob ich dann noch Lust habe.»

Blick vom Balkon
Wenn er aufsteht, muss er sich wegen der Dachschräge hinter seinem Pult leicht ducken. Hinter ihm führt eine Tür direkt auf die Dachterrasse. Der Bürogeruch weicht der kalten Novemberluft. Blick auf See und Uetliberg – Zürich liegt einem zu Füssen. Auf dem Balkon stehen zwei verwaiste Chromstahlstühle, kein Tisch.
«Im Sommer nutzen wir das schon öfter», rechtfertigt sich Hamamci. Er tritt an das Geländer und blickt auf drei rote Baukräne, die sich in den grauen Himmel bohren. Ein halbfertig renoviertes Hochhaus versperrt einen Teil der Sicht auf den Zürichsee. «Dort», sagt er mit einem Schmunzeln und zeigt auf den Rohbau, «wird mein Büro sein, wenn ich in Zürich bleibe.»

Kommenden Sommer endet sein Arbeitsvertrag. Er kann zwischen zwei anschliessenden Jobangeboten als Software Engineer bei Google wählen: eines in besagtem Turm in Zürich, das andere in den USA. Egal, wo es ihn hinzieht, Hamamci möchte in ein paar Jahren ein Startup gründen.
«In den USA ist das bedeutend einfacher», sagt er nüchtern. Mehr Kapital, riesiger Markt, Risikobereitschaft. Die Entscheidung fällt ihm trotzdem schwer. Er hat sich an die Ruhe und die Lebensqualität in Zürich gewöhnt und könnte sich inzwischen vorstellen, für immer hier zu leben. Gleichzeitig stand ihm die Schweizer Bürokratie schon oft im Weg.

Valentin Grünig ist freier Journalist und schreibt am liebsten über die Stadt in der er lebt.