Wie die Limeco Abfall verbrennt – und daraus Wärme, Strom und sogar Gold gewinnt
Die beiden Öfen der Kehrichtverwertungsanlage Limeco in Dietikon laufen rund um die Uhr. Bei über 1000 Grad Celsius – so heiss wie Lava – wird Tonne um Tonne Abfall verbrannt. Wie das genau abläuft, wo Batterien gefährlich werden und wie viele Goldvreneli noch aus dem Abfall gerettet werden können.
Autor: Tobias Eggenberger
Titelbild: 95’000 Tonnen Abfall verwertet die Limeco jährlich. Zwei Öfen sind dazu dauerhaft in Betrieb. Bild: Tobias Eggenberger
Wer durch das Industriegebiet Silbern in Dietikon geht, sieht ihn schon von weitem: den Kamin, aus dem weisser Dampf – fälschlicherweise oft für Rauch gehalten – in den Himmel steigt. Die Kehrichtvertwertungsanlage (KVA) Limeco arbeitet hier Tag und Nacht, meist unbemerkt. Dabei verbrennt sie nicht nur Abfall, sondern produziert auch Strom, Wärme und gewinnt aus dem Abfall sogar noch Gold. Warum das so ist und wie die Verwertung von Abfall abläuft, zeigt ein Blick hinter die Mauern der 1971 eröffneten Anlage.
Rebecca Rass ist Leiterin der thermischen Verwertung bei Limeco. Vom Kommandoraum aus behalten sie und ihr Team das Geschehen in der Anlage im Blick. Der Raum ist rund um die Uhr besetzt, die Anlage läuft 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.
Batterien können zu Bränden führen
Der Rundgang mit Rebecca Rass beginnt in der Anlieferhalle. Hier fährt gerade ein Kehrichtwagen der Stadt Schlieren vor. Der Fahrer manövriert den Lastwagen an ein Rolltor, das sich öffnet und den Zugang zum Abfallbunker freigibt. Dann kippt er seine Ladung in die Tiefe. Fast gleichzeitig senkt sich von oben ein Greifarm – der notabene eineinhalb Tonnen greifen kann – herab, packt eine Portion Müll und schwenkt sie in Richtung Schredder.
Bevor der Abfall im Ofen verschwindet, wird er im Schredder zerkleinert. So brennt der Abfall gleichmässiger, liefert mehr Energie und lässt sich besser kontrollieren. Gefährlich wird es allerdings, wenn Batterien oder Akkus im Hauskehricht landen. Werden diese im Schredder beschädigt, können sie Funken schlagen oder sogar Brände auslösen. Deshalb ist der Bunker mit automatischen Löschanlagen ausgerüstet und wird rund um die Uhr überwacht.
Die 4 grössten Mythen über Kehrichtverwertungsanlagen – und was wirklich stimmt
Mythos 1: Die Abfallsäcke werden sortiert
Abfallsäcke werden nicht vorsortiert, bevor sie verbrannt werden. Alles, was in den Kehricht geworfen wird, wird auch verbrannt. Auch die Stoffe, die nicht dort hingehören. Deshalb ist korrekte Abfalltrennung so wichtig.
Mythos 3: Aus dem Kamin kommt schädlicher Rauch
Was aus dem Kamin einer KVA, wie der Limeco, aufsteigt, ist in erster Linie Wasserdampf. Die Emissionen der Limeco sind jährlich etwa vergleichbar, wie wenn ein Auto 30 Kilometer auf einer Autobahn fährt.
Mythos 2: Zusatzstoffe wie Heizöl werden gebraucht damit es brennt
Moderne Haushaltsabfälle haben allein genug Heizwert, um bei Temperaturen von über 1000 Grad zu brennen. Es braucht keine Zugabe von Öl, PET-Flaschen oder Zeitungen damit das Feuer weiterbrennt.
Mythos 4: KVAs machen nur Müll weg – mehr nicht
Die Limeco verbrennt nicht nur Müll, sie produziert auch Strom und Fernwärme aus der Energie die beim Verbrennungsprozess freigesetzt wird. Zudem werden Metalle aus der Schlacke zurückgewonnen.
Quelle: Eigene Zusammenstellung auf Basis von Informationen der Limeco sowie des Kantons Zürich.
Ist der Abfall im Ofen angekommen, herrschen Temperaturen von über 1000 Grad Celsius. Das ist so heiss wie flüssige Lava. Dieses Inferno verbrennt fast alles, was es berührt. Einige Metalle jedoch überstehen selbst diese Hitze. Eisen etwa schmilzt erst bei rund 1538 Grad. Gold erreicht seinen Schmelzpunkt zwar knapp, verbrennt aber nicht und geht nicht verloren. Es sammelt sich in der zurückbleibenden Schlacke und kann später zurückgewonnen werden. «Im Jahr 2024 wurden aus unserer Schlacke neun Kilogramm Gold zurückgewonnen», sagt Rebecca Rass. «Um sich das besser vorstellen zu können: Das entspricht etwa 1590 Goldvreneli.»
Anderswo baut man mit der Schlacke
In einigen europäischen Ländern, etwa in Italien oder Dänemark, wird die Schlacke zudem als Baustoff genutzt. Vor allem im Strassenbau ersetzt sie dort Naturmaterialien wie Sand oder Kies. In der Schweiz ist das nicht erlaubt. Die Schlacke, von Gold und anderen Wertstoffen befreit, landet auf einer Deponie.
Während im Ofen Tonne um Tonne Abfall verschwindet, entsteht Energie in Form von Hitze. Um die Energie nutzbar zu machen, wird das Rauchgas von seinen umweltschädlichen Bestandteilen gereinigt und anschliessend in eine Kesselanlage geleitet. Dort gibt es seine Hitze ab: Mit rund 950 Grad strömt das Rauchgas an Rohrleitungen vorbei, in denen Wasser zirkuliert. Weil dieses Wasser entsalzt ist, kann es weit über 100 Grad hinaus erhitzt werden. Es entsteht Dampf, mehrere hundert Grad heiss und unter enormem Druck.
Der Dampf schiesst in eine Turbine und treibt einen Generator an. Strom entsteht. 2024 produzierte Limeco rund 51’000 Megawattstunden Strom. Das wäre genug, um jeden zweiten Haushalt in Dietikon ein Jahr lang zu versorgen.
Eine riesige regionale Heizung
Doch auch nachdem der Dampf seine Arbeit als Stromlieferant erledigt hat, ist er noch lange nicht kalt. Seine Wärme wird genutzt, um Wasser für das Fernwärmenetz zu erhitzen. Unterirdische Leitungen bringen diese Wärme zu Häusern und Betrieben in der Region. Die Anlage funktioniert damit wie eine riesige regionale Heizung.


Was aus dem Kamin der Anlage aufsteigt, sieht aus wie Rauch. Tatsächlich handelt es sich um Wasserdampf. Er entsteht, nachdem das Rauchgas gereinigt wurde und seine Hitze abgegeben hat. Schadstoffe, Staub und saure Gase werden zuvor in mehreren Stufen herausgefiltert. Sichtbar wird der Dampf erst draussen, wenn die warme, feuchte Luft auf die kältere Umgebung trifft.
«Die Emissionen der Anlage sind minimal», sagt Rebecca Rass. «Auf ein Jahr gerechnet verursacht der sichtbare Dampf der Anlage etwa so viel CO₂ wie ein Auto auf rund 30 Kilometern Autobahn.»
An Weihnachten braucht es auch Abfall
Damit diese Maschinerie ununterbrochen laufen kann, braucht es ständig Nachschub an Abfall. Doch was passiert, wenn, wie über die Weihnachtstage, die Müllabfuhren pausieren und weniger Industrieabfälle anfallen?
Die Antwort liegt auf dem Areal der Limeco: 3149 Siloballen, säuberlich gestapelt. Von weitem sehen sie aus wie Heuballen auf einem Feld, doch ihr Inhalt besteht aus gepresstem Abfall. 2325 Tonnen Müll hat Limeco während der jährlichen Revision zwischengelagert und verpackt. Während der Weihnachtstage, wenn weniger Abfall als üblich bei der Limeco eingeht, wird dieser Vorrat angezapft und so sichergestellt, dass Strom und Wärme auch dann weiterfliessen.
Rund 95’000 Tonnen Abfall verwertet Limeco pro Jahr. Der Tag, an dem der Schreibende die Anlage besuchte, sei im Vergleich eher ruhig gewesen, sagte Rebecca Rass während der Führung. Dennoch kamen an diesem Tag 427 Tonnen Abfall an, dazu kamen 980 Kilogramm separat gesammeltes Recyclingmaterial. 250 Tonnen Abfall wurden an jenem Freitag im Dezember direkt in der Anlage verwertet. Daraus entstanden 910 Megawattstunden Fernwärme für die Limeco-Regiowärme sowie 96,5 Megawattstunden Strom.
Der Weg des Abfalls im Video
Damit aus Abfall Strom und Wärme entstehen kann, ist eine ganze Maschinerie nötig. Im Video erhalten Sie einen Einblick in die Kehrichtsverwertunganlage Limeco.
Die Limeco muss neu gebaut werden – der Kanton will sich nicht beteiligen
Bis 2034 soll die Kehrichtverwertungsanlage (KVA) Limeco gesamterneuert werden. Die acht Trägergemeinden hätten gerne eine Beteiligung des Kantons am finanziellen Risiko. Dieser geht aber nach wie vor nicht auf die Forderung ein.
Die Kehrichtverwertungsanlage (KVA) Limeco erreicht im Jahr 2034 ihr technisches Lebensende. Bis dahin soll ein Ersatzneubau fertiggestellt sein. Über diesen Neubau wird schon seit geraumer Zeit politisiert. Die Limeco ist nämlich als interkommunale Anstalt von ihren Trägergemeinden (Dietikon, Schlieren, Urdorf, Geroldswil, Ober- und Unterengstringen, Oetwil an der Limmat und Weiningen) organisiert. Als eigenständige öffentlich-rechtliche Anstalt finanziert sie sich selbst und ist damit auch für den Neubau der KVA verantwortlich. Gerät sie dabei in finanzielle Schieflage, fällt das Risiko aber letztlich auf die Trägergemeinden zurück.
Aus Sicht der Trägergemeinden liegt ein Problem darin, dass nur rund 35 Prozent des von der Limeco verwerteten Abfalls aus jenen Gemeinden stammen, die auch finanziell haften. Der überwiegende Teil – etwa 65 Prozent – kommt aus anderen Gemeinden. Deshalb fordern die Trägergemeinden, dass sich der Kanton Zürich am finanziellen Risiko des KVA-Neubaus beteiligt. Auch weil es der Kanton ist, der über das Thema der Abfallplanung bestimmt. Im Rahmen dieser Planung soll die Kapazität der Anlage im Ersatzneubau von heute rund 90’000 Tonnen auf bis zu 160’000 Tonnen pro Jahr erhöht werden.
Die Trägergemeinden legten 2023 eine neue Eigentümerstrategie fest. Darin heisst es: «Die Limeco wird angehalten, beim Kanton Zürich, allenfalls weiteren Kantonen und beim Bund ein verbindliches Engagement in der zukünftigen Entwicklung zu erwirken.»
Kann man den Kanton zur Beteiligung zwingen?
Zweieinhalb Jahre später ist klar: Der Kanton stellt sich konsequent gegen eine Beteiligung an der Bürgschaft. Eine Antwort des Stadtrats von Dietikon auf eine Interpellation zu diesem Thema zeigt, dass die Limeco sich diesbezüglich bereits an die Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker-Späh (FDP) gewandt hat. Diese stellte den Kontakt zu Baudirektor Martin Neukom (Grüne) her. Neukom delegierte das Anliegen an den Leiter des Amts für Wasser, Energie und Luft (AWEL). Aus der Stadtratsantwort geht hervor, dass der AWEL-Chef die «ablehnende Haltung des Kantons» zu der Bürgschaft klargemacht habe.
Weiter geht aus dem Dokument hervor, dass die Limeco mithilfe einer Arbeitsgruppe geprüft hat, ob der Kanton gesetzlich verpflichtet werden könnte, sich am Risiko zu beteiligen. Die Gruppe kam jedoch zu dem Schluss, dass «die gesetzlichen Grundlagen fehlen, um den Kanton zu einem Engagement zu verpflichten».
Auch im Zürcher Kantonsrat war die Risikoteilung Thema. Sonja Gehrig (GLP, Urdorf) reichte Mitte dieses Jahres eine Anfrage zu diesem Thema mit dem Titel «Moderne KVA ja, aber mit gerechterer Risikoteilung» ein. Darin wollte Gehrig unter anderem vom Regierungsrat wissen, welche Rolle der Kanton bei der Mitfinanzierung oder Risikoabsicherung von KVAs übernehmen solle. Sie brachte auch eine Beteiligung des Kantons ins Spiel, beispielsweise in Form von Investitionsbeiträgen oder Haftungsübernahmen. Dies vor dem Hintergrund, dass der meiste Abfall, der in der Limeco verwertet wird, nicht aus den Trägergemeinden stammt. Gemäss Gehrig liege die geplante Kapazität mit 160’000 Tonnen pro Jahr weit über dem Bedarf der Trägergemeinden.
Der Regierungsrat erteilte dem Anliegen jedoch (erneut) eine Absage. In seiner Antwort hält er fest, dass Bau, Finanzierung und Betrieb von KVAs Aufgabe der Trägergemeinden sind. Der Regierungsrat sehe keine Notwendigkeit für finanzielle Unterstützung oder Bürgschaften, auch wegen der Gleichbehandlung aller Trägerschaften im Abfallbereich. «Und nicht zuletzt sind die entsprechenden Mittel im Rahmen der Investitionspriorisierung des Kantons nicht vorhanden», heisst es in der Antwort des Regierungsrates.

Tobias Eggenberger studiert Kommunikation an der ZHAW in Winterthur. Er absolvierte er eine KV-Lehre, bevor es ihn in den Journalismus verschlug. Seit 2022 schreibt er regelmässig als freier Mitarbeiter für die Limmattaler Zeitung.









