So wohnt, lernt und trainiert es sich an der Handball-Akademie in Cham
Seit fünf Jahren gibt es in Cham eine Sportschule, die die Zukunft des Schweizer Frauenhandballs formen soll. Mit dabei sind auch drei Spielerinnen von Yellow Winterthur. Doch ist ihr Alltag wirklich so ideal, wie er von aussen scheint?
Autorin: Alicja Lesniak
Titelbild: Die Yellow-Talente Nora Heer, Zoé Häusler und Noëlle Osterwalder (von links) trainieren in der Handball-Akademie in Cham. Foto: Alicja Lesniak
Während ihre Teamkolleginnen im Schulzimmer sitzen, steht Nora Heer seit dem frühen Morgen in der Werkstatt. Sechs Stunden lang arbeitet die 17-Jährige an Maschinen, bevor sie das Werkzeug gegen den Ball austauscht. Sie macht eine Lehre als Automatikerin und trainiert in der Handball-Akademie in Cham. «Ich habe mich entschieden, zweigleisig zu fahren, falls es mit Handball nicht klappt – ich arbeite aber auch sehr gerne», sagt sie.
Nora Heer kommt aus Pfungen und lebt unter der Woche bei einer Gastfamilie in Zug. Von dort erreicht sie in wenigen Minuten das OYM, das Kompetenzzentrum für Spitzenathletik in Cham, dem die Akademie angeschlossen ist. So kann sie ihre Lehre und den Handballalltag optimal verbinden. Die Spielerinnen trainieren in der Regel zweimal täglich.

So sieht der typische Wochenablauf der Spielerinnen in der Handball-Akademie in Cham aus. Grafik: Alicja Lesniak
«Ich sehe meine Familie nur am Wochenende. Ich vermisse sie schon, aber ich weiss, wofür ich es mache», sagt Nora Heer. Seit neun Jahren spielt sie Handball – inspiriert von ihrem älteren Bruder Lukas, dem Captain von Pfadi Winterthur. Heute trainiert im modernsten Sportzentrum der Schweiz, und steht bei Yellow Winterthur im NLA-Kader.
Alles unter einem Dach
Auch Noëlle Osterwalder und Zoé Häusler, wie Nora Heer Rückraumspielerinnen, treten für Yellow an und trainieren an der Akademie. Noëlle Osterwalder pendelt jedoch täglich von Thalwil nach Cham, was pro Weg ungefähr 50 Minuten in Anspruch nimmt. «Ich bin gerne zu Hause, darum wollte ich keine Gastfamilie. Es lohnt sich für mich auch nicht, auszuziehen. «50 Minuten sind nicht so lang», sagt sie. Die 17-Jährige ist in ihrem letzten Jahr am OYM-College und schliesst im kommenden Sommer mit der Matura ab.
Ganz anders ist es bei Zoé Häusler. Sie ist mit 15 die Jüngste des Yellow-Trios und erst seit diesem Sommer in der Akademie. Für sie war der Wechsel ein Neuanfang: weg vom normalen Gymnasium, hinein in eine Welt, in der sich alles um Training und Disziplin dreht. «Ich wohne auf dem Campus in einem Doppelzimmer mit einer anderen Spielerin», erzählt sie. «Wir machen fast alles zusammen – vom Frühstück übers Trainieren bis zum Lernen am Abend.»
Mehr Freizeit als zu Hause
Die Akademie ist das Herzstück der Nachwuchsförderung im Schweizer Frauenhandball. Bis zu 18 Spielerinnen im Alter zwischen 15 und 20 Jahren leben und trainieren dort. Parallel zur sportlichen Ausbildung absolvieren sie eine Lehre oder das Gymnasium. Das Ziel ist klar: Die Talente sollen so ausgebildet werden, dass sie mittelfristig den Sprung ins Nationalteam oder ins Ausland schaffen.
In Cham ist alles an einem Ort: Training, Schule, Essen und Unterkunft. Für die drei Yellow-Spielerinnen ist das ein entscheidender Vorteil. «Das spart uns vor allem Zeit, aber auch Energie. Wir können uns hier wirklich auf Handball konzentrieren», sagt Noëlle Osterwalder, und die anderen stimmen ihr zu. Die Tage folgen einer festen Struktur: Athletik am Morgen, Unterricht bis Mittag, danach Hallentraining. «Ich denke, wir haben sogar mehr Freizeit, als wenn wir eine normale Schule besuchen und daneben im Verein trainieren würden», sagt Zoé Häusler. Zwischen den Blöcken bleibe genug Zeit, um zu lernen, sich zu erholen oder einfach mit den anderen Spielerinnen Zeit zu verbringen. Die kurzen Wege machen den Unterschied – pendeln muss hier niemand, ausser Noëlle, die sich freiwillig dafür entschieden hat.
In der Akademie werden die Athletinnen insgesamt von drei Trainerinnen und Trainern betreut. Das ermögliche ihnen, so sagt Noëlle, «verschiedene Sichtweisen zu bekommen und viel individueller zu arbeiten, als man es aus dem Mannschaftsalltag kennt». Die Trainerinnen und Trainer bemerken Details, korrigieren Techniken und begleiten die Spielerinnen täglich bei ihrer Entwicklung. Im Video erklärt Gréta Grandjean, eine der Trainerinnen, wie die Handball-Akademie aus ihrer Perspektive funktioniert.
Gerade diese individuelle Betreuung durch die Trainerinnen und Trainer schätzt Nora Heer besonders. «Am meisten mag ich hier das Krafttraining», sagt sie – was die anderen zum Lachen bringt, denn wie sie erklären, machen sie das Krafttraining nicht immer gern. Für Nora Heer ist diese physische Arbeit neu, denn im Verein hatte sie zuvor nur sehr wenig Krafttraining.
Die Akademie «gar nicht auf dem Schirm» gehabt
Das Trio spielt schon seit Jahren Handball, doch die Akademie war lange nicht eingeplant. «Ich wurde von einem Akademie-Trainer angeschrieben, kam zum Probetraining – und es hat mir sofort gefallen», erzählt Nora Heer. Ähnlich erging es Zoé Häusler: «Ich wurde nach einem Turnier angesprochen. Ich hatte eine Sportschule dieser Art gar nicht auf dem Schirm.» Noëlle Osterwalder dagegen kannte das Umfeld schon länger: «Ich war schon 2020 ab und zu bei Gasttrainings dabei. Mir gefiel, dass man hier Schule und Sport verbinden kann – das war für mich wichtig.»
Inzwischen sind Nora Heer und Noëlle Osterwalder bei Yellow bereits im NLA-Kader, während Zoé Häusler im U-18-Elite-Team spielt. Wenn von den Zielen für die Zukunft die Rede ist, fällt bei allen dreien das gleiche Stichwort: Skandinavien.
«Mein Traum wäre, einmal in Dänemark zu spielen», sagt Nora Heer. Auch Zoé Häusler und Noëlle Osterwalder denken an den Norden, wo der Frauenhandball Weltklasse ist. Ihre Vorbilder stammen von dort – etwa die Norwegerin Henny Reistad. «Sie ist von der Grösse her ähnlich wie ich», sagt Zoé Häusler. «Ich finde es beeindruckend, wie explosiv und stark sie spielt.»
Der Weg zu solchen Träumen beginnt jedoch nicht in grossen Arenen in Skandinavien, sondern in einem eng getakteten Alltag in Cham. Frühmorgens Krafttraining, danach Schule, am Nachmittag wieder in die Halle. An der Handball-Akademie in Cham scheint der Tag ganz dem Sport zu gehören. Doch wie viel Freizeit bleibt jungen Athletinnen – und leidet die Schule darunter?
Es ist 7.15 Uhr, als der Wecker klingelt. Zoé Häusler dreht sich noch einmal im Bett und greift nach dem Handy. Im Zimmer des OYM-Sportzentrums ist es noch dunkel. Gegenüber steht das Bett ihrer Zimmerkollegin Nina Hasler. Auch sie bewegt sich bereits leise und sucht im Halbdunkel ihre Trainingssachen zusammen.
In 15 Minuten müssen die beiden Zimmerteilenden im Erdgeschoss des OYM sein, wo sich das Restaurant befindet. Dort gibt es Frühstück. «Das Essen hier ist nicht nur gesund, sondern auch richtig gut», sagt Zoé Häusler und greift zu einem frisch gebackenen Gipfeli und Naturjoghurt mit Obst.
Kurze Wege, weniger Stress
Schon um 8 Uhr steht Athletiktraining auf dem Programm. Zoé Häusler gerät dabei nicht unter Zeitdruck – der kurze Weg ist einer der grössten Vorteile der Akademie, die für viele Handballerinnen zu einem zweiten Zuhause geworden ist. Niemand muss pendeln, alles ist unter einem Dach.
An diesem Morgen wird das erste Training von Akademie-Cheftrainer Knut Ove Joa geleitet. Unterstützt wird er von Greta Grandjean und Damian Gwerder, die normalerweise vor allem die Hallentrainings am Nachmittag führen. «Jede von uns achtet auf andere Details. Dadurch entwickeln sich die Spielerinnen auch schneller», sagt der Trainer Ove Joa.
Vom Kraftraum an die Bücher
Nach knapp zwei Stunden Training bleibt nur wenig Zeit zum Duschen und für einen kleinen Snack. Danach geht es für Zoé Häusler direkt ins Schulzimmer – nur ein Stockwerk und ein paar Türen von der Halle entfernt. Hinter grossen Glastüren wird aus der Sportlerin eine Schülerin.
Neben Zoé Häusler sitzen heute noch fünf weitere Sportlerinnen und Sportler im Klassenzimmer. Drei davon sind ebenfalls Handballerinnen der Akademie und im gleichen Jahrgang, dazu kommen zwei Unihockeyspieler, die ebenfalls im OYM-Sportzentrum wohnen und trainieren. Die Klassen sind klein, sodass die Athletinnen und Athleten den Unterricht besonders effizient nutzen können. «Die Schule steht bei den jungen Athleten an zweiter Stelle, aber darauf komplett verzichten wir nicht», sagt Sereina Hofstetter, Koordinatorin der Handball-Akademie.
Wie Zoé Häusler erzählt, ist der Mittwoch einer der anstrengendsten Tage ihrer Woche: zwei Trainings und insgesamt fünf Stunden Unterricht, dazwischen eine kurze Mittagspause mit Pasta und Gemüse im Restaurant. Trotzdem schätzt sie die Möglichkeit, an der Akademie zu sein. «Wenn man zu Hause wohnt, zur Schule geht und abends im Verein trainiert, geht viel Zeit verloren. Insgesamt hat man weniger Zeit für sich selbst», sagt sie.
Der Hauptpunkt des Tages
Nach dem Nachmittagsunterricht geht es in die Halle, das Zentrum des Gebäudes. Mindestens acht Stunden pro Woche verbringen die Akademie-Spielerinnen hier. Wer mehr machen will, kann jederzeit kommen – die Halle ist offen, die Trainerinnen und Trainer ebenfalls. Punkt 16 Uhr betreten die 18 Spielerinnen den noch kühlen Raum. Bald füllt er sich mit Musik, Stimmen und dem typischen Geruch vom Schweiss. «In diesen zwei Stunden müssen alle konzentriert bleiben, denn genau dafür sind sie hier», sagt Ove Joa.
Als die Athletinnen das Training beenden, ist es erst 18 Uhr. «In der Mannschaft trainiert man oft sehr spät am Abend – das ist einer der grössten Unterschiede zur Akademie», sagt Zoé Häusler und geht in die Garderobe, um zu duschen. Für sie steht noch ein Physiotermin an, den jede Spielerin an der Akademie regelmässig wahrnehmen kann.
Danach beginnt die Zeit fürs Nichtstun. Häufig treffen sich die Athletinnen im Gemeinschaftsraum, schauen zusammen einen Film oder kümmern sich um eigene Dinge. Zoé Häusler ruft ihre Familie an, bevor sie erst am Freitagnachmittag nach Wiesendangen zurückkehrt. Dann wird es ruhig im OYM-Sportzentrum – bis der nächste Tag wieder ganz dem Handball gehört.

kommt ursprünglich aus Polen und lebt seit drei Jahren in der Schweiz. Sie studiert Journalismus und Organisationskommunikation an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Seit 2019 ist sie journalistisch tätig und arbeitete unter anderem für die polnische Sportzeitung Przegląd Sportowy. 2025 absolvierte sie ihr Praktikum bei Tamedia.


