Sprache als Schlüssel – wie Deutschkurse in Bern über Integration entscheiden
Deutsch zu lernen ist für Geflüchtete und Migrantinnen und Migranten mehr als Grammatik und Vokabeln – es entscheidet darüber, wie schnell sie Arbeit finden und sich in der Gesellschaft zurechtfinden. Kurse, Tandems und niederschwellige Angebote eröffnen Chancen, die weit über das Klassenzimmer hinausgehen.
Autorin: Mia Fasser
Titelbild: In der Nähe des Bahnhofs Bern: Hier finden die Deutschkurse von Bern integral Plus statt. Quelle: Bern integral plus
Es ist Freitagabend, in einem Kursraum in der Nähe des Bahnhofs Bern. Selda arbeitet konzentriert in ihrem Aufgabenheft. «Seit ich Deutsch lerne, kann ich endlich sagen, was ich denke», erzählt die 43-Jährige aus der Türkei. Vor sechs Jahren kam sie in die Schweiz, lange ohne Aufenthaltsbewilligung, ohne Anschluss, ohne Perspektive. Heute sitzt sie zweimal pro Woche im Kurs von Bern integral plus und bereitet sich auf ein Sprachzertifikat vor.
Sprache wird in der politischen Debatte immer wieder als Drehpunkt erfolgreicher Integration genannt. Der Kanton Bern hat die zweithöchste Zahl an geflüchteten Menschen im Land. Ein breites Angebot an Förderangeboten ist darum umso wichtiger.
Steigende Zahlen heizen politische Debatte an
In der Schweiz leben aktuell über 100’000 Flüchtlinge – fast so viele wie am Ende des Zweiten Weltkriegs.
Auch wenn die Zahl der Asylgesuche zuletzt leicht gesunken ist, steigt der Gesamtbestand weiter, was Bund und Kantone vor finanzielle und organisatorische Herausforderungen stellt. Allein der Bund rechnet 2026 mit Ausgaben von 3,9 Milliarden Franken, schreibt der «Tagesanzeiger». Die Situation heizt die politische Debatte an: Kantonsvertreter fordern eine bessere Steuerung und schnellere Verfahren.
Die meisten Geflüchteten erreichen Europa über das Mittelmeer – sei es über die zentrale Route von Nordafrika nach Italien oder via die östliche Route über die Türkei nach Griechenland. Die Karte zeigt die zehn Länder, aus denen laut der UN-Flüchtlingsorganisation die meisten Menschen in die Schweiz flüchten.
Bern unter Druck: hoher Bedarf, begrenzte Ressourcen
Die steigenden Flüchtlingszahlen machen sich auch in der Stadt Bern bemerkbar. Es besteht ein hoher Bedarf an Integrationsangeboten, doch laut Rita Hofstetter, Bereichsleiterin Kollektivunterbringung der Heilsarmee, seien die Möglichkeiten oft begrenzt: «Der Aufenthaltsstatus entscheidet, ob wir die Integrationspauschale erhalten und Deutschkurse buchen dürfen. Solange der Asylentscheid hängig ist, müssen wir viele an Gratisangebote verweisen.»
Besonders herausfordernd sei, dass finanzielle Mittel fehlen und individuelle Belastungen den Einstieg erschweren. «Menschen ohne Schriftkenntnisse schämen sich häufig, das verzögert den Spracherwerb», sagt Hofstetter. Auch ältere Personen oder Menschen mit nicht anerkannten Ausbildungen erleben oft einen starken Statusverlust.
Angesichts dieser Herausforderungen gewinnen niederschwellige, kostenlose Sprachangebote zunehmend an Bedeutung.
Kostenlose Deutschkurse: Die Basis für Teilhabe?
Der Verein Bern integral plus entstand 2024 aus einem Zusammenschluss zweier Vereine und verfolgt ein klares Ziel: kostenlose Deutschkurse für Menschen, die keinen Kurs bezahlt erhalten, beispielsweise Asylsuchende mit Ausweis N, oder solche, die sich reguläre Angebote nicht leisten können. Freiwillige unterrichten an zwei Standorten in der Stadt Bern. Zusätzlich betreibt der Verein auch ein Begegnungscafé und Textilatelier neben dem Bundesasylzentrum.
Wie genau solche Kurse organisiert werden und welche Rolle Freiwillige dabei spielen, erklärt Simon Zysset, Co-Vizepräsident von Bern integral plus, im Interview.
«Die Nachfrage ist enorm» – Simon Zysset über Integration trotz knapper Ressourcen

Co-Vizepräsident Simon Zysset erzählt, wie Bern integral plus entstanden ist, warum die Wartelisten wachsen und welche Rolle Freiwillige spielen. (Bild: zVg)
Aus welcher Idee oder Motivation wurde der Verein gegründet?
Der Verein hat zwei Ursprünge aus der Flüchtlingsbewegung 2015/16. Viele Geflüchtete kamen damals in die Schweiz. Im Berner Breitenrainquartier entstand eine Gruppe, die eine Willkommenskultur schaffen wollte. Gleichzeitig eröffnete die Heilsarmee ein Asylzentrum mit Deutschkursen und Freizeitangeboten, begleitet von Freiwilligen. Ich koordinierte die Deutschkurse drei Jahre lang, bis die Unterkunft schloss.
Kurz darauf übernahmen wir einen Kursraum der Stadt und unterrichten dort seither Menschen ohne Zugang zu offiziellen Kursen. Erst vor drei Jahren gründeten wir einen Verein, vorher war es eine lose Gruppe. Ein Jahr später fusionierten wir mit dem Ziegler-Verein, der niederschwellige Angebote betreute – daher das «plus» in «Bern integral plus». Unsere Motivation für die Deutschkurse war es, ein strukturiertes, aufbauendes, semi-intensives Angebot zu schaffen. Niederschwellige Angebote wie «Deutschcafés» sind wertvoll, reichen aber leider meist nicht aus, um eine Sprache richtig zu lernen.
Wie finanziert Bern integral plus sein Angebot?
Obwohl alle freiwillig arbeiten, benötigen wir viel Geld für Räume, Lernmittel oder auch Fahrkosten. Rund 95 % stammen von Stiftungen, der Burgergemeinde und der Stadt Bern – mit dieser haben wir seit Kurzem einen dreijährigen Leistungsvertrag. Kleine Beträge kommen von Mitgliedern oder Kollekten. Allein der zentrale Kursraum kostet rund 25’000 Franken pro Jahr.
Was war dein persönliches Highlight bei der Arbeit bei Bern integral plus?
Highlights sind für mich, wenn ich neue Freiwillige rekrutiere und merke, dass sie sich auf ihren Einsatz freuen. Das ist eine Win-Win-Situation, denn den Freiwilligen bringen diese Kurse ja auch viel. Wenn ich Zeit habe, unterrichte ich auch selbst gerne. Besonders gefallen mir die Diskussionen. Auf den höheren Niveaus kann man gut miteinander diskutieren und Ansichten aus verschiedenen Ländern kennenlernen.
Welche Rolle spielen Freiwillige für die Deutschkurse, und wie werden sie auf ihre Aufgaben vorbereitet?
Nach einem Erstgespräch folgt ein Schnuppern im Kurs. Viele haben eine didaktische Ausbildung und Unterrichtserfahrung und können rasch selbstständig arbeiten, andere begleiten wir stärker. Rekrutiert wird über persönliche Kontakte, Flyer, Website – und neu ist unser Zivi daran, unser Social-Media aufzubauen.
Darf jede/r an den Deutschkursen teilnehmen?
Nein. Die Nachfrage ist enorm: Über 100 Personen stehen auf der Warteliste. Anmeldungen erfolgen direkt vor Ort, danach gibt es einen Einstufungstest. Wegen begrenzter Plätze priorisieren wir in A1/A2-Kursen Geflüchtete mit N-Ausweis und Sans-Papiers. In höheren Niveaus gibt es mehr Platz, denn viele hören nach Abschluss des A2-Niveaus auf.
Wie messt oder erlebt ihr den Erfolg der Integrationsarbeit?
Wir führen regelmässige Lernzielkontrollen und am Ende eines Niveaus einen TELC-Test durch. Viele benötigen kein offizielles Zertifikat; wer eines braucht, macht es extern. Neben Sprache vermitteln wir Grundlagen zum Leben in der Schweiz. Unterstützung bei der beruflichen Integration leisten einzelne Lehrpersonen privat, nicht im Namen des Vereins.
Welche Herausforderungen begegnen euch aktuell am häufigsten – und wie geht ihr damit um?
Für mich als Koordinator ist es am schwierigsten, genügend Freiwillige zu finden. Für die Kursleitenden ist herausfordernd, dass viele Teilnehmende psychisch oder gesundheitlich belastet sind – oft zeigt sich das erst nach einiger Zeit. Dadurch kommen sie unregelmässig oder machen die Hausaufgaben nicht. Wenn man Depressionen hat, ist Deutsch zu lernen nicht die erste Priorität. Trotzdem ist die Stimmung in den Klassen sehr positiv und geprägt von Dankbarkeit. Auf Vereinsebene bleibt die Finanzierung eine dauernde Aufgabe.
Welche Wünsche oder Pläne hast du für die Zukunft eurer Deutschkurse?
Wir stossen mit 350 Plätzen an Grenzen und verlieren bald Zusatzräume. Ein grosser Wunsch ist ein gemeinsames, zentral gelegenes Zentrum mit anderen Vereinen. Ausserdem möchten wir die Qualität weiter steigern – etwa durch professionelle Weiterbildungen für Freiwillige.
Ein Blick in den Unterricht
Im Kurs herrscht eine lebendige Atmosphäre. Es wird gelacht, diskutiert und miteinander geredet – über Grammatik, aber auch über das Leben in der Schweiz. Die Lehrperson Nadine Schuler beschäftigt sich gemeinsam mit den Lernenden mit dem rätselhaften «es» – wie erklärt man die Bedeutung dieses Wortes jemandem, der nicht Deutsch als Muttersprache hat?
Schuler beschreibt die Arbeit als bereichernd und fordernd zugleich: «Jede Person bringt ihre Geschichte mit. Aber der Fokus bleibt das Deutschlernen.» Besonders schätze sie den Austausch mit den Lernenden: «Ich finde den Vergleich zur Schweizer Kultur sehr spannend.»
Stimmen aus dem Kurs

Für die Teilnehmenden bedeutet der Unterricht nicht nur Spracherwerb – sondern auch Stabilität. Selda, deren Nachname auf Wunsch des Vereins anonym bleibt, erzählt von Druck und Unsicherheit: «Fremde Menschen werden oft merkwürdig angeschaut, im Zug zum Beispiel.» Weiter erklärt sie: «Je schneller ich Deutsch lerne, desto schneller kann ich arbeiten. Aber für mich ist der Prozess schwierig.» Selda lernt zusätzlich in einem Sprach-Tandem und engagiert sich ehrenamtlich in einer Kirche.
Mehr als nur Sprache
Sprache ist ein Anfang, aber nicht alles. Viele Geflüchtete benötigen Kompetenzen, die über Grammatik hinausgehen. Rita Hofstetter von der Heilsarmee erklärt: «Aus meiner Sicht sind ICT-Kenntnisse sehr wichtig, um sich besser zurechtzufinden.» Alltagsaufgaben wie Terminvereinbarungen, Schulmaterial besorgen oder den Zug buchen funktioniere immer mehr nur noch digital.
Die Stadt Bern unterstützt deshalb weitere Angebote – von persönlicher Beratung über Informationsveranstaltungen bis hin zur beruflichen Integration.
Das Video zeigt einen Besuch bei Powercoders, einem Integrationsprogramm aus Bern. Mit einem dreimonatigen Bootcamp ermöglicht das Programm Geflüchteten den Einstieg in die IT-Branche. Alumni Köksal Öztürk und Teilnehmer Ismail Ozcan erzählen von ihren Erfahrungen.
Für Geflüchtete und Migrantinnen und Migranten in Bern beginnt Integration mit dem Deutschlernen. «Zuerst Deutsch, dann der Job», sagt Kursteilnehmerin Selda – und bringt damit auf den Punkt, wie entscheidend Sprachkenntnisse sind. Gleichzeitig zeigt sich, dass Sprache allein nicht genügt: Digitale Kompetenzen, berufliche Qualifikationen und soziale Unterstützung sind ebenso wichtig, um im Alltag zurechtzukommen.

Mein Name ist Mia Fasser, ich bin 23 Jahre alt und wohne in Bern. Aktuell befinde ich mich im letzten Jahr meines Bachelors in Medien und Kommunikation an der ZHAW. Mich interessieren vor allem Themen im Bereich Kultur & Gesellschaft.




