Ein hässlicher Pullover muss kein kurzes Leben haben
Vor Weihnachten verkaufen Schweizer Läden massenhaft «Ugly Christmas Sweater», die kurz danach im Abfall landen. Doch es gibt Lösungen, wie es besser ginge: Upcycling, Kleidertausch, Secondhand und textiles Handwerken.
Autorin: Joana Stadler
Titelbild: Der «Ugly Christmas Sweater», gefunden in einem Brockenhaus in Winterthur. Bild: Joana Stadler, generativ erweitert mit Adobe Photoshop
Sechzig neue Kleidungsstücke kaufen Schweizer:innen durchschnittlich pro Jahr. Das zeigt ein Bericht des Bundesamts für Umwelt von 2023. Bei vielen kommt jetzt noch eines dazu: der «Ugly Christmas Sweater».
Denn jeden dritten Freitag im Dezember haben Pullover einen besonderen Zweck: So hässlich wie möglich sollen sie sein. Das zum Anlass des «Ugly Christmas Sweater Day», der aus den USA und Grossbritannien in die Schweiz übergeschwappt ist. Für viele gehört ein jährlicher Social-Media-Post dazu: Auf Instagram finden sich zum Hashtag über 24 tausend Beiträge.
Von der Kleiderstange auf den Abfallberg
Grosse Modehändler wie etwa Zalando, H&M oder Manor präsentieren in ihren Online-Shops Angebote für hässliche Weihnachtspullis. Mittlerweile gibt es sie sogar als Fanartikel von Sportclubs, Filmen, Musikbands und vielem mehr. Ein Riesengeschäft: 2018 soll laut einem Artikel von CNBC der Händler UglyChristmasSweater.com allein einen Umsatz von 6,2 Millionen US-Dollar erwartet haben.
«Konsumieren heisst immer einen Verbrauch, und wir konsumieren sehr viel», sagt Ariane Angst. «Schade ist, wenn man etwas aus einem Impuls heraus kauft und es dann nicht braucht. Es landet im Kleiderschrank, teils noch mit der Hängeetikette dran.»
Angst kennt sich in der Textilbranche aus: Angefangen hat sie als Bekleidungsgestalterin, später studierte sie Fashion Design und Product Management. Heute arbeitet die Textilexpertin beim Schweizer Lingerie- und Loungewear-Label Moya Kala und leitet Kurse im Textilwerk in Winterthur.
Die zunehmende Menge an Textilien werde auf Dauer «ein Riesenproblem» für alle Schweizer Organisationen, die Kleider verwerten, sagt Angst. So dürfte es nach dem 19. Dezember dem hässlichen Weihnachtspulli ergehen wie vielen anderen Textilien in der Schweiz. Er wird entsorgt. Rund 7 Kilogramm Textilabfall produziert im Jahr 2024 jede:r Schweizer:in laut der Abfallstatistik des Bundesamts für Umwelt.

Infografik: Joana Stadler, erstellt mit Adobe Express. Quelle: Bundesamt für Umwelt
Gemäss einem Bericht des Bundes werden rund zwei Drittel der Altkleider in der Schweiz wiederverwendet. Vom anderen Drittel werde ein Grossteil im Ausland sortiert und verwertet. Ungefähr 36’700 Tonnen Alttextilien verbrennt die Schweiz jährlich. Das entspricht etwa einem Handgepäck-Koffer voller Kleidung pro Person und Jahr.
Neu gekauft und am gleichen Abend entsorgt? Oder was passiert mit einem schrillen Pulli, wenn er seinen Zweck am Abend des 19. Dezember getan hat und, weil er so «ugly» ist, nicht mehr getragen werden möchte?
Nutzen, was schon da ist
Der «Ugly Christmas Sweater Day» steht beispielhaft für einen schnelllebigen Umgang mit Kleidern. Dabei gibt es zukunftsfähige Alternativen.
Anstatt dass Kleiderstücke im Schrank verstauben, lassen sie sich wieder aufwerten: Profis reinigen sie, damit sie aussehen wie neu oder schneidern sie so zu, dass sie wirklich passen. Teils reichen einige kleinere Abänderungen, um das Kleidungsstück wieder tragbar zu machen.
Aus Wegwerfkandidat mach Lieblingsstück
Aus einem Pullover eine Mütze machen? Das geht. Alte, ungenutzte oder kaputte Kleidung wird beim Upcycling kreativ aufgewertet. Danach werden die Kleidungsstücke wieder mehr getragen und haben so mehr Wert für die, die sie brauchen, sagt die Upcycling-Kennerin Ariane Angst.
Ein Pullover, der einem nicht gehört
Freunde, die eine Bad-Taste-Party oder den «Ugly Christmas Sweater Day» verspätet feiern, erfreuen sich an einem geliehenen Pullover.
Für alle, die ihren Pullover nicht mehr zurückhaben wollen, bietet der Kleidertausch eine ressourcenschonende Alternative. Eine Greenpeace-Studie zeigt: Würden in der Schweiz alle Kleider drei Jahre länger getragen werden, könnten 1,5 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent (tCO2eq) eingespart werden. Das sei «etwa so viel, wie ein Auto ausstösst, das 186’000 Mal um die Erde fährt.» Mittlerweile gibt es in der ganzen Schweiz öffentlich organisierte Kleidertauschbörsen.
Gebraucht und doppelt geliebt
Fast Fashion produziert Mode schnell und billig. Angeboten wird sie auf der ganzen Welt. Delia Chiasserini machte lange mit und kaufte regelmässig bei grossen Modeketten ein. Heute hat sie sich bewusst dagegen entschieden: Sie setzt auf Secondhand.

Delia Chiasserini kauft meistens online Secondhand-Kleidung ein, nimmt sich aber auch gerne Zeit für Brocki-Besuche. Bild: Joana Stadler
Zum Handwerk zurückkehren
In Zürich fand Anfang November das allererste «Knit-Fest» statt. Ein Festival, bei dem sich – wie es der Name schon verrät – alles ums Thema Stricken drehte. Tausende strömten für neues Material, Vorträge und Workshops von überall her in die Zürcher Eventhalle «StageOne». Kleidung selbst machen als Hobby: Nicht nur Stricken, auch Sticken und Häkeln liegen erneut im Trend.

Ein handwerkliches Projekt muss geplant sein. Bild: Joana Stadler

Eine Overlock Nähmaschine (links) und eine Nähmaschine (rechts) im Textilwerk Winterthur. Bild: Joana Stadler

Stoff, Massband und Geodreieck: Hier wird mit Textilien kreativ gearbeitet. Bild: Joana Stadler
Bis noch vor etwa hundert Jahren waren Massanfertigungen von Schneider:innen oder selbst gemachte Kleidung für Personen mit mittlerem bis tiefen Einkommen die Norm, wie die Historikerin Anne-Marie Dubler im historischen Lexikon der Schweiz schreibt.
Laut Textilexpertin Ariane Angst werden immer fehlende Zeit und knappes Material Konsument:innen langfristig dazu zwingen, wieder selbst kreativ zu werden. Selbst gestrickt, bestickt oder gehäkelt, wird der hässliche Weihnachtspullover zum individuellen und kreativen Projekt.
Ein Teil der Lösung
«Wir sind uns nicht bewusst, wie viel Aufwand und Arbeit hinter Kleidung steckt. Ändert sich das jedoch, ändert sich auch das Konsumverhalten», ist sich Ariane Angst sicher. Als Konsument:in habe man in der Masse eine gewisse Macht. «Solang ediese nicht mit Nachdruck bei den Anbietern ankommt, ist man den negativen Aspekten der Branche ausgeliefert.» Die Konsument:innenseite sei ein Teil der Lösung. Der grössere Part müsse die Textilbranche übernehmen.
So fordert die NGO Public Eye im Oktober einen «Schweizer Modefonds». Darin soll, ähnlich wie bei Elektrogeräten, auf jedes verkaufte Kleidungsstück ein Beitrag von den Händlern, Herstellern und Importeuren einbezahlt werden. Das Geld wird laut Public Eye verwendet, um Probleme der Nachhaltigkeit in der Textilbranche schweizweit anzugehen: Für Programme und Massnahme, damit Kleider länger gebraucht werden; für die Unterstützung der Kleiderverwertung; für internationale Investition gegen schlechte Arbeitsbedingungen und Umweltverschmutzung; oder für die Forschung und Förderung von nachhaltigen Textilien.
Auch der hässliche Weihnachtspullover würde damit teurer. Der Aufpreis soll jedoch dazu beitragen, dass Kleider in Zukunft länger gebraucht, recycelt und besser produziert werden.

Aktuell studiert sie im fünften Semester im Bachelor Kommunikation an der ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur, mit der Vertiefungsrichtung Journalismus. Ständig auf der Suche nach dem nächsten grossen Ding, findet sie sich selbst regelmässig in Brockis wieder.