Wem gehört die Wand? Ein Einblick in Zürichs umkämpfte Graffiti-Szene
Wenn Adrian Hammer* nachts zur Spraydose greift, ist er nicht auf der Suche nach Zerstörung, sondern nach Ausdruck, wie er sagt. Nur lebt er in einer Stadt, die vor allem lieber saubere Wände sieht. Über einen Konflikt, der in Zürich niemals schläft.
Autorin: Aline Thanh Fuhrer
Titelbild: Adrian Hammer, fotografiert bei der Roten Fabrik am Zürichsee. Hier ist legales Sprayen möglich. Foto: Aline Thanh Fuhrer



Adrian Hammer sprayt, seit er 17 Jahre alt ist – illegal und legal. Foto: Aline Thanh Fuhrer
Im Starbucks am Central stützt der Sprayer Adrian Hammer die Ellbogen auf dem hölzernen Tisch ab, nippt an seinem Frappuccino und schaut nachdenklich aus dem Fenster in die verregnete Stadt. Er ist 22 Jahre alt und möchte in diesem Artikel sicherheitshalber lieber anonym bleiben. «Über das Sprayen bin ich vor fünf Jahren durch einen Kollegen gestossen», sagt er. «Illegal.» Er streicht seinen Schal glatt, faltet die Hände. Ein kurzes Lächeln huscht über sein Gesicht. «Was mich daran reizt? Sicherlich der Adrenalinschub. Aber ich möchte auch etwas hinterlassen, zeigen, dass ich existiere.» Im Gegensatz zu den legalen Flächen werden illegale Graffitis gemäss Hammer nämlich nicht ständig übersprayt.
«Wir sind nicht mit allem einverstanden, was die Stadt bestimmt!»
Adrian hammer, 22, sprayer
Dann werden seine Gesichtszüge strenger. Mit seinen Graffitis richtet er sich direkt an die Stadt Zürich: «Die Landschaft gehört uns allen. Wer sagt denn, dass eine Wand genau so und so aussehen muss? Wir sind nicht mit allem einverstanden, was die Stadt bestimmt! Ich zum Beispiel habe lieber farbige statt weisse Wände.» Hammer wünscht sich, beim Gestalten des Stadtbilds mitwirken zu können. Seine Graffitis sieht er daher nicht als Sachbeschädigung. «Ich schlage ja schliesslich keine Scheiben ein. Ich verändere lediglich die Wände – das ist für mich vergleichbar mit Kunst.» Reut es ihn nicht, dass Steuergelder aufgebracht werden müssen, um seine Graffitis zu bereinigen? «Nicht wirklich, nein. Steuergelder sollen lieber anderswo investiert werden. Bei uns ist alles perfekt – zu perfekt. Es ist völlig krank, dass hier in Zürich die Standards so hoch sind», sagt Hammer.
«Wir wollen den Dialog fördern»
Wo darf man heute in Zürich überall offiziell legal sprayen? Diese Karte verrät es.
Nicht alle teilen diese Meinung. Im März dieses Jahres etwa sorgte ein grosses FCZ-Graffiti am Lindenhof für weite Empörung. Dessen Reinigung kostete die Stadt 12’000 Franken. Und nun prangt ein grosses «KCBR» am Swissmill-Tower in Zürich. Das Thema Graffiti ist seit Jahren von anhaltender Bedeutung. In Zürich sind die städtischen Eigentümervertretungen für die Entfernung von Graffiti auf ihren Liegenschaften verantwortlich und tragen die entsprechenden Kosten. Zum Vergleich: Die Immobilien Stadt Zürich gibt für den Graffitischutz und die Entfernung von Graffiti durchschnittlich 225’000 Franken pro Jahr aus. Bei illegalen Sprayereien auf stadteigenen Gebäuden ergeht in jedem Fall eine Anzeige wegen Sachbeschädigung und die Sprayereien werden entfernt.
«Aber wir wollen den Dialog fördern und schaffen Möglichkeiten, um kreative Ausdrucksformen auf legale Weise zu ermöglichen», so Valentina Pappone von der Zürcher Fachstelle für Graffiti. «Wir stehen Sprayern grundsätzlich offen gegenüber – wo Graffiti legal und erwünscht ist, unterstützen wir sie. Illegales Sprayen hingegen wird angezeigt.» Illegale Graffitis beeinträchtigen gemäss Pappone das Stadtbild und gelten als Sachbeschädigung. Und da bleibe man auch konsequent. Legale Flächen hingegen gibt es etwa am Oberen Letten, im Freestyle-Park Allmend und auch bei der Roten Fabrik. Ein Ausbau der Flächen sei aktuell aber nicht geplant.






«Dose weg von Bahnanlagen!»
Erfahrungswerte zeigen, dass illegale Sprayereien häufig an schwer einsehbaren Infrastrukturanlagen wie beispielsweise Unterführungen und Brücken auftreten. Auch Adrian Hammer sprayt am liebsten entlang der Zuglinien in tiefer Nacht. Meistens schreibt er seinen illegalen Künstlernamen, rutscht aber auch in die politische Schiene ab. Mit «Freiheit für Palästina» beispielsweise. In den letzten zwei Jahren konnte ein Anstieg von Sprayereien im Zusammenhang mit dem Israel-Palästina-Konflikt beobachtet werden – und Motive der städtischen Fussballvereine haben gemäss Pappone ebenfalls Hochkonjunktur. Doch die Stadt Zürich warnt auf ihrer Webseite: «Dose weg von Bahnanlagen! Hochspannungsleitungen, durchfahrende Züge – der Nervenkitzel mag hoch sein, aber ist er es wert, dein Leben aufs Spiel zu setzen?»

«12 Polizisten für einen Sprayer sind zu viel!»
Yannick (16)* ist seit einem Jahr Teil der Graffiti-Szene in Zürich. Besonders gerne sprayt er am Oberen Letten. In einem spontanen Gespräch vor Ort äussert er Kritik und Lob an der Stadt Zürich, erzählt von Rivalitäten untereinander und ungeschriebenen Regeln in der Szene. (Die Stimme wurde auf Wunsch des Protagonisten hin leicht verzerrt.)
Harmloser sieht das mit Auftragsarbeiten aus. Die Stadt Zürich fördert beispielsweise sogenannte Murals, grossflächige Wandmalereien, etwa an Hausfassaden. «Es gibt dafür freigegebene Flächen, Auftragsarbeiten und Beratung. Dadurch soll künstlerische Gestaltung ermöglicht werden und das Stadtbild aufgewertet werden», sagt Pappone. Street Art spiele heute eine sichtbare Rolle im öffentlichen Raum Zürichs. Die Künstler werden im Rahmen eines klaren Prozesses ausgewählt. Ein solches Street-Art Duo sind etwa die «One Truth Bros» aus Altstetten, Zürich. Mit ihren quirligen und farbigen Figuren werten sie das Stadtbild seit 20 Jahren laufend auf.
Die «One Truth Bros» aus Zürich
Streetart-künstler
Das Streetart Künstler-Duo «One Truth Bros» besteht aus den beiden Künstlern und Brüdern Dr.Drax, geboren 1983, und Pase, geboren 1981. Die beiden leben in Zürich, in Altstetten haben sie ihr Atelier. Sie sind für ihre Graffiti Kunst nicht nur in der ganzen Schweiz bekannt, sondern haben auch internationalen Erfolg erzielt – unter anderem dank dem hohen Wiedererkennungswert ihrer künstlerischen Handschrift. Seit ihrer Jugend sind sie künstlerisch engagiert und haben die Street Art Kunst selbstständig erlernt. Unter dem Namen One Truth arbeiten sie seit 2003. One Truth hat Arbeit für grosse Kunden wie UBS, FIFA, Red Bull und vieles mehr umgesetzt. Die Mutter der beiden Brüder ist Tibeterin, der Vater Schweizer.
Zum Interview mit den «One Truth Bros»
«Kunst ist eine Idee, ein Stil, eine Persönlichkeit»
Dem Streetart-Duo «One Truth Brothers» ist der Schritt von der verbotenen zur anerkannten Kunst gelungen. Seit etwa 20 Jahren prägen sie das Stadtbild von Zürich – und entwickeln laufend neue Ideen, um Farbe in die graue Welt zu bringen.



Mal als winzig kleine Hunde an einer Hausmauer, mal als riesengrosses Wandgemälde an einer Hausfassade. Wer Zürich kennt, begegnet immer wieder mal Werken vom Street Art Künstler Duo «One Truth Brothers», bestehend aus «Pase» und «Dr. Drax». Im Interview erzählt Pase vom Weg aus der Illegalität, vom «Bschiesse» unter den Sprayern und was er von Kunsthochschulen hält.
Pase, wenn Sie eine Wand in Zürich frei zum Gestalten wählen dürften – wo wäre sie und was für eine Geschichte würden Sie dort erzählen?
Ich würde den grauen Kornspeicher an der Limmat nehmen und ein Motiv mit viel Farbe und Strahlkraft. Etwas, das für Zürich steht. Gerne was Verspieltes. Eventuell könnte man auch mit dreidimensionalen Sachen und Formen arbeiten.
Wie fühlt es sich an, ein neues Mural zu sprayen?
Es ist jedes Mal ein neues Abenteuer. Aber wir halten uns stets an unsere eigene Handschrift. Und wichtig: Wir sprayen freihändig, ohne digitale Hilfsmittel, ohne Beamer. Viele machen das mit Apps. Damit kann das eigentlich jeder, ist ein wenig «bschiesse». Wir malen sehr dynamisch und mit viel Flow. Vor Ort lassen wir auch gerne spontan Geschehnisse in das Mural einfliessen. Sonst wäre es langweilig.
Was sind aktuelle Projekte in Zürich?
Wir haben gerade die Grünau-Unterführung fertig gesprayt, jetzt steht eine Ausstellung in der Photobastei Zürich an. Sprayen tun wir erst nächstes Jahr wieder, jetzt ist es von den Temperaturen her zu kalt. Wir wollen die Rötelstrasse mit unseren alten Werken restaurieren. Ausserdem bemalen wir einen Silo von der SBB, der dann gross bei der Einfahrt in den Zürich HB sichtbar ist.
Ihr seid Brüder – da gibt’s sicher ab und zu Meinungsunterschiede.
Ja, aber wir finden immer einen Weg und gehen Kompromisse ein. Ich bin besser mit Farben und Kompositionen, mein Bruder ist aber stärker mit Figuren. Wir ergänzen uns.
Ihr habt neben schweizerischen auch tibetische Wurzeln. Schwingt das in eurer Kunst mit?
Vielleicht das Buddhistische – dass wir etwas Gutes machen wollen. Das haben wir in den Genen.
Für was steht euer Markenzeichen, der «One-Truth-Hund»?
Der Hund ist mit seinem Charakter wie ein kleiner Mensch, ist in einem Rudel, in einer Gang, markiert sein Revier. Nur hat er Narrenfreiheit – er kann beispielsweise furzen, wie ihm beliebt.
Gegenüber anderen Zeitungen sagt ihr, dass eure Werke auch persönliche Geschichten erzählen.
Früher haben wir mit unseren Hunden in einem Zimmer gewohnt, waren «broke» und sprayten illegal. Der «One-Truth-Hund» ist eine Anspielung daran, wenn wir ihn etwa mit einer Sturmmaske sprayen.
Fühlt ihr euch als Muralisten in Zürich wohl?
Ja. Zürich ist aber die Stadt in der Schweiz, die diese Kunstform am meisten unterstützt. In St. Gallen wäre das beispielsweise unmöglich – dort kommt es erst langsam.
Street Art lebt von der Freiheit. Wie frei seid ihr, wenn ihr im öffentlichen Auftrag arbeitet?
Wir sind allen in allem doch recht frei. Wir übernehmen nicht Sachen eins zu eins – das wäre keine Kunst, das wäre lediglich eine Dienstleistung. Kunst ist eine Idee, ein Stil, eine Persönlichkeit.
Wie war der Weg aus der Illegalität?
Langsam und schleichend. Früher nahmen das die Leute nicht als Kunst wahr und waren auch nicht bereit, darin zu investieren. Heute ist das anders.
Und wie ist euer Verhältnis zur Stadt Zürich?
Ist gespalten. Gewisse Stellen supporten unsere Kunst, andere übermalen sie. Daher müssen wir uns auch wehren, uns behaupten. Wir wollen behandelt werden wie andere Künstler auch.
Man liest hie und da von Spannungen mit Graffiti-Sprayern.
Es hat da Geschichten gegeben, das waren jedoch vereinzelte Leute und ist jetzt auch schon länger her. Dazu möchte ich aber nicht mehr sagen. Die meisten finden unsere Arbeit voll cool.
Sie wurden von der ZHDK abgelehnt. Was hat das mit Ihnen gemacht?
Eigentlich sollten sie offen für Neues sein, sind sie aber nicht. Ich wurde für meine Graffitis ausgelacht. Heute sehe ich das mit einer gewissen Ironie, denn inzwischen bekommen wir viel Anerkennung von den Schülern dieser Schule.
Und zum Schluss: Was wäre Ihre Botschaft an aufstrebende Graffiti-Sprayer?
Bleibt einzigartig, macht nicht alles nach. Und respektiert die Graffiti-Geschichte. Cool, wenn ihr das durchzieht!
«Legale Graffitis sind keine Graffitis»
Auch Adrian Hammer ist ein grosser Fan von diesen Murals und kann sich vorstellen, selbst mal so eins zu gestalten. «Mega cool, finde ich genial! Ich kenne aber auch viele aus der Szene, die sich denken: «Das ist nicht illegal, was ist das für ein Scheiss! Legale Graffitis sind keine richtigen Graffitis!»» Hammer kenne in seinem Umfeld auch Leute, die es sogar als Verrat ansehen, selbst mit der Presse zu sprechen. Aber: «Wenn Muralisten illegale Graffitis übersprayen, ist das alles andere als cool. Dann verraten sie unsere Kultur.»
In Zürich gibt es gemäss Hammer in der Graffiti-Szene auch Gruppierungen, die um die Wände kämpfen und zwischen denen sich starke Spannungen bilden. Nicht nur zwischen den FCZ- oder GCZ-Sprayern. «Es ist wie im echten Leben: Alle kämpfen um denselben Job oder um dieselbe Frau.» Mehr möchte er dazu aber nicht sagen. Er selbst gehört zu keiner Gang dazu. Die Fachstelle Graffiti führt gemäss eigenen Angaben keine Konflikte mit «Graffiti-Banden» aus. Vielmehr arbeiten sie präventiv und beratend, betont Pappone. Klar ist: Die Diskussion um die Wände der Stadt Zürich wird bleiben.
*Name geändert

Immer einen Blick hinter die Kulissen werfen können – das ist für mich das Coole am Journalismus. Ich studiere im 5. Semester Journalismus an der ZHAW. Gleichzeitig arbeite ich als Freie Mitarbeiterin bei der Limmattaler und bei der Höngger Zeitung und freue mich jetzt schon auf jede künftige Arbeitserfahrung!