Sichtbarkeit auf und neben der Leinwand

Autorin: Jara Infanger
Titelbild: Lichter am Set eines queeren Films: Sinnbild für queere Themen (Illustration: Jara Infanger)
Wenn Sichtbarkeit wieder schwindet
Queere Figuren verschwinden wieder aus Film und Fernsehen. Ein aktueller Branchenbericht zeigt, dass die Sichtbarkeit von LGBTQ-Personen nach Jahren des Wachstums erneut abnimmt. Doch wer in Filmen und Serien sichtbar ist, prägt mit, was als normal gilt.
Äusserungen wie «Muss das sein?» oder «Schon wieder so jemand» fallen häufig genau dann, wenn queere Figuren im Bild erscheinen. Meist werden sie beiläufig und mit leichter Genervtheit geäussert. Diese Reaktionen sind jedoch kein Zufall. Sie verweisen darauf, dass queere Präsenz noch immer nicht als selbstverständlich gilt, sondern als Irritation wahrgenommen wird. Dass zahlreiche Serien mit queeren Besetzungen in den vergangenen Jahren abgesetzt wurden, bevor sie sich nachhaltig etablieren konnten, verstärkt diesen Eindruck zusätzlich.
Sehen heisst einordnen
Film und Fernsehen prägen gesellschaftliche Wahrnehmung. Sie unterhalten nicht nur, sie vermitteln auch, welche Lebensweisen sichtbar und akzeptiert sind. Der Medienwissenschaftler Noah Uhrig von der Universität Essex beschreibt das Kino als einen Raum, in dem Menschen «in sicherer Umgebung Rollen und Emotionen erleben können, die im Alltag kaum Platz finden». Gerade diese emotionale Nähe macht Filme und Serien wirksam, wenn es um Prozesse der Normalisierung geht.
GLAAD-Zahlen und eine fragile Entwicklung
Die aktuellen Zahlen der LGBTQ-Medienorganisation GLAAD zeigen, wie fragil diese Sichtbarkeit geworden ist. Im US-Fernsehen verschwinden zahlreiche Serien mit queeren Ensembles. Insgesamt werden 201 von 489 erfassten LGBTQ-Figuren bereits im kommenden Jahr nicht mehr im Programm sein. Besonders stark betroffen sind trans und bisexuelle Personen sowie Schwarze, indigene und MENA-LGBTQ-Charaktere. Sie sind nicht nur unterrepräsentiert, sondern auch überdurchschnittlich häufig von Absetzungen betroffen. Von 33 gezählten trans Figuren stammen lediglich vier aus Serien, die bereits verlängert wurden.
GLAAD bewertet diese Entwicklung kritisch. Für viele Menschen bleibt das Fernsehen der wichtigste, manchmal sogar der einzige Zugang zu trans Lebensrealitäten. Wenn Sichtbarkeit nur kurz aufscheint und rasch wieder verschwindet, lassen sich gesellschaftliche Normalisierungsprozesse kaum langfristig stabilisieren.

9,3 % der regulären Serienfiguren in der Saison 2024–2025 sind LGBTQ (Quelle GLAAD).
Auch im Kino sinkt die Sichtbarkeit
Ein ähnliches Bild zeigt sich im Kino. Laut dem Studio Responsibility Index von GLAAD enthielten 2024 nur noch 59 von 250 Filmen der grossen Studios eine LGBTQ-Figur. Das entspricht 23,6 Prozent. Trans Figuren kamen lediglich in zwei Produktionen vor und erhielten nur minimale Screentime. Während schwule Männer vergleichsweise häufiger erscheinen, bleiben lesbische, bisexuelle, trans und nichtbinäre Figuren selten und oft oberflächlich gezeichnet, obwohl sie Teil der gesellschaftlichen Realität sind.

Verknappte Sichtbarkeit
Die Medienforschung weist darauf hin, dass solche Verschiebungen Folgen haben. Wer regelmässig in zentralen und positiv besetzten Rollen vorkommt, wird als selbstverständlich wahrgenommen. Wer fehlt oder nur am Rand auftaucht, gilt schneller als Abweichung. Die GLAAD-Zahlen deuten deshalb weniger auf ein vollständiges Verschwinden queerer Repräsentation hin als auf ihre Verknappung. Sichtbarkeit bleibt zwar vorhanden, wird jedoch instabiler und rückt Fragen der Repräsentation erneut ins Zentrum öffentlicher Auseinandersetzungen.
Wirtschaftliche Interessen als Treiber
Mögliche Gründe für diese Entwicklung liegt in der globalen Ausrichtung grosser Filmstudios. Diese wollen weltweit fungieren und möglichst hohe Einnahmen erzielen. In vielen Ländern und auch in Teilen der USA stossen queere Inhalte auf Widerstand, Zensur oder Boykottaufrufe. LGBTQ-Figuren gelten deshalb intern häufig als wirtschaftliches Risiko und werden verkleinert oder ganz gestrichen. Hinzu kommt, dass Entscheidungsgremien oft eher konservativ besetzt sind und bevorzugt auf bewährte Franchise-Formeln ohne sichtbare Queerness setzen. So zeigt sich eine zunehmende Diskrepanz zwischen gesellschaftlicher Realität und medialer Darstellung. Queere Vielfalt existiert weiterhin, wird im medialen Mainstream jedoch seltener und weniger stabil abgebildet.
Queersicht macht sichtbar
Queere Repräsentation im Kino wird erneut zurückgedrängt. Seit bald 30 Jahren setzt sich der Verein Queersicht für die Sichtbarkeit queerer Menschen auf der Leinwand ein. Ein Interview mit Claudio Enggist, Co-Präsident von Queersicht.

«Es ist schön zu sehen, dass es sie gibt, dass sie da sind und glücklich sind»
Sichtbarkeit, Nähe und Abschied stehen im Zentrum des Filmprojekts von Michelle Amstutz. Die 29-jährige Filmemacherin begleitet in ihrem Dokumentarfilm ein lesbisches Paar im hohen Alter. Es ist ein Film über das Älterwerden, über Verbundenheit und das Loslassen. Im Interview erklärt Amstutz, weshalb Geschichten wie jene von Karin und Eva erzählt werden müssen und warum ihre Sichtbarkeit bis heute von Bedeutung ist.

«Es ist schön zu sehen, dass es sie gibt, dass sie da sind und sie glücklich sind»
Sichtbarkeit, Nähe und Abschied stehen im Zentrum des Filmprojekts von Michelle Amstutz. Die 29-jährige Filmemacherin begleitet in ihrem Dokumentarfilm ein lesbisches Paar im hohen Alter. Es ist ein Film über das Älterwerden, über Verbundenheit und das Loslassen. Im Interview erklärt Amstutz, weshalb Geschichten wie jene von Karin und Eva erzählt werden müssen und warum ihre Sichtbarkeit bis heute von Bedeutung ist.
Was verbindest du persönlich mit Filmen?
«Früher hatte ich immer die Kino-Rex-Jahreskarte», sagt Amstutz. Heute fehle ihr dafür oft die Zeit. Wenn es sich aber einrichten lasse, ziehe es sie nach wie vor ins Kino. «Dort kann ich mich wie in einem Cocoon ganz auf den Film einlassen und vollständig in die gezeigte Welt eintauchen.»
Woher kommt deine Nähe zum Film?
«Ich bin eigentlich immer die Person, die eine Kamera in der Hand hält», sagt Amstutz. Das begleite sie schon lange. «Unser Grossvater hat früher Filme von uns Kindern gemacht.» So habe sie früh einen Zugang zum Medium Film gefunden.
Wie hat sich dein Weg hinter die Kamera entwickelt?
Nach dem Studium in Englisch und Deutsch besuchte Amstutz die Journalist*innenschule MAZ. Es folgten Stationen bei TeleBärn, bevor sie als Videografin zur NZZ wechselte. Parallel dazu absolviert sie an der Hochschule der Künste Bern den CAS Dokumentarfilm. «Und neben all dem arbeite ich an meinem eigenen Film», sagt Amstutz.
Worum geht es in diesem von Karin und Eva?
Im Zentrum stünden Alter, Abschied und Loslassen, erklärt Amstutz. Für ihren Film begleitet sie ein lesbisches Paar in dessen letzten Lebensabschnitt. Dass die Protagonistinnen lesbisch sind, sei dabei nicht der alleinige Fokus. «Die beiden setzen sich heute mit anderen, existenzielleren Fragen auseinander.» Gleichzeitig komme der Sexualität dennoch eine besondere Bedeutung zu, weil lesbische Paare in diesem Alter und in vergleichbaren Lebenssituationen kaum sichtbar seien. Der Film öffne damit den Blick auf eine Lebensrealität, die selten öffentlich erzählt werde.
Wie hast du Karin und Eva gefunden?
Vor einigen Jahren habe sie das Buch «Seit dieser Nacht war ich wie verzaubert» von Corinne Rufli gelesen. Darin werde unter anderem die Geschichte von Eva und Karin erzählt. «Sie hat mich sehr berührt», sagt Amstutz. Später habe sie erfahren, dass die Autorin weiterhin Kontakt zu den Protagonist*innen habe und sich wünsche, dass ihre Geschichte auch filmisch erzählt werde. «Zufälligerweise hatte ich Corinne Rufli zu diesem Zeitpunkt bereits für einen Austausch kontaktiert.» Nach mehreren Gesprächen sei es schliesslich zu einem Treffen gekommen.

Und dann durftest du die beiden kennenlernen?
Kurz darauf habe sie Eva und Karin zum ersten Mal besucht, erzählt Amstutz. Die beiden seien offen und interessiert gewesen. Weil sie bereits über 80 Jahre alt seien, habe das Projekt ohne Verzögerung begonnen. «Man weiss in diesem Alter nicht, wie viel Zeit bleibt.» In der Anfangsphase habe sie die beiden häufiger besucht, um Vertrauen aufzubauen und eine Beziehung zu entwickeln. Heute treffe sie sie etwa alle zwei Wochen im Alters- und Pflegezentrum in Baden.
Wie hast du ihr Umfeld erlebt?
Karin und Eva machten aus ihrer Sexualität kein Geheimnis, auch nicht im Pflegeheim. «Das funktioniert dort meist gut», sagt Amstutz. Dennoch gebe es immer wieder Situationen, in denen sie sich erklären müssten. Sie haben die beiden einmal in die Maltherapie begleitet, wo sie gefragt worden seien, ob sie Schwestern seien. «Sie haben ruhig reagiert und erklärt, dass sie seit 45 Jahren zusammen und verheiratet sind.» Solche Momente zeigten, dass das ständige Outen auch im Alter ein Thema bleibe, wenn auch nicht mehr das Prägende ihres Lebens.

Warum, glaubst du, machen Karin und Eva bei diesem Film mit?
Amstutz vermutet, dass die beiden noch einmal etwas bewirken möchten. Bereits nach der Veröffentlichung des Buches seien sie teilweise bei Lesungen dabei gewesen. Dort hätten sie erfahren, wie inspirierend ihre Geschichte für andere Menschen sei. Der Dokumentarfilm sei für sie auch eine Form der Verarbeitung. «Karin hat einmal gesagt: Der Film ist wie ein Tagebuch vor dem Sterben.»
Das ist eine grosse Verantwortung für dich als Filmemacherin. Wie gehst du damit um?
Für Amstutz stelle sich immer wieder die Frage, wie Verletzlichkeit würdevoll gezeigt werden könne und wo die Grenze des Filmens liege. Zu Beginn habe man klar besprochen, was möglich sei und was nicht. Jetzt, da es Eva schlechter gehe, sei das manchmal schwieriger einzuschätzen. «Es gibt bewusst Momente, die ich nicht filme.» Und es gebe Tage, an denen sie einfach da sei, Kaffee trinke und nicht arbeite.
Was hast du persönlich von Karin und Eva gelernt?
Ihre Art, Beziehung zu leben, gebe ihr Ruhe und Inspiration, sagt Amstutz. Die beiden seien sehr eng verbunden und liessen sich dennoch viel Freiheit. «Sie spüren sich wortlos.» Diese Haltung präge auch ihre eigenen Beziehungen. Besonders eindrücklich sei es, zu beobachten, wie sich Beziehungen im Alter verändern, wie sich Rollen verschieben und Nähe neue Formen annehme. Trotz allem bleibe bei Karin und Eva eine starke Verbindung spürbar. «Gerade im Dokumentarfilm entfaltet das auch für jüngere Menschen eine besondere Wirkung.»

Haben solche Erzählungen bisher gefehlt?
Lesbische Frauen dieser Generation seien lange kaum sichtbar gewesen, sagt Amstutz. Aufgewachsen in einer Zeit mit festen gesellschaftlichen Vorstellungen von Familie und Ehe, seien ihre Lebensgeschichten nur selten öffentlich erzählt worden. «Es ist schön zu sehen, dass es sie gibt, dass sie da sind und glücklich sind.» Solche Erzählungen könnten Orientierung bieten und Vorbilder schaffen.

Braucht es diese Repräsentation heute noch?
Ja, unbedingt. «Es spricht für sich, dass queere Filme an vielen Orten nicht gezeigt werden dürfen», sagt Amstutz. Das zeige, wie wichtig es sei, diese Geschichten weiterhin zu erzählen.
