Kultur / Gesellschaft

32 Menschen unter einem Dach: Der Alltag im Türmlihaus

Seit rund 300 Jahren prägt das Türmlihaus das Bild der Winterthurer Altstadt. Früher war das Gebäude Teil der Stadtbefestigung, heute leben hier 32 Studierende. Für die Autorin ist es eine Rückkehr in die eigene Vergangenheit.

Autorin: Joëlle Meyer
Titelbild: Der erhaltene Wehrturm dient heute als Balkon. Quelle: Joëlle Meyer

Ein Platzregen geht nieder, als ich am Sonntagnachmittag die Technikumstrasse entlang zur Eingangstür des Türmlihauses laufe. Martin, einer der 32 Bewohnenden, steht vor der Tür unter dem Vordach. Er umarmt mich herzlich. «Ich bin gerade aufgestanden», sagt er mit müden Augen und einer Zigarette in der Hand. Er kennt mich noch von früher, als ich selbst hier wohnte.


Ich trete durch den Eingang des 1726 erbauten Hauses. Das historische Wohnhaus liegt in der Altstadt und gilt als typisches Beispiel bürgerlicher Bauweise seiner Zeit. Was sofort ins Auge fällt: der erhaltene Wehrturm, der einst Teil der mittelalterlichen Stadtbefestigung war. Heute gehört die Liegenschaft der studentischen Wohngenossenschaft (WOKO) und wird von Studierenden als Wohnheim genutzt. Das Türmlihaus begeht bald sein 300-jähriges Bestehen. Ein Blick auf die Geschichte des Türmlihauses zeigt, warum das Gebäude bis heute eine besondere Stellung in der Winterthurer Altstadt einnimmt.

Bildquelle: Joëlle Meyer

Alte und neue Geschichten

Quelle: Joëlle Meyer (Stand: 2020). Erstellt mit Canva.

Ich laufe durch die Gänge des Hauses. Sie sind verziert, und an den Türen hängen Namensschilder, deren Namen ich nicht kenne. Am Kühlschrank kleben Bilder von Menschen, die ich nie gesehen habe, und an den Wänden Sprüche, deren Insiderwitz ich nicht verstehe. Ich laufe zu meiner ehemaligen Zimmertür im vierten Stock: Zimmer 402.

Zeitsprung fünf Jahre zuvor. Es ist August im Jahre 2020. Ich stehe zum ersten Mal vor Zimmer 402. Es ist ein kleines 20-Quadratmeter-Zimmer. Kunststoffplatten in Holzoptik und das schräg zulaufende Dach verleihen dem Zimmer Charakter.

In dieser Wohngemeinschaft finden sich allerlei Studierende aus den unterschiedlichsten Studiengängen – von Kunst und Geschichte über Engineering bis zur Hebamme. Ein Vorteil: «Wenn du irgendwo Hilfe brauchst, findest du sie im Haus mit grosser Wahrscheinlichkeit», sagt der Hausverantwortliche des Türmlihauses, als er mir den Zimmerschlüssel übergibt.

Ich versuche, mein Zimmer gemütlich zu machen. Vom Blumenladen nebenan besorgte ich mir kleine Zimmerpflanzen, die unter meiner Obhut nur ein kurzes Leben erfuhren. An der Decke prangt ein grosser Holzbalken mit den Namen früherer Vormieter. Mit schwarzem Filzstift schreibe ich meinen Namen auf den Balken: «Joëlle» fügt sich nun in die Reihe der anderen Namen ein.

Polenta, Linsensuppe oder überbackene Zucchini

Im Haus gibt es drei Küchen, welche bis zu zwölf Personen eingeteilt sind. Ich werde in die Küche im dritten Stock zugewiesen. Sie ist geräumig, mit altem Holzboden, der bei jedem Schritt knarrt. Etliche Teller sind am Rand der Kücheninsel gestapelt, die schon Tage auf ihren Waschgang warten. Die Fensterbänke sind mit den unterschiedlichsten Pflanzen übersät: eine rankende Gurke, ein paar Monstera-Blätter oder ein Avocadokern, aus dem eine Pflanze spriesst.

Vor dem Herd steht eine junge Frau. Was als erstes auffällt, ist ihr Rückentattoo, welches in ihrem Hosenbund verschwindet. Mit dem Rücken zu mir kocht sie Nudeln, während sie am Telefon Französisch spricht. Sie wird die erste Bewohnerin sein, die ich in dem Haus kennenlerne.

Leben in der Gross-WG

Gemeinschaft oder Chaos? Ruhe oder Trubel? Im Türmlihaus in Winterthur leben 32 Studierende zusammen. Können sich Passantinnen und Passanten ein Leben in einer solchen WG vorstellen? Und worauf legen sie im WG-Alltag Wert?

Ein Monat später: Ich habe im Haus bereits Freundschaften geschlossen, unter anderem mit Rahel, der Frau mit dem Rückentattoo, oder dem Kunststudenten Nico. Rahel ist am liebsten in der Küche und kocht auch gerne mal etwas für ihre Freunde im Haus. Darunter Polenta mit Tomatensauce, eine dampfende Linsensuppe oder überbackene Zucchini.

In der Küche trifft man sich, trinkt gemeinsam oder verbringt auch den ein oder anderen Sushi-Abend. Sie dient in einem Haus dieser Grösse schon als Sub-WG. Der Balkon «Zinne», der ehemalige Wehrturm der ehemaligen Stadtbefestigung, dient neben der Küche ebenfalls als beliebter Treffpunkt der Bewohnenden. Diskutiert wird alles, mal Deep Talk, mal Oberflächliches, mal über die Hauspflanzen, die eingegangen sind, mal über die grossen Fragen des Lebens: über Zukunftsängste, Beziehungen oder Identität.

In einer WG mit vielen Leuten wird schnell erkannt, dass alle ihren eigenen Alltag und ihr eigenes Tempo haben. Während das Haus am frühen Morgen noch still ist, schliesst Rahel leise die Haustür hinter sich. Es ist kurz nach sechs Uhr, draussen liegt die Altstadt noch im Halbdunkel. Joggen gehört für sie fest zum Wochenstart.

Gegen Mittag schlurft Nico herein, die Haare zerzaust, den Laptop unter dem Arm, seit der Pandemie der Schlüssel zur Aussenwelt. Im Haus gibt es viele Technomusikliebhaber, doch das Nachtleben verschob sich von Zürich in den Keller des Türmlihauses. Die Partys im Keller sind klein und familiär. Sie ersetzen das städtische Nachtleben und werden zu einem Ort, an dem soziale Nähe neu ausgehandelt wird.

Alles endet irgendwann

Es ist Sommer 2021 und die Corona-Massnahmen sind gelockert. Diesen Sommer erlebte ich bewusster. Gemeinsam als WG verbringen wir Tage an der Limmat oder gehen wandern. Dieser Sommer war auch für mich der letzte Sommer im Türmlihaus, bevor ich aufgrund eines Auslandssemesters auszog.

Mit 32 Menschen unter einem Dach zu leben zeigt, dass schöne Momente nicht nur aus grossen Geschehnissen bestehen, sondern aus den alltäglichen, sogar monotonen Momenten: einer Linsensuppe, die jemand für dich gekocht hat, dem kurzen Lächeln auf dem Flur, wenn sich die Wege kreuzen, oder einem zufälligen Gespräch um zwei Uhr morgens. Allein zu wissen, dass immer jemand im Haus ist, gibt einem ein Gefühl von Dazugehörigkeit.

Nun stehe ich hier vor meinem Zimmer 402. Vier Jahre sind seit meinem Auszug vergangen. Die Tür geht auf und sie stellt sich vor. Sie heisst Janina. In ihrem Zimmer finden sich Pflanzen und Möbel aus den 80er Jahren. Das Einzige, was in diesem Zimmer noch an meine Existenz erinnert, ist mein Name auf dem Balken.

«Die WG ist ein wichtiger Teil meines sozialen Umfelds»

Seit drei Jahren lebt Simon Ghenzi im Türmlihaus – der grössten WG in Winterthur. Im Interview sagt er, was das Leben im historischen Haus besonders macht und welche Wünsche er für dessen Zukunft hat.

Simon Ghenzi lebt bereits seit drei Jahren im Türmlihaus.
Quelle: Joëlle Meyer

Wie würdest du die WG in drei Worten beschreiben?

Unsere WG ist selbstverwaltend, divers und gemeinschaftlich. Die Studiengänge sind sehr unterschiedlich und sorgen für eine gute Durchmischung. Auch Austauschstudierende wohnen hier. Dadurch werden kulturelle Unterschiede spürbar.

Welche Schattenseiten gibt es bei so vielen Bewohnenden?

Ein Nachteil ist, dass die gemeinsame Küche etwas Gewöhnung erfordert. Sie ist nicht so, wie es von zu Hause vertraut ist.

Was meinst du damit?

In der Küche haben wir ein „Ämtlisystem“ und versuchen, die Küche möglichst sauber zu halten. Mal funktioniert es besser, mal weniger. Gerade während der Lernphase ist es schwieriger.  Es gibt auch Personen, die immer mal wieder durchs Raster fallen, aber bei 32 Leuten ist das normal. Deshalb sind Anpassungsfähigkeit und Toleranz gefragt. Die Mitbewohnenden müssen so akzeptiert werden, wie sie sind.

Wie hast du dich in der WG eingelebt?

Dank der einladenden Atmosphäre konnte ich mich schnell einleben. In der Küche oder auf dem Balkon entstehen schnell Gespräche. Jeder, der sich hier integrieren möchte, kann das ohne Probleme machen. Das Wohnzimmer gefällt mir besonders, weil es sich gut zum gemeinsamen Lernen eignet. Hin und wieder findet dort auch ein Film- oder Spieleabend statt.

Jährlich findet die Türmliparty statt. Was ist die Geschichte hinter dieser Party?

Die Türmliparty ist ein grosses Event und hat jedes Mal bis zu 200 Besuchende. Entstanden ist sie ursprünglich, weil unsere Hauskatze für eine Operation Geld benötigte. Mit dem Eintrittsgeld wurde versucht, diese Operation zu finanzieren.

Habt ihr das erreicht?

Bei der ersten Party nicht. Jemand löste versehentlich den Feueralarm aus und mit dem gesammelten Geld musste der Einsatz bezahlt werden. Daraufhin wurde eine zweite Party veranstaltet. Daraus entwickelte sich eine Tradition.

Was wünschst du dir für die Zukunft des Hauses?

Unser Ziel ist, dass das WG-Leben wieder etwas aktiver wird und mehr Leute am Sozialleben teilnehmen. Wer Zeit für sich braucht, kann sich jederzeit zurückziehen. Trotzdem ist der Sinn des Ganzen, Leute kennenzulernen. Einmal im Monat unternehmen wir etwas zusammen, zum Beispiel einen Filmabend oder ein gemeinsames Essen. Wir versuchen, alle im Haus möglichst gut zu integrieren.

Was schätzt du am WG-Leben?

Ich schätze die Gemeinschaft, das gemeinsame Kochen und den Austausch. Die WG ist ein wichtiger Teil meines sozialen Umfelds. Natürlich gibt es Phasen, die anstrengend sind, aber die guten Sachen überwiegen.

Was wirst du am meisten vermissen, wenn du ausziehst?

Den Standort und die Leute. Wohnen ist hier nur erlaubt, solange eine Immatrikulation besteht. Nach Studienabschluss endet die Wohnzeit automatisch. Das macht den Ort zusätzlich besonders, weil klar ist, dass diese Phase begrenzt ist. Ausziehen möchte ich nicht, auch wenn viele meiner Engsten bereits gegangen sind. Es ist nicht so, dass ich nie darüber nachgedacht hätte, doch die Vorteile hier überwiegen. Die WG ist einzigartig.