Zwischen Pflicht und Erfahrung: Der Zivildienst aus Sicht der Leistenden
In der Schweiz leisten immer mehr junge Männer Zivildienst und übernehmen dabei Aufgaben in Pflege, Bildung, Umwelt und sozialen Diensten. Gleichzeitig steht der Zivildienst unter politischem Druck. Für die Einsatzbetriebe und Zivildienstleistenden ist das nicht einfach so hinnehmbar. Denn persönliche Erfahrungen und die Bedeutung für die Gesellschaft seien wichtig.
Autorin: Aira Flückiger
Titelbild: Der Zivildienst in all seinen Formen und Facetten.
Illustration und Grafiken: Aira Flückiger
Es ist kurz nach zehn Uhr morgens. Der Flur riecht nach Brot, in der Küche klappert Geschirr. Ayko Flückiger, zieht seine Jacke aus, räumt die getätigten Einkäufe ein und beginnt seinen Dienst in der Küche. Seit er im August in den Zivildienst gestartet ist, ist sein Alltag geprägt von Verantwortung, Abwechslung und neuen Erfahrungen.
Einen Tag lang wurde Ayko Flückiger mit der Kamera begleitet. Im Video erzählt er, von seinen Erfahrungen im Zivildienst, was er dabei gelernt hat und wie seine Sicht auf den Zivildienst ist.
Ayko Flückiger kann sich ein Leben ohne die Einblicke, die er im Zivildienst erhalten hat, kaum mehr vorstellen. Der Dienst sei für ihn nicht nur eine Pflicht, sondern eine persönliche Bereicherung.
Der Zivildienst unter Druck
Der Zivildienst ist längst nicht mehr nur eine Alternative zum Militärdienst. Er ist zu einem zentralen Bestandteil eines sich wandelnden Dienstpflichtsystems in der Schweiz geworden. Wer den Militärdienst aus Gewissensgründen ablehnt oder nicht leisten möchte, kann den Zivildienst machen, und immer mehr junge Männer entscheiden sich dafür. Im Jahr 2024 erreichte die Zahl der geleisteten Diensttage im Zivildienst mit fast 1,9 Millionen Tagen einen neuen Höchststand, wie auf der Website des Bundesamts für Zivildienst zu lesen ist. Die folgenden Grafiken geben genauere Einblicke in die Aufteilung nach Bereichen der geleisteten Diensttage sowie der Anzahl Einsatzplätze im Jahr 2024.


Obwohl der Zivildienst über die Jahre immer beliebter wurde, gerät er gleichzeitig zunehmend unter politischen Druck. Eingebettet in eine sicherheitspolitische Debatte über die Zukunft der Schweizer Armee und die Ausgestaltung der allgemeinen Dienstpflicht.
In der aktuellen politischen Diskussion wird das bestehende Dienstpflichtsystem zunehmend infragegestellt. Mehrere Gesetzes- und Parlamentsvorstösse, sind in Diskussion oder bereits beschlossen, die den Zugang zum Zivildienst verändern (könnten). Der Bundesrat und das Parlament haben im Jahr 2025 eine Revision des Zivildienstgesetzes verabschiedet, die den Zugang zum Zivildienst erschweren soll; die Vorlage läuft derzeit in der Referendumsfrist bis Mitte Januar 2026. Daneben hat der Nationalrat ein Postulat angenommen, um die Wiedereinführung der Gewissensprüfung als Zulassungsvoraussetzung zum Zivildienst prüfen zu lassen. Zudem hat der Bundesrat eine Botschaft zur Teilrevision des Bevölkerungs- und Zivilschutzgesetzes verabschiedet, mit der der Personalbestand des Zivilschutzes gestärkt werden soll und künftig in bestimmten Fällen auch Zivildienstleistende für den Zivilschutz verpflichtend eingesetzt werden könnten. Auch laufen im Jahr 2026 weitere Referendumsfristen aus, welche Änderungen rund um den Zivildienst betreffen.
Die Gründe, weshalb sich junge Männer für den Zivildienst entscheiden, sind vielfältig. Einige davon werden in der folgenden Bildstrecke genauer dargestellt.
Was Zivildienst für Leistende bedeutet
Gleichzeitig warnen viele Betriebe und Institutionen, die auf Zivildienstleistende angewiesen sind, vor den Folgen einer Einschränkung des Zivildienstes. Besonders in Bereichen wie Pflege, Bildung, Umweltschutz und Sozialwesen könnten weniger Zivildienstleistende spürbare Lücken hinterlassen. Die Vereinigung der Kleinbauern schreibt auf ihrer Website: «Der Bedarf nach Zivildienstleistenden in der Landwirtschaft ist gross und wird mit dem Klimawandel und der damit einhergehenden Zunahme von Problempflanzen und der zunehmenden Verbuschung weiter steigen. Eine Schwächung des Zivildienstes wäre entsprechend mit negativen Auswirkungen für die Landwirtschaft verbunden.» Aufgrund dessen unterstützen sie das Referendum, welches noch bis Mitte Januar 2026 läuft.
Auch viele Zivildienstleistende selbst stehen den geplanten Verschärfungen kritisch gegenüber. Sie erleben ihren Einsatz nicht als Umgehung einer Pflicht, sondern als unverzichtbaren Beitrag zum Funktionieren der Gesellschaft und des Alltags. So sieht es auch Dominik Neuhaus. Der 22-Jährige hat bereits zwei Einsätze geleistet, einen in der Tagesbetreuung und einen in der Arbeitsintegration. Für ihn stand von Anfang an fest, dass er keinen Militärdienst leisten will. Der Zivildienst ist für ihn mehr als ein Ersatzdienst: eine Möglichkeit, konkret etwas beizutragen. «Ich bin während meiner ganzen Zeit nie zum Schluss gekommen, dass meine Arbeit sinnlos ist. Sondern ich habe immer das Gefühl gehabt, ich kann mit meiner Arbeit etwas Gutes tun», sagt er. Die Verantwortung, die man erhalte, und die Selbstständigkeit, die man lerne, seien enorm wichtig. «Obwohl ich vor Beginn des Zivi sehr viel Respekt davor gehabt habe, bin ich extrem daran gewachsen», fügt er an.
Im Zivildienst konnte Dominik Neuhaus «wahnsinnig viele tolle Erfahrungen, wahnsinnig viele Erinnerungen, wahnsinnig viele Begegnungen mit spannenden Menschen und wahnsinnig viel lernen». Auf die Frage, was der Zivildienst in seinen Augen für eine Aufgabe hat und weshalb er relevant für die Gesellschaft ist, sagt er Folgendes: «Der Zivildienst unterstützt im Hintergrund, damit die Fachpersonen, sich auf ihre Kernpunkte fokussieren können.» Ausserdem hebt er hervor, dass das Positivste am Zivi sei, dass gerade in sozialen Berufen noch immer wenige Männer arbeiten würden: «Der Zivi wertet so das Team auf und bringt auch neue Blickwinkel rein», sagt er abschliessend.
Ein Blick zurück und nach vorne
So entsteht ein Spannungsfeld: Einerseits wird der Zivildienst als gesellschaftlich relevant anerkannt – andererseits steht das gesamte Dienstpflichtsystem unter politischem Druck.
Am Ende seines Arbeitstags verlässt Ayko Flückiger die Einsatzstelle. Der Dienst ist vorbei – zumindest für heute. Was bleibt, sind die Erfahrung, neue Herausforderungen und Erlebnisse. Und die Frage, wie lange es den Zivildienst in dieser Form noch geben wird.
«Momente, in denen ich merkte, welchen Einfluss meine Arbeit hat»
Nicola Wittwer, 25 Jahre alt, hat vor seinem Zivildienst-Einsatz die Rekrutenschule und anschliessend zwei Weiterbildungskurse, sogenannte WKs, im Militär geleistet. Im Interview erzählt er, wie der Einsatz seinen Blick auf die Gesellschaft verändert hat und was seiner Meinung nach der Sinn des Zivildienstes ist.
Was hat dich persönlich motiviert, den Zivildienst zu leisten?
Sowohl im Militär als auch im Zivildienst muss man ziemlich viel Zeit leisten. Für mich war es wichtig, dass diese Zeit sinnvoll verbracht wird. Im Zivildienst sah ich gute Möglichkeiten, sinnstiftende Sachen zu tun, von denen ich auch persönlich profitieren kann.
In welchem Einsatzbereich hast du deinen Zivildienst geleistet und was hat dich an diesem Bereich besonders angesprochen?
Ich habe meine Zivi-Einsätze beim Dachverband Schweizer Jugendparlamente DSJ absolviert, der sich für die Bildung und Partizipation von Jugendlichen an der Politik einsetzt. Da ich ein Verständnis von Politik für wichtig halte und dieses schon jungen Menschen hilft, sprach mich die Tätigkeit des DSJ an.
Mit welchen Erwartungen bist du in den Zivildienst gestartet und inwiefern haben sich diese im Laufe der Zeit verändert?
Ich erwartete, dass ich den Betrieb unterstützen kann und soll. Jedoch war ich nicht sicher, ob meine Arbeit respektive meine Tätigkeit nur nebensächlich ist oder wirklich gebraucht wird. Ich merkte dann aber, dass meine Aufgaben Relevanz haben und ich gewissermassen ein Teil des Teams bin.
Hast du während deines Dienstes neue Stärken an dir entdeckt? Wenn ja, welche?
Dank des Zivi-Einsatzes leitete ich ein Atelier für eine Schulklasse. Diese Erfahrung hätte ich ohne den Zivi nicht gemacht. Nun weiss ich, dass ich sowas kann und es auch Spass macht. Zudem arbeitete ich in einem jungen Team und in einem etwas anderen Arbeitsklima als sonst. Diese Erfahrung war wertvoll, da ich bislang noch nicht in manchen Büros gearbeitet habe.
Gab es Momente / Situationen, die für dich herausfordernd waren, und wie bist du damit umgegangen?
Einzelne Aufgaben waren zunächst unklar, das hat sich mit der Zeit aber erledigt. Grosse Herausforderungen gab es keine.
Inwiefern hat der Zivildienst deinen Blick auf gesellschaftliche Themen wie Pflege, Umwelt oder soziale Arbeit verändert?
Ich weiss jetzt besser, wie viel Arbeit in Bildungsangeboten für junge Menschen steckt und wieso diese wichtig sind. Zudem sah ich, mit welcher Leidenschaft und guten Absicht die Leute diese Arbeit machen.
Wenn du auf den Zivildienst zurückblickst, was bleibt dir in Erinnerung?
Vor allem die Leute, mit denen ich in meinem Zivi-Betrieb zu tun hatte, und das tolle Klima im Büro. Auch der Einblick in eine Branche, mit der ich sonst nichts zu tun habe.
Gab es Momente, in denen dir bewusst wurde, welchen Nutzen deine Arbeit für die Gesellschaft hat?
Das Vorbereiten der Events für junge Menschen und das Atelier waren Momente, in denen ich merkte, welchen Einfluss meine Arbeit hat und welchen positiven Nutzen sie bringt. Ich sah es als Chance, etwas Positives und Sinnvolles zu tun, das Wirkung hat.
Welchen Sinn hat der Zivildienst in deinen Augen?
Der Zivildienst macht aus meiner Sicht Sinn und bietet wirklich gute Unterstützung für Betriebe jeglicher Art, ob für Pflegeeinrichtungen, Schulen oder andere Betriebe. Der Zivildienst unterstützt, hilft und bietet den Zivis die Chance, neue Erfahrungen zu machen, die bleiben.

Ich studiere Kommunikation mit Vertiefung Journalismus an der ZHAW in Winterthur. Ich bin ein neugieriger Mensch und immer auf der Suche nach spannenden Geschichten.




