Wirtschaft

Billig, beliebt, verboten: Gefälschte Trikots als Weihnachtsfalle

Zur Adventszeit schnellen die Verkaufszahlen gefälschter Fussballtrikots in die Höhe. Die Bestellung eines vermeintlichen FCSG-Trikots zeigt, wie schnell daraus eine teure Enttäuschung werden kann und wie der Markt für Fälschungen wächst.

Autor: Lenard Baum (baumlen1@students.zhaw.ch)

Titelbild: Weihnachtlich beleuchtet: Ein FCSG-Trikot im Fanshop des Kybunparks. Für viele Fans ein kostspieliges Geschenk. (Quelle: Lenard Baum)

Während Laura N. (Name geändert) auf der Website scrollt, wirkt alles erstaunlich echt: eine Schweizer Domain, scharfe Produktbilder und aktuelle Designs. Nur der Preis und die Lieferzeit irritieren sie. Knapp 30 Franken und drei Wochen Lieferzeit für ein FC St.Gallen-Heimtrikot? «Das kam mir merkwürdig vor», sagt die 23-jährige St.Gallerin. Aus Neugier bestellt sie trotzdem. Drei Wochen und mehrere Nachfragen später fehlt vom möglichen Weihnachtsgeschenk immer noch jede Spur. Ihre Vermutung bestätigt sich: Die Website verkauft keine Originaltrikots, sondern Fälschungen. In ihrem Fall kam nicht einmal etwas an.

Schwarzmarkt in Grün-Weiss

Der Markt für Fussballtrikots wächst und mit ihm laut NGOs auch die Zahl der Fälschungen. Während die Verkäufe auf offizieller Händlerseite in der Weihnachtszeit deutlich anziehen, ist auf dem Schwarzmarkt ein paralleler Anstieg zu verzeichnen. Besonders betroffen seien grosse Hersteller wie Adidas oder Nike.

Warum verändert sich die Bedeutung des Trikots?

Warum verändert sich die Bedeutung des Trikots?

Fussballtrikots sind schon lange mehr als nur Fanartikel. Viele junge Menschen tragen sie im Alltag, völlig unabhängig davon, welchen Verein sie bevorzugen. Doch warum hat sich das Trikot so stark gewandelt? Und was bedeutet dieser Trend für die Fankultur? Ein Blick auf eine Entwicklung, die weit über den Sport hinausreicht.

Laut «Stop Piracy», der Schweizer Plattform gegen Fälschung und Piraterie, stammen die meisten Plagiate aus China oder der Türkei. «Den Leuten ist oft nicht bewusst, dass kein Franken an ihren Verein geht», sagt Eveline Capol, Leiterin der Geschäftsstelle von «Stop Piracy». Der wirtschaftliche Schaden sei «enorm». Besonders durch falsche Onlinehändler auf Social Media habe sich die Lage seit der Pandemie zusätzlich verschärft. Gemäss einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gefährden Produktfälschungen jährlich über 6000 Arbeitsplätze in der Schweiz.

Insbesondere während grosser Turniere und in der Vorweihnachtszeit nimmt die Zahl gefälschter Waren wie Trikots zu. «Zu diesen Zeitpunkten sehen wir regelmässig mehr Fälschungen im Umlauf», sagt Capol. Das Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit und «Stop Piracy» registrierten in den vergangenen fünf Jahren so viele beschlagnahmte Pakete wie noch nie. Dies dank neuer Regelungen, die längere Kontrollzeiten erlauben. Der jährliche Schaden für die Schweizer Wirtschaft liegt inzwischen bei über 4,5 Milliarden Franken. Tendenz steigend.

Von Dongguan nach St.Gallen

Eine exemplarische Bestellung zeigt, wie so ein gefälschtes Trikot seinen Weg in die Schweiz findet: Der Online-Händler wirbt mit dem aktuellen Nati-Trikot, das jedoch aus Asien verschickt wird. Zwei Wochen nach der Bestellung folgt die Versandbestätigung, das Paket macht sich auf den Weg aus Dongguan im Süden Chinas. Weitere zwei Wochen später liegt das Trikot im St.Galler Briefkasten.

Die Fälschungen sehen den Originalen oft sehr ähnlich. Unterschiede zeigen sich erst bei genauerer Betrachtung, etwa durch unsaubere Nähte, dünnen Stoff oder chemischen Geruch. Sie entsprechen weder qualitativ noch produktionstechnisch noch gesundheitlich den Standards der Originaltrikots.

Inzwischen ist die rechtliche Lage klarer. «Wer ein einzelnes Fake-Trikot bestellt, muss in der Regel keine strafrechtlichen Konsequenzen befürchten», sagt Eveline Capol. Wenn ein Paket abgefangen wird, muss die Ware in der Regel vernichtet werden. Zusätzlich fällt eine Verwaltungsgebühr an. Erst beim gewerbsmässigen Import oder Weiterverkauf wird es strafbar. Mit anderen Worten: Wer im Urlaub ein günstiges Shirt kauft, muss nichts befürchten. Wer jedoch versucht, mehrere Exemplare zu verkaufen, gerät in Schwierigkeiten. Dann drohen hohe Geld- oder Freiheitsstrafen.

Wie Pilze nach dem Regen

Die vermeintlichen Onlinehändler wirken oft erstaunlich seriös: breite Produktauswahl, Rabattaktionen, professionelle Produktbilder. Wie authentisch solche Seiten auftreten können, weiss Alessandro Barnetta, Geschäftsführer von «sportglobe», nur zu gut. Der St.Galler führt einen der grössten Schweizer Händler für originale Fussballtrikots und wurde zur WM 2018 selbst kopiert: «Die Betrüger hatten unser Webseiten-Layout, unser Impressum und unsere Produkttexte übernommen. Vermeintliche Kunden beschimpften uns, weil sie dachten, wir hätten nicht geliefert. Dabei hatten wir mit der Seite nichts zu tun.»

Für Kundschaft nennt Barnetta klare Warnsignale: «Ein neues Trikot kostet keine 30 Franken. Fehlen Impressum oder Kontaktangaben, ist Vorsicht geboten.» Auch Lieferzeiten von über einer Woche oder Schreibfehler seien Hinweise.

Trotzdem sieht er die Lage entspannt: «Ich glaube nicht, dass uns diese Onlinehändler ernsthaft bedrohen. Sie kommen und gehen wie Pilze nach dem Regen. Die meisten wissen, dass ein aktuelles Original rund 100 Franken kostet.» Er hat Verständnis für Fans auf der Suche nach einem Schnäppchen: «Ich verstehe, dass Fans mit wenig Geld lieber ein Shirt für 30 Franken kaufen. Aber dann dürfen sie sich nicht beschweren, wenn die Qualität nicht hält.»

Zwischen Fanliebe und Geld: Das Geschäft mit Trikots

Was macht der FCSG?

Beim FC St.Gallen beobachtet man die Entwicklung genau. «Wir verfolgen das konsequent und setzen vor allem auf Prävention», sagt Merchandising-Leiter Philippe Rieder. Nationale Verstösse liessen sich meist rasch stoppen. Problematischer werde es im internationalen Umfeld: «Viele dieser Seiten sind nur Fassaden für chinesische Produzenten. An diese ist sehr schwierig heranzukommen.»

Gegenüber Topklubs seien die Auswirkungen aber überschaubar. «Solange du nicht in der Champions League spielst, bleibt der Umsatzverlust verhältnismässig klein.» Am Spieltag begegnet ihm Produktpiraterie dazu kaum. «Unsere Fans wissen, wo sie Originale bekommen», sagt Rieder.

Die Seite, auf die Laura N. hereingefallen ist, hat Rieder an die Liga weitergeleitet: kurz darauf verschwanden die falschen FCSG-Trikots aus dem Angebot. Für die St.Gallerin bleibt nach dem Vorfall vor allem eines: Beim nächsten Kauf setzt sie auf das echte Trikot. Besonders, wenn sie damit in der Espenkurve steht.

Hast du schonmal ein Fake-Trikot gekauft?