Inland

«Mehr Spenden sind nicht immer besser» – Warum Hilfe gut organisiert sein muss

Seit Kriegsbeginn erreichen Hilfsorganisationen im Kanton Bern unzählige Spenden für die Ukraine. Doch nicht alles, was gut gemeint ist, hilft auch wirklich. Der Verein Bär & Leu zeigt, warum sorgfältige Planung entscheidend ist, damit Hilfe dort ankommt, wo sie gebraucht wird.

Autorin: Sophie Wagner
Titelbild: Die Psychiatrie Münsingen spendet Möbel, die vor Ort für den Weitertransport in die Ukraine verladen werden. Quelle: Sophie Wagner

Es ist Freitagmorgen hinter der Psychiatrie Münsingen. Zwischen hohen Regalen und ausrangierten Möbeln herrscht geschäftiges Treiben. Das Lager ist bis unter die Decke gefüllt mit Stühlen, Kommoden, Lattenrosten und Tischen. Alles stammt aus den Beständen der Psychiatrie, die ihre Möbel spendet. Und alles soll heute noch in den Lastwagen. Zwei Männer greifen Stuhl um Stuhl und heben sie auf die Ladefläche. Ein dritter sitzt im Gabelstapler, die Hände am kalten Metall, bereit, die schweren Kommoden zu verladen. Die Kälte kriecht ihnen in die Finger, jeder Atemzug steigt als weisse Wolke in die klare Morgenluft.

Viele der Helfer:innen kommen selbst aus der Ukraine. Einige sind vor über drei Jahren geflüchtet, andere dürfen nur für den Transport in die Schweiz einreisen. Sie lachen zwischendurch, rufen sich Anweisungen zu, arbeiten routiniert. Für viele von ihnen ist dieser Einsatz mehr als Logistik. Es ist eine Möglichkeit, ihren Familien und Bekannten in der Ukraine beizustehen, auch wenn sie selbst weit weg sind.

Bildlegende: Ein Teil des Teams der Hilfsorganisation Bär & Leu. In der Mitte, mit gelber Leuchtweste: Viktor Zaichuk.
Bildquelle: Sophie Wagner

Im Kanton Bern engagieren sich zahlreiche Vereine, Kirchgemeinden und private Initiativen für die Ukraine. Eine exakte Zahl aller Hilfsorganisationen gibt es nicht, doch die Vielfalt ist gross, von kleinen lokalen Gruppen bis zu grossen Non-Profit-Organisationen. Auch der Transport, der an diesem Morgen in Münsingen beladen wird, ist Teil dieses breiten Engagements. Organisiert wird er vom Verein Bär & Leu aus dem Berner Oberland, der seit über 25 Jahren Hilfe in der Ukraine leistet.

Von Grosshöchstetten in den Osten der Ukraine 

Vorstandsmitglied Rolf Blickle erlebt seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022, wie stark sich das Engagement des Vereins verändert hat: «Früher verschickten wir nur ein paar Lieferungen pro Jahr. Heute fahren wir mindestens zwei Transporte im Monat», sagt er. Trotzdem hält er am Grundgedanken fest: «Wir wollen unsere langfristigen Projekte weiterführen, auch wenn uns die Situation stärker fordert als je zuvor.» Denn vielerorts brauche es zwar schnelle, gezielte Hilfe, doch ohne langfristige Strukturen bleibt sie nur ein Tropfen auf den heissen Stein.

Mehr zum Verein Bär & Leu

Der Verein Bär & Leu wurde 1999 im Kanton Bern gegründet und versteht sich seit Beginn als Brücke zwischen der Schweiz und der Ukraine. Die Organisation arbeitet eng mit Kirchen, Schulen sowie sozialen und medizinischen Institutionen zusammen und unterstützt insbesondere Kinder aus belasteten oder zerbrochenen Familien, Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen, ältere Personen, Tuberkulosekranke oder Angehörige von Minderheiten. 

Der Name des Vereins trägt seine Mission bereits in sich. Der Bär, das Wappentier von Stadt und Kanton Bern, steht für die engagierten Menschen in der Schweiz, die den Verein tragen. Der «Leu» (Löwe), das Wahrzeichen der Stadt Lemberg, symbolisiert die Partner:innen in der Ukraine.

Wie solche langfristigen Ansätze aussehen, zeigt das Selbsthilfeprojekt «Vybir» in Uschhorod. Dort verteilt der Verein nicht nur Rollstühle, Gehhilfen oder Lebensmittel, sondern berät Familien, organisiert IT-Kurse, begleitet Elterngruppen und setzt sich politisch für mehr Barrierefreiheit ein.Gerade Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen, ältere Personen oder Kinder aus belasteten Familien erhalten in der Ukraine oft kaum staatliche Unterstützung. Sozialleistungen reichen selten aus, viele Einrichtungen mussten während des Krieges schliessen oder fliehen, und lokale Behörden sind mit akuten Notlagen ausgelastet. Für jene, die schon vor dem Krieg am Rand der Gesellschaft lebten, hat sich die Situation dadurch massiv verschärft, sagt Blickle.

Das eigene Land unterstützen

Für viele Ukrainer:innen in der Schweiz ist die Distanz zur Heimat schwer auszuhalten. Viele wollen helfen, so gut es geht. Besonders eindrücklich ist der Einsatz jener Männer zwischen 18 und 60 Jahren, die die Ukraine eigentlich nicht verlassen dürfen. Nur humanitäre Einsätze erlauben eine Ausreise.

Zu ihnen zählt auch der Lastwagenfahrer Viktor Zaichuk Monat für Monat fährt er von Grosshöchstetten los, bringt Hilfsgüter nach Lemberg, Kiew, Baar oder Uschgorod.

Viktor Zaichuk erzählt, wie es für ihn als Lastwagenfahrer ist, regelmässig Hilfsgüter in sein Heimatland, die Ukraine, zu bringen.
Produktion und Schnitt: Sophie Wagner

Geld statt Güter

Bevor ein einziges Hilfspaket die ukrainische Grenze erreicht, beginnt die eigentliche Arbeit oft weit entfernt vom Kriegsgebiet: in überfüllten Lagerhallen, in denen Freiwillige wie Aleksandra Berezanets von Bär & Leu versuchen, Ordnung in die Flut der Spenden zu bringen. Zwischen Kartons, Kleidersäcken und improvisierten Sortiertischen kämpft sie sich durch das Chaos. «Wenn Menschen Kleidung spenden, sollten die Plastiktüten unbedingt beschriftet sein», sagt sie. «Das spart enorm viel Zeit.»

Doch unbeschriftete Ware sei nicht das einzige Problem. Seit Beginn des Krieges berichten Medien wie das SRF, dass Sammelaktionen für die Ukraine oft überrannt wurden. Tausende Hilfsgüter trafen ein und Freiwillige standen vor Bergen ungeeigneter Waren: Kleidung für die falsche Jahreszeit, abgelaufene Lebensmittel, Elektrogeräte ohne ukrainischen Anschluss. 

  • Einblick ins Lager in Grosshöchstetten. Hier werden alle Spenden gesammelt und für den Weitertransport vorbereitet.
Infografik zu den Hilfsgütern, die aktuell in der Ukraine am dringstens benötigt werden. Design: Sophie Wagner, Quelle: Bär & Leu

Für Martina Ziegerer, Geschäftsleiterin der ZEWO, ist diese Überlastung längst kein Ausnahmefall mehr. Seit 2022 hätten grosse Sachspenden immer wieder massive logistische Herausforderungen verursacht. «Organisationen müssen Lagerflächen finden, Freiwillige koordinieren, Transporte organisieren, Fahrzeuge und Fahrer bereitstellen», erklärt sie. «Dazu kommen Zollformalitäten und die Frage, wie die Verteilung vor Ort überhaupt sicher funktionieren kann.» All das koste Zeit, Geld und verzögere im schlimmsten Fall die Hilfe für jene, die sie dringend brauchen.

Deshalb empfiehlt die ZEWO grundsätzlich Geldspenden. Sie seien flexibler, effizienter und ressourcenschonender. «Man kann damit vor Ort genau das kaufen, was gerade gebraucht wird, schnell und in der richtigen Menge», sagt Ziegerer. Tatsächlich lassen sich viele Hilfsgüter in der Ukraine oder in Nachbarländern deutlich günstiger und schneller beschaffen: Lebensmittel, Kleidung, Werkzeuge oder Baumaterial gelangen so oft innerhalb weniger Stunden an die Front oder in Flüchtlingsgebiete, statt nach tagelanger Reise aus der Schweiz.

Ganz verzichtbar sind Sachspenden dennoch nicht. Sie bleiben wichtig, wenn es um spezifische Medikamente oder Spezialgeräte geht, die lokal nicht erhältlich sind, vorausgesetzt, Hilfsorganisationen rufen gezielt dazu auf. Auch für kleine oder lokale Gruppen, die Sachspenden sammeln möchten, formuliert sie klare Empfehlungen: Zuerst müsse der Bedarf vor Ort sorgfältig abgeklärt werden. Dann müssten Organisationen sicherstellen, dass sie dauerhaft über die nötige Logistikkapazität verfügen, inklusive Transport, Lagerung, sortiertem Material und verlässlichen Partnern vor Ort. Erst wenn diese Strukturen stehen, sollten sie einen Spendenaufruf starten.