Wie einzelne Buchstaben die Wahrnehmung verändern
Zwischen Werbungen und Gleisen steht seit Mai ein grosses BILLBOARD. Monatlich wechseln die Zeilen neben der Einfahrt in den Zürcher Hauptbahnhof und rücken gesellschaftskritische Themen ins Blickfeld der Vorbeiziehenden.
Autorin: Diana Hefti
Bild: Wie fühlst du dich in deinen vier Wänden? Foto: Diana Hefti
Ein Buchstabe ist zunächst nur ein Zeichen, still und bedeutungslos. Erst wenn ein Weiterer hinzutritt, entsteht ein Sprachlaut oder gar ein Wort. Wörter reihen sich aneinander, bilden Sätze und erzeugen so Sinn. Sprache entsteht nicht abrupt. Sie verdichtet sich, wiederholt sich und bildet so ein soziales Gefühl, das ordnet, Räume öffnet oder sie verschliesst. Mit Sprache verständigen wir uns nicht nur, wir verhandeln unsere Wirklichkeit. Im urbanen Raum zeigt sich dies besonders. Wegweiser und Reklamen prägen das Stadtbild. Sprache ist allgegenwärtig und wird meist nicht aktiv wahrgenommen. Und trotzdem beeinflusst sie uns. Entlang des Gleisfelds, neben dem Zürcher Hauptbahnhof, erhebt sich eine 5 Meter hohe Anzeigetafel, das BILLBOARD. Tausende von Zügen, mit ihnen 500’000 Pendler:innen, passieren das Metallgerüst täglich. Wer Werbung erwartet, wird überrascht, denn für die Dauer eines Jahres wird auf dem BILLBOARD mit Schriftzügen eine inklusive, feministische Zukunft gefordert.
Die 18 Meter breite und 5 Meter hohe Anzeigefläche ist Plattform für die Hohlkammerplatten-Buchstaben, die der Verein créatrices.ch jeden Monat in Form von Schriftzügen daran hängt. Im Laufe des BILLBOARDjahres finden Rahmenveranstaltungen statt, die die inhaltlichen Themen der Monate aufgreifen. Initiiert wurde das BILLBOARD von der Architektin Nelly Pilz. Gemeinsam mit der Mitinitiatorin Florence Willi entstand die Idee, eine Anzeigetafel [engl. Billboard] in der Stadt Zürich zu platzieren und diese als feministische-künstlerische Infrastruktur zu nutzen. Sie beide sind Teil des Vereins créatrices.ch. Seit der Gründung 2017 realisiert er Projekte mit dem Ziel, die Leistungen von Frauen in Architektur, Umwelt- und Lebensgestaltung sichtbar zu machen. Zu den bisherigen Arbeiten zählt die Installation «FrauMünsterhof21». Teil des Vereins und BILLBOARD ist auch Beatriz Würsch. Alle Frauen im Verein haben unterschiedliche Biografien und finden sich in der Kreativität und dem Feminismus wieder.

Die Geschichte Nelly Pilz
Wer in Zürich auf den Zug wartet, sieht sie nicht. Sie ist die Initiantin, die im Hintergrund arbeitet. Dass Sprache im öffentlichen Raum mehr sein kann als Werbung, ist eine der zentralen Überzeugungen von
Nelly Pilz.

Das Vormittagslicht scheint durch die grossen Fenster der Maisonettewohnung ins Gesicht von Nelly Pilz. Der Weihnachtsbaum in der Ecke zeigt, dass die Festtage auch in ihrem Haushalt angekommen sind. Neben Pilz sitzt ihre sechsjährige Tochter. «Bauchschmerzen», sagt Pilz. Eigentlich hätte ihre Tochter zur Schule gehen sollen, doch krankheitshalber bleibt sie an diesem Freitag zuhause. «Zum Glück konnte ich meine Besprechungen umorganisieren.»
Nelly Pilz ist Architektin, Kuratorin und Mitinitiatorin des BILLBOARD-Projekts. Aufgewachsen ist sie in Westberlin. Rückblickend beschreibt sie ihr Elternhaus als «politisch links und ziemlich feministisch», ohne dass sie sich dessen damals bewusst gewesen sei. «Mir war eigentlich immer klar: Ich kann alles», sagt sie. Erst später habe sie gemerkt, wie politisch das eigentlich sei.
Harte Realität
Seit rund 18 Jahren lebt Pilz in der Schweiz. Sie studierte Architektur in Berlin und an der ETH Zürich. Der Umzug und später die Mutterschaft veränderten ihren Blickwinkel. «In dem Moment, in dem ich Mutter wurde, habe ich gemerkt, wie weit doch auch das Ganze noch zurück ist», sagt sie. Sie finanziert ihren Lebensunterhalt selbst. Das sei schon hart. Politisch habe sie sich lange nicht positioniert. Heute formuliert Pilz ihre Motivation klar. Sie spricht über Care-Arbeit, über fehlende Gleichstellung, über rechte Bewegungen. «Das macht mir extrem Angst», sagt sie. Gleichzeitig betont sie, wie wichtig ihr gemeinschaftliche Prozesse sind. «Ich glaube, wir schaffen das mit dem Beenden des Patriarchats nur zusammen.» Ein Blick geht zu ihrer Tochter.
Pilz steht vom Küchentisch auf, geht zum Regal und holt ein kleines Modell des BILLBOARDS hervor. Sie setzt sich damit zu ihrer Tochter an den Tisch. «Es ist einer ihrer Lieblingsorte in Zürich geworden», sagt sie. Das Mädchen nimmt das Modell in die Hände, dreht es, stellt es ab.

Die Geschichte Beatriz Würsch
Wer in den Medien vom BILLBOARD hört, ahnt nicht, wie viele Frauen dahinterstehen. Eine davon ist Beatriz Würsch.

Durch ein Schaufenster in der Nähe des Bahnhofs Zürich Wipkingen sieht man eine adrett gekleidete Frau sitzen. Beatriz Würsch arbeitet an einem beladenen Holztisch. In den Regalen des Schaufensterklubs sind neben ihren eigenen Arbeiten, die Werke von über 50 lokalen Künstler:innen ausgestellt. Der Stolz über das Geschäft ist gross, «auch wenn die Weihnachtszeit die Stressigste des Jahres ist».
Geboren ist sie in der Stadt Zürich. Eine Stadtzürcherin seit Tag eins sei sie aber nicht, sagt Würsch. «Noch im Kindesalter bin ich, gezwungenermassen, mit meinen Eltern nach Schaffhausen gezogen.» Als Kind lernte sie, sich schnell anzupassen. Ihre bunte Lieblingshose, die ihre Mutter ihr genäht hatte, blieb im Schrank. Kunst, die Handarbeit und deren Geschichten haben sie weiterhin fasziniert. Ursprünglich wollte Würsch Innendekorateurin werden. Ihre Eltern rieten ihr davon ab. Sie sei ein zu grosser Freigeist, um nach vorgemachten Plänen zu arbeiten, sagten sie. Also wurde Würsch Kindergärtnerin.
Gipsplatten in Spanien
Über eine Freundin ergab sich später die Möglichkeit, an der Schweizer Schule in Barcelona zu arbeiten. «Ich wollte anfangs nicht gehen», sagt Würsch. Schlussendlich blieb sie über ein Jahrzehnt und Spanien wurde ihre Heimat. Mit Freund:innen baute sie eine Galerie. «Ich verlegte Gipsplatten!» Es war eine lehrreiche Zeit. Sie hatte Glück und durfte Barcelona zu einer «ganz tollen Zeit» erleben. Doch auch die Stadt veränderte sich: «Die spannenden kunst- und kulturinteressierten Menschen kamen immer weniger.» Deswegen zog Würsch zurück nach Zürich.
Fürs BILLBOARD macht Beatriz Würsch die Medienarbeit. «An créatrices.ch begeisterte mich die Zusammenarbeit mit den unterschiedlichen Frauen. Mit dem BILLBOARD ist ein Projekt gekommen, bei dem ich gleich wusste: Da möchte ich mich einbringen.» Ihr Kraftort ist jedoch ausserhalb der Schweiz. «Sobald ich länger Zeit habe, gehe ich nach Menorca.» Dort arbeitet sie in ihrem Atelier, geniesst die spanische Kultur und die Menschen. Das Meer und die Natur lassen sie zur Ruhe kommen und schenken ihr viel Inspiration für ihre Arbeit in Zürich.
Die Macht der Sprache
Die Idee zum BILLBOARD kam Nelly Pilz vor drei Jahren. Durch das Projekt «FrauMünsterhof21» wurde ihr klar, dass ein Folgeprojekt, etwas Lautes, kommen müsse. Die Sprache faszinierte Pilz. Dabei bewegte sie eine grundlegende Frage: Was lässt sich überhaupt denken, wenn es dafür keine Worte gibt? Nelly Pilz wollte etwas aufschreiben und es mit einem BILLBOARD für viele penetrant sichtbar machen. Bei «FrauMünsterhof21» hatte sie bereits mit Gerüstbauteilen gearbeitet. Die temporäre Installation steht nun auf dem «Wilden Platz». Einem schmalen Grundstück an der Zollstrasse zwischen Stadt und SBB-Gleisfeld.
Schon immer ein «wilder Platz»
Zürich kennt den Ort bereits als politisch aufgeladen. In unmittelbarer Nähe befand sich Anfang der 1990er-Jahre das Wohlgroth-Areal. Dieses war über zwei Jahre besetzt und gilt als längste Hausbesetzung der Schweiz. Die Besetzung verstand sich nicht nur als Wohnprojekt, sondern als politisches Statement gegen Wohnungsnot und eine zunehmend profitorientierte Stadtentwicklung. Auch visuell prägte das Wohlgroth-Areal den Stadtraum. Wer damals mit dem Zug in Zürich einfuhr, wurde von einem grossflächigen Schriftzug begrüsst: Statt «Zürich» stand dort «Zureich». Gemäss Pilz wird auch diese Geschichte in einem kommenden BILLBOARD aufgegriffen.
Weiter im Text
Im Herbst 2024 lancierte créatrices.ch einen öffentlichen Aufruf. Gesucht wurden Textbeiträge zu feministischen Themen. Insgesamt gingen 848 Vorschläge ein. Eine transdisziplinäre Jury brachte zwölf Schriftzüge in eine Reihenfolge. Jeder passend zu seinem Monat.
Es folgen Texte über das Nachhausegehen, pünktliche Züge und verspätete Rechte oder ein Mädchen, das viel vermisst. Im Oktober thronte mit BILLBOARD 6 die Frage, wie man das Patriarchat bewerten würde. Dabei wurde vom Verein das Patriarchat auf Google Maps als Standort markiert, den Menschen bewerten können. Die aktuelle Bewertung liegt bei 1.1 Sternen. Auch am 7. November wird der Schriftzug vor Ort, Buchstabe für Buchstabe, ausgetauscht. Die Initiantinnen treffen sich am BILLBOARD, um die Frage nach dem Patriarchat durch jene nach Sicherheit im eigenen Haushalt zu ersetzen.

Schriftzüge für Frauen
Jeden Monat steht ein neuer Schriftzug neben den Gleisen des Zürich Hauptbahnhofs. Ein Jahr lang soll das 18 Meter hohe BILLBOARD die Pendler:innen aus ihrem Alltag reissen und zum Nachdenken anregen. In wenigen Stunden weicht die Kritik am Patriarchat der Frage, ob das Zuhause für Frauen sicher ist.
Die Tage werden kürzer, die Temperaturen sinken und das Zuhause wird zum vermeintlichen Schutzraum. Doch statistisch gesehen ist genau dieser Ort für Frauen der gefährlichste. BILLBOARD 7 greift das Thema der häuslichen Gewalt gegen Frauen und Femizide auf, eingebettet in die internationalen 16 Tage gegen Gewalt an Frauen. Initiatorin Nelly Pilz sagt, dass häusliche Gewalt oft im Verborgenen geschieht. Häusliche Gewalt sei kein Randphänomen, sondern Teil einer gesellschaftlichen Realität. Gemäss einem Artikel von SRF News vom 11. November hat die Zahl der 27 getöteten Frauen und Mädchen dieses Jahr bereits die Letztjährigen überschritten

Streit um eine Million
Wie dringlich das Thema ist, zeigte sich auch in der Politik. Dort sorgte die aktuelle Budgetdebatte im Parlament für Kontroversen. Der Nationalrat wollte eine zusätzliche Million Franken für den Schutz von Frauen vor Gewalt zunächst nicht sprechen, berichtete SRF News am 10. Dezember. Spontan versammelten sich daraufhin Hunderte Menschen auf dem Bundesplatz, um gegen die Kürzungen zu protestieren. Der Ständerat sprach sich schliesslich mit deutlicher Mehrheit für höhere Mittel aus, und auch der Nationalrat sprach letzten Montag schlussendlich den Betrag für das Anliegen gut. Die Debatte zeigte, wie unterschätzt die Wichtigkeit des Schutzes der Frauen noch immer ist und wer die Macht hat, zu entscheiden, wo und wofür Gelder gesprochen werden. Das BILLBOARD verlagert diese Auseinandersetzung aus dem Bundeshaus zurück ins öffentliche Bewusstsein. Bis im Mai folgen noch vier weitere Schriftzüge, bevor das Projekt am 9. Mai mit einer Finissage endet.








