Kultur / Gesellschaft

Ein hässlicher Pullover muss kein kurzes Leben haben

Vor Weihnachten verkaufen Schweizer Läden massenhaft «Ugly Christmas Sweater», die kurz danach im Abfall landen. Doch es gibt Lösungen, wie es besser ginge: Upcycling, Kleidertausch, Secondhand und textiles Handwerken.

Autorin: Joana Stadler
Titelbild: Der «Ugly Christmas Sweater», gefunden in einem Brockenhaus in Winterthur. Bild: Joana Stadler, generativ erweitert mit Adobe Photoshop

Machst du mit am «Ugly Christmas Sweater Day»?

Von der Kleiderstange auf den Abfallberg

«Konsumieren heisst immer einen Verbrauch, und wir konsumieren sehr viel», sagt Ariane Angst. «Schade ist, wenn man etwas aus einem Impuls heraus kauft und es dann nicht braucht. Es landet im Kleiderschrank, teils noch mit der Hängeetikette dran.» 

Angst kennt sich in der Textilbranche aus: Angefangen hat sie als Bekleidungsgestalterin, später studierte sie Fashion Design und Product Management. Heute arbeitet die Textilexpertin beim Schweizer Lingerie- und Loungewear-Label Moya Kala und leitet Kurse im Textilwerk in Winterthur. 

Neu gekauft und am gleichen Abend entsorgt? Oder was passiert mit einem schrillen Pulli, wenn er seinen Zweck am Abend des 19. Dezember getan hat und, weil er so «ugly» ist, nicht mehr getragen werden möchte?

Nutzen, was schon da ist

Der «Ugly Christmas Sweater Day» steht beispielhaft für einen schnelllebigen Umgang mit Kleidern. Dabei gibt es zukunftsfähige Alternativen.

Anstatt dass Kleiderstücke im Schrank verstauben, lassen sie sich wieder aufwerten: Profis reinigen sie, damit sie aussehen wie neu oder schneidern sie so zu, dass sie wirklich passen. Teils reichen einige kleinere Abänderungen, um das Kleidungsstück wieder tragbar zu machen. 

Ein Pullover, der einem nicht gehört

Freunde, die eine Bad-Taste-Party oder den «Ugly Christmas Sweater Day» verspätet feiern, erfreuen sich an einem geliehenen Pullover.

Zum Handwerk zurückkehren

In Zürich fand Anfang November das allererste «Knit-Fest» statt. Ein Festival, bei dem sich – wie es der Name schon verrät – alles ums Thema Stricken drehte. Tausende strömten für neues Material, Vorträge und Workshops von überall her in die Zürcher Eventhalle «StageOne». Kleidung selbst machen als Hobby: Nicht nur Stricken, auch Sticken und Häkeln liegen erneut im Trend. 

Bis noch vor etwa hundert Jahren waren Massanfertigungen von Schneider:innen oder selbst gemachte Kleidung für Personen mit mittlerem bis tiefen Einkommen die Norm, wie die Historikerin Anne-Marie Dubler im historischen Lexikon der Schweiz schreibt. 

Laut Textilexpertin Ariane Angst werden immer fehlende Zeit und knappes Material Konsument:innen langfristig dazu zwingen, wieder selbst kreativ zu werden. Selbst gestrickt, bestickt oder gehäkelt, wird der hässliche Weihnachtspullover zum individuellen und kreativen Projekt. 

Ein Teil der Lösung

«Wir sind uns nicht bewusst, wie viel Aufwand und Arbeit hinter Kleidung steckt. Ändert sich das jedoch, ändert sich auch das Konsumverhalten», ist sich Ariane Angst sicher. Als Konsument:in habe man in der Masse eine gewisse Macht. «Solang ediese nicht mit Nachdruck bei den Anbietern ankommt, ist man den negativen Aspekten der Branche ausgeliefert.» Die Konsument:innenseite sei ein Teil der Lösung. Der grössere Part müsse die Textilbranche übernehmen. 

Auch der hässliche Weihnachtspullover würde damit teurer. Der Aufpreis soll jedoch dazu beitragen, dass Kleider in Zukunft länger gebraucht, recycelt und besser produziert werden.