Mürren: Im Konflikt zwischen Tradition und Übertourismus
Mürren steht im Spannungsfeld zwischen seiner Eigenheit und dem Druck zur Innovation. Das kleine Dorf im Berner Oberland gilt seit Jahren als beliebte Touristendestination – wird nach dem Bau der neuen Schilthornbahn jedoch immer stärker vom Massentourismus geprägt. Peter Vollmer kämpft um den Erhalt einer Mürrner Kultur, die zunehmend an Sichtbarkeit verliert.
Autor: Nick Reifler
Titelbild: Mürren – die Sonnenterrasse im Berner Oberland; Bildquelle: Nick Reifler
Das auf 1650 Metern gelegene Mürren in der Jungfrau-Region sitzt am Rande einer 600 Meter senkrechten Felswand – hoch über dem Lauterbrunnental. Aufgrund seiner topografischen Lage ist das Dorf mit seinen rund 430 Einwohnern autofrei und lediglich zu Fuss oder mit der Seilbahn erreichbar. Über mehrere Jahrzehnte rühmte sich das Dorf in seinem Nischendasein, trotz seines reichen geschichtlichen Hintergrundes. Man war sich bewusst, dass Mürren als Geheimtipp galt, und man war stolz darauf. Dieser Geheimtipp hat sich nun in einen touristischen Hotspot verwandelt.
Die Schilthornbahn, ein privates Seilbahnunternehmen, ist der wirtschaftliche Motor Mürrens und wird im Rahmen des Projektes «Schilthornbahn 20XX» vollständig erneuert. Seit Ende 2024 ist die Verbindung von Stechelberg nach Mürren eröffnet. Sie gilt als die steilste Seilbahn der Welt und wird entsprechend beworben. Die restlichen Verbindungen bis hoch auf das Schilthorn – der Hauptattraktion in der Umgebung – folgten dieses Jahr. Durch den Neubau dieser Bahn, welche nun potenziell 800 Leute in der Stunde nach Mürren befördern kann, wird der internationale Tagestourismus stark gefördert.

„Die Frequenzen und Besucherzahlen während der Sommersaison übertrafen die sehr hohen Vorjahreszahlen und damit auch die Höchstwerte von 2018 und 2019 deutlich. Von Mai bis September 2025 wurden 1‘910’962 Gästefahrten gezählt: 18.4 Prozent mehr als im Vorjahr.“
– Pressemitteilung Schilthornbahn AG (November 2025)
Tourismus ohne ein klares Konzept

Bildquelle: vollmer.ch
Peter Vollmer, Verwaltungsratspräsident des Hotel Regina in Mürren, sieht das Dorf durch diese Entwicklung gefährdet. Der 79-Jährige sitzt an einem Fenster im Speisesaal des Regina und nippt ab und zu an seinem Tee. «Es ist gut, dass Innovation da ist», sagt er, «aber das Konzept ist nicht auf die ÖV-Reisenden ausgerichtet». Täglich kurz vor 18 Uhr fährt die letzte Gondel den steilen und direkten Weg von Stechelberg nach Mürren. Danach müssen Gäste auf die alte Seilbahnverbindung zurückgreifen, welche einen Zwischenhalt in Gimmelwald macht.
«In praktisch allen Regionen der Schweiz können Gäste gratis den ÖV nutzen, wenn sie in einem lokalen Hotel übernachten», sagt Vollmer und lehnt sich nach vorne. «Mürren hat das bis jetzt nicht fertiggebracht». Es käme immer wieder vor, dass Gäste im Hotel Regina nach einer Kurkarte für die Ermässigung des ÖVs fragen, so Vollmer. Diese müssten sie dann enttäuschen.
Vollmer nimmt vorweg, dass er mit seiner nächsten Aussage einige Gemüter provozieren könnte, und erklärt, dass Hotelgäste in Mürren mit einer Kurkarte bei der ÖV-Nutzung zwar nicht unterstützt werden, jedoch Rabatt hätten auf einen privaten Rundflug im Helikopter. Er lacht und sagt: «Das ist natürlich absurd und zeigt, dass Mürren nicht weiss, wo es hinwill».
Das Konzept der neuen Schilthornbahn begünstigt momentan den Tagestourismus. Der aktuelle Fahrplan und die fehlenden Kurkarten lassen es zu, dass Touristen im Schnelltempo durch das Dorf geschleust und dann schnellstmöglich wieder herausgespült werden. Dabei droht zu wenig Wertschöpfung für Mürrens kulturelle und geschichtliche Aspekte abzufallen.
Walser, Wintersport und Weltkino: Die Geschichte von Mürren
Von Walsern besiedelt, von Wintersport-Pionieren geformt und einst sogar das Set eines James-Bond-Films – in Mürren hinterliessen Menschen aus diversen Epochen ihre Spuren.
(Bild: Mürren Tourismus)

Im späten Hochmittelalter gelangten Walser vom Oberwallis her über den Petersgrat in das Lauterbrunnental und liessen sich in Mürren nieder. 1257 wird der Ort erstmals als «Uf dr Muren» schriftlich erwähnt. Noch heute sind die Spuren dieser ehemaligen Walsersiedlung sichtbar, in Form der Walserhäuser.

Im Jahr 1879 erlebte das Dorf seine erste Blütezeit als Kurort für Adelige, Politiker, Maler und Gelehrte. Rund zehn Jahre später wurde Mürren durch die Mürrenbahn, bestehend aus einem Seilbahnabschnitt und einer Adhäsionsbahn, erschlossen. Das Dorf machte sich kurz daraufhin einen Namen als «Wiege des Schneesports», als 1912 eine Standseilbahn in Mürren errichtet wurde, welche das Dorf mit dem auf 1907 Metern gelegenen Allmendhubel verband. Prompt wurde der Skiclub Mürren gegründet und das Dorf bald darauf von Pionieren des Skisports heimgesucht.
Ein Pionier des modernen alpinen Skisports
Dank des Reiseunternehmens seines Vaters hielt sich Sir Arnold Lunn oft wegen organisierter Wintersportreisen in der Schweiz auf. In Mürren lernte der Brite das Skifahren. Während des Ersten Weltkriegs betreute Lunn die über 800 internierten britischen Soldaten und Offiziere in Mürren. Er unterhielt sie mit Skikursen und Wettbewerben und sorgte damit für einen riesigen Aufschwung des Skisportes in Mürren. Lunn entwickelte die Regeln der modernen Abfahrt und des Slaloms, welche 1922 bei den britischen Landesmeisterschaften in Mürren erstmals zur Anwendung kamen.
In den darauffolgenden Jahren gründete er den ersten Damenskiclub der Welt wie auch den Kandahar Ski Club, welcher das Skifahren unmittelbar in einen elitären Sport transformierte und noch heute prominente Mitglieder zählt. Sir Arnold Lunns Pionierarbeit war hier aber noch nicht beendet. Im Jahre 1928 rief er das Inferno-Rennen ins Leben. Eine 15 Kilometer lange Rennstrecke, die vom auf 2970 Metern gelegenen Schilthorn bis nach Lauterbrunnen führt. Heute gilt es als das grösste Amateurrennen des Skisports weltweit. Schliesslich organisierte Lunn im Jahre 1931 gemeinsam mit dem britischen Skiverband die erste Weltmeisterschaft für Abfahrt und Slalom in Mürren. Sir Arnold Lunn wurde 1952 für seine «Pflege der englisch-schweizerischen Freundschaft» zum Ritter geschlagen. Sein Denkmal ist noch heute neben der Bahnstation in Mürren zu finden.

Bildquelle: Berner Zeitung

Bildquelle: InfernoMürren
Als James Bond nach Mürren kam
Der Schilthorn-Gipfel wurde fast 40 Jahre nach der ersten Durchführung des Inferno-Rennens für ein weites Publikum zugänglich gemacht. Die Schilthornbahn verband 1965 erstmals die Stationen Stechelberg – Gimmelwald – Mürren und wurde innerhalb der nächsten zwei Jahre durch die Stationen Mürren – Birg – Schilthorn ergänzt. Sie galt damals als die längste Seilbahn der Welt. Die Projektleitung verfolgte die Vision, inmitten der vielen Drei- und Viertausender ein Drehrestaurant zu erbauen. Die finanziellen Mittel reichten jedoch nur noch, um die Bergstation im Rohbau zu errichten. Zur gleichen Zeit reiste der deutsche Location-Scout Hubert Fröhlich durch Europa, um einen geeigneten Drehort für den sechsten Teil der James-Bond-Filmreihe «Im Geheimdienst Ihrer Majestät» zu finden. Die Romanvorlage beschrieb einen über 3000 Meter hohen Berg, «Piz Gloria», der nur mit der Seilbahn erreichbar sei. Diese Beschreibung verschleppte Fröhlich in die Jungfrau-Region, wo er dank einer Postkarte der Schilthorn-Gipfelstation fündig wurde.

Bildquelle: Plattform J
Es wurde ein einfacher Vertrag verhandelt: Der Drehort wird durch das Bahnunternehmen zur Verfügung gestellt, während die Filmproduktionsfirma den Ausbau des Gipfelrestaurants bezahlt. Da das Gipfelgebäude bisher nur aus einem leeren Raum bestand, konnten die Filmproduzenten das Interieur nach Begehren gestalten. Auch ein Helikopter-Landeplatz wurde errichtet. Ein grosser Teil der Einrichtung bleibt bis heute bestehen. Etwa 1500 Statisten reisten Ende 1968 für die Dreharbeiten an, welche 180 Belegschaften besetzten und in Mürren für eine dritte Saison sorgten. Der Dreh in der Schweiz dauerte sieben Monate und hinterliess Spuren, welche bis heute zu sehen sind. Das Drehrestaurant auf dem Schilthorn erlangte internationale Bekanntheit und wird bis heute Piz Gloria genannt.
Der Kampf um die kulturelle Erhaltung
Vollmer, der ehemalige SP-Nationalrat und Direktor vom Verband öffentlicher Verkehr, verweilte erstmals vor 40 Jahren im Hotel Regina. Die Atmosphäre des Hotels aus der Belle Époque zog ihn direkt in dessen Bann. Als es vor etwas mehr als zehn Jahren hiess, das Regina würde seine Türen schliessen und verkauft werden, rettete Vollmer samt einer Gruppe von ehemaligen wie auch gegenwärtigen Stammgästen das geliebte Regina. Da das 1895 errichtete Hotel unter Denkmalschutz steht, hielt sich das Interesse von ausländischen Investoren in Grenzen, denn der Spielraum für Ausbauten wäre begrenzt gewesen.
Für Vollmer und Co. ist die baukulturelle Erhaltung hingegen von hoher Bedeutung. Gemeinsam schrieben sie in ihre Charta, dass die Einfachheit und Tradition des Regina weitergelebt und dabei die ökologische und soziale Seite miteinbezogen werden solle. «Dieses Haus ist ein Denkmal, welches durch ein darauf abgestimmtes Konzept zu einem Gesamtkunstwerk wird», sagt Vollmer.
Durch das Platzieren dieser Idee sollte der wertorientierte Tourismus gefördert werden. «Wir waren der Meinung, dass Mürren einen kulturellen Impuls brauche», sagt Vollmer. «Mürren ist diesbezüglich eingeschlafen», fügt er hinzu. Also startete das Regina ein Programm, in dessen Rahmen regelmässig Kulturschaffende nach Mürren geholt werden. Besonders stolz ist Vollmer auf die Sommerakademie, für welche junge Musiker aus der Ukraine und Russland eingeladen wurden, um in Mürren zu üben und Konzerte zu halten. «Das Haus vibrierte bis spät in die Nacht, da die Nachwuchsmusiker auf ihren Zimmern weiterspielten», erinnert sich Vollmer, «mit der Folge, dass wir schliesslich eine Nachtruhe ab 22 Uhr einführen mussten».
Auch Bauwochenenden werden zweimal jährlich durchgeführt, um das gelegentlich renovationsbedürftige Regina baukulturell abzusichern. Dabei wird auf Freiwilligenarbeit gesetzt, die von einfachen Handwerkern bis hin zu Professoren geleistet wird. «Wir haben gemerkt, dass die Leute in erster Linie nicht wegen der Arbeit kommen», so Vollmer, «sie sehnen sich viel mehr nach dem sozialen Austausch». Es sei vergleichbar mit einer Spende ans Rote Kreuz, erklärt Vollmer. Was gespendet werde, komme nicht in der Form von Geld zurück – und dennoch ergebe es Sinn.
Die Problematik der politischen Struktur
Peter Vollmers Wunsch wäre, dass diese denkmalpflegerische Sicherung im gesamten Dorf mehr gelebt würde. Sie sei in Mürren alles andere als gelungen. Mürrens Walserhäuser seien beispielsweise in Gefahr, kaputtgemacht zu werden. Vollmer haut mit der Handkante auf den Tisch und bringt die Tasse vor ihm zum Scheppern: «Es ist peinlich, dass Mürren dieser Architektur nicht mehr Rechnung trägt und dies als touristischen Wert verkauft». Vollmer tippt auf die Scheibe neben ihm und zeigt auf ein Strässchen, welches mit klassischen Wegzäunen versehen ist. «In Mürren tauchen vermehrt neue Wegzäune auf», erklärt Vollmer, «welche die bisherige Bauweise einfach versauen». Es werde nicht erkannt, was in Mürren baukulturell bereits vorhanden sei.
Dafür macht Vollmer die politische Struktur der Umgebung verantwortlich. «Es existiert keine Gemeinde Mürren, nur eine Gemeinde Lauterbrunnen mit sechs Ortschaften». Es fehle in Mürren an einem Gemeindepräsidenten, welcher täglich durch das Dorf gehe und die Veränderung aus erster Hand sehe. Vollmer erinnert sich an die Aussage eines ehemaligen Gemeindepräsidenten von Lauterbrunnen: «Dieser sagte einst, sie könnten sich nicht speziell für Mürren engagieren». Die restlichen Ortschaften würden sie sonst als einseitig beschuldigen. Vollmer kratzt sich am Kopf und sagt: «Daraus resultiert, dass die Gemeinde lieber gar nichts unternimmt». Deswegen verändere sich Mürren nun sehr zufällig. Jeder mache auf seinem Grundstück, was er für richtig halte, und die Gemeinde sei nicht präsent. Auch Wander- und Schlittelwege würden nicht bewirtschaftet werden, da dort kein Abschöpfungspotenzial bestehe. «Mürren hat ein grosses Potenzial», sagt er. Es würden aber nur Dinge unternommen, die vom Tourismusstrom profitieren können. «Das finde ich das Traurige an Mürren», sagt Vollmer.
Generalversammlung Jungfrau Region Tourismus AG, Juli 2025
„Angesichts der positiven Wachstumsprognosen im internationalen Tourismus und der zunehmenden Diskussion um «Overtourism» – welche konkreten Schwerpunkte setzen Jungfrau Region Tourismus im Generellen […], um diesen Herausforderungen proaktiv zu begegnen und gleichzeitig die nachhaltige Entwicklung der Region zu fördern?“
„Nachhaltigkeit muss lokal beginnen – jede Gemeinde trägt Verantwortung, ihre Rahmenbedingungen aktiv mitzugestalten. Die JRT AG kann hier unterstützen und den Wissenstransfer fördern. In der Region gibt es bereits gute Beispiele, wie nachhaltige Entwicklung konkret umgesetzt wird. Wenn wir voneinander lernen und gute Ansätze übertragen, stärken wir die Resilienz und Zukunftsfähigkeit der gesamten Destination.“
– Barbara Hofer, Präsidentin Jungfrau Region Tourismus AG
Peter Vollmer hofft, dass in Mürren weitere Nischen entstehen: «Das Regina darf nicht das einzig richtige Konzept in Mürren sein». Er verweist auf einige Geschäfte, welche sich in den letzten Jahren neu positioniert haben und sich nicht primär am Tourismusstrom orientieren. Mürren könne aber diesbezüglich noch einen Schub ertragen. «Jetzt wollen wir schauen, wie sich das entwickelt und welches Segment von Gästen angesprochen wird».
Mürren geht mit der Entwicklung – darüber herrscht Uneinigkeit
Vollmers Sorgen um Mürren werden nicht von allen Einwohnern geteilt. Ema Baptista, seit rund 25 Jahren im Eiger Guesthouse tätig, sieht die gesamte Entwicklung positiver. «Ich finde, wir müssen mit der Zeit gehen», sagt sie. «Wo Entwicklung stattfindet, gibt es zunächst immer kritische Stimmen», so Baptista. Das sei der natürliche Lauf der Dinge.
Die Schilthornbahn AG nahm nach mehrfacher Anfrage keine Stellung.

Mein Name ist Nick Reifler, ich bin 23 Jahre alt und befinde mich im letzten Jahr meines Bachelorstudiums für Kommunikation & Medien. Mich interessieren vor allem Themen im Bereich Sport, aber auch Themen aus dem Inland.




