Wie zwei junge Sportlerinnen aus der Ostschweiz an die Weltspitze fanden
Aufgewachsen in Ostschweizer Dörfern, führen die Handballerin Tabea Schmid (22) und die Fussballerin Nadine Riesen (25) heute ein Leben als Profisportlerinnen im Ausland – Schmid beim dänischen Champions-League-Club Esbjerg, Riesen in der Bundesliga bei Eintracht Frankfurt. Dorthin führte sie ein Weg, der in regionalen Vereinen begann und von früher Förderung geprägt ist.
Autorin: Lisa Renz
Titelbild: Vom Sport zu leben: Für Tabea Schmid (links) und Nadine Riesen (rechts) ist das Realität. (Bild links: Keystone SDA / Christian Bruna, Bild rechts: Keystone SDA / Salvatore Di Nolfi)
«Mit Tabea Schmid ist die erste Schweizer Handballerin in der absoluten Weltspitze angekommen», schrieb der Schweizerische Handball-Verband, als ihr Wechsel zu Esbjerg bekannt gegeben wurde.
Wenig später lobten die Medien Nadine Riesens Leistung in den höchsten Tönen, nachdem sie bei der diesjährigen Europameisterschaft in der Schweiz gegen Norwegen das erste Tor des Turniers erzielt hatte. SRF Sport bezeichnete es als «Riesens bisheriges Best of», der Tagesanzeiger schrieb von «ihrem bisher stärksten Länderspiel».
Schmid und Riesen verkörpern damit eine Generation Schweizer Sportlerinnen, die sich international behauptet und zeigt, dass Spitzensport «made in Switzerland» funktionieren kann – vorausgesetzt, er wird gezielt gefördert.
Tabea Schmid (2003)
| 2009-2012 | SV Fides |
| 2012-2021 | LC Brühl |
| 2021-2022 | Strasbourg Achenheim Truchtersheim Handball |
| 2022-2023 | LC Brühl |
| 2023-2024 | København Håndbold |
| Seit 2025 | Team Esbjerg |
Nadine Riesen (2000)
| 2009-2015 | FC Bühler |
| 2015-2019 | FC St. Gallen-Staad |
| 2019-2021 | BSC YB Frauen |
| April-Juli 2021 | Spitzensport-Rekrutenschule Magglingen |
| 2021-2023 | FC Zürich |
| Seit 2023 | Eintracht Frankfurt |
In Mörschwil aufgewachsen, spielt Tabea Schmid seit ihrem sechsten Lebensjahr Handball. Heute steht die 22-Jährige beim dänischen Rekordmeister Esbjerg unter Vertrag. Einem Verein, der in der Champions League, dem höchsten Europacup-Wettbewerb, mitmischt. Zudem gehört Schmid als Stammspielerin dem Schweizer Nationalteam an.
Die 25-jährige Nadine Riesen kommt aus Niederteufen und begann im Alter von neun Jahren mit dem Fussballspielen. Mittlerweile gehört sie zum Kader von Eintracht Frankfurt. Am 17. September 2023 hatte sie ihr Debüt in der Bundesliga, der höchsten Spielklasse Deutschlands. Allerdings scheiterte Frankfurt in der aktuellen Saison in der Qualifikationsrunde für die Women’s Champions League und verpasste damit den Einzug in die Gruppenphase.
Für beide begann alles in Vereinen, die in der Ostschweiz als Talentschmiede gelten. Tabea Schmid spielte beim SV Fides, bevor sie im Alter von neun Jahren aus eigener Initiative zum LC Brühl wechselte. Über insgesamt zehn Jahre hinweg durchlief sie dort nahezu jede Altersstufe und profitierte von der Nachwuchsförderung, die im Leitbild des Vereins als zentrales Ziel verankert ist. Dazu sagt die 22-Jährige: «Ohne den LC Brühl wäre ich nicht da, wo ich heute bin.»
Früh erkannt, gezielt gefördert
Vroni Keller ist seit zehn Jahren Nachwuchsverantwortliche beim LC Brühl. Früher selbst aktiv auf dem Spielfeld, hält die 61-Jährige bis heute den Rekord als erfolgreichste Torschützin der Schweizer Handball-Nati. Für Tabea Schmid war Keller mehr als eine Trainerin – sie beschreibt sie als ihre Mentorin. Auch heute stehen die beiden noch in Kontakt, da Keller zusätzlich als Assistenztrainerin des Nationalteams tätig ist. Im Audio erzählt Vroni Keller, warum sie – durch ihre langjährige Erfahrung im Nachwuchsbereich und im Trainerwesen – die gezielte Förderung junger Talente für wichtig hält.
Auch Nadine Riesen fand beim FC Bühler einen Verein, der ihr Potenzial früh erkannte – und sie gilt auch heute als der grosse Stolz des Fussballclubs aus dem Appenzellerland. Durch eine Auswahl des Ostschweizerischen Fussballverbands (OFV) wechselte sie mit 15 Jahren zum FC St. Gallen (damals FC St. Gallen-Staad) und schaffte dort auf Anhieb den Sprung in die erste Equipe.
Nach einigen Saisons in der Ostschweiz, folgte für Riesen 2019 der Schritt zu den YB-Frauen, bevor sie 2021 zum FC Zürich weiterzog. Im selben Jahr wurde sie zudem für vier Monate in die Spitzensport-Rekrutenschule im bernerischen Magglingen aufgenommen. Der Entscheid, einen entsprechenden Antrag zu stellen, zahlte sich für sie aus: «Eigentlich werde ich nicht gerne herumkommandiert, aber den Entscheid für die Sportarmee habe ich bis heute nie bereut», sagt Riesen rückblickend.
Schmid und Riesen durchliefen mehrere Stationen im Schweizer Ligasystem, ehe der Schritt ins Ausland folgte. Doch was braucht es, um von der Region bis an die internationale Spitze zu gelangen?
Der Aufbruch ins Ausland
Beide Profispielerinnen wurden durch internationale Turniere sichtbar. Für Tabea Schmid war die Europameisterschaft 2022 der Wendepunkt. Über die holländische Handballagentur «Grandslam» entstand der Kontakt nach Dänemark. «Irgendwann wurde mir bewusst: Diesen Schritt muss ich gehen, um mich im Handball weiterzuentwickeln», sagt die Handballerin. Schon immer war die 22-Jährige ein Fan Skandinaviens, weshalb für sie schnell klar war, dass es sie in den Norden ziehen wird.
Für Nadine Riesen führte der Weg im Sommer 2023 nach Frankfurt. Der Transfer war für die 25-Jährige nicht nur ein Karriereschritt, sondern der Sprung in eine neue Fussballwelt: «In Deutschland kann man das volle Profileben leben», sagt sie. Und auf Instagram teilt sie regelmässig Einblicke aus ihrem Alltag in Frankfurt.
Nati-Spielerin Nadine Riesen: «Ich habe auf mein Gefühl gehört – und mich für Frankfurt entschieden»

Seit dem Sommer 2023 spielt die 25-jährige Schweizerin bei Eintracht Frankfurt in der Bundesliga Fussball. Im Interview erzählt sie, wie es zum Wechsel ins Ausland kam, warum sie sich für Frankfurt entschieden hat und wie ihr Alltag als Profisportlerin aussieht.
Sie spielen seit August 2023 bei Eintracht Frankfurt – Ihrem ersten Verein im Ausland. Wie kam es zu diesem Wechsel?
Bevor Frankfurt auf mich zukam, hatte ich bereits Angebote aus dem Ausland, wollte zu diesem Zeitpunkt aber nicht unbedingt wechseln. Dann wurde im Jahr 2023 bekannt, dass die Europameisterschaft 2025 in der Schweiz stattfindet. So war es mein Ziel, die nächsten zwei Jahre in Deutschland Vollgas zu geben, um mich auf höherem Niveau bestmöglich auf die Heim-EM vorzubereiten.
Warum fiel Ihre Entscheidung letztlich auf Eintracht Frankfurt?
Ich habe Gespräche mit verschiedenen Vereinen geführt und wusste ungefähr, welche davon Qualität haben. Ausserdem habe ich mich mit Spielerinnen ausgetauscht, die bereits dort spielten. Am Ende habe ich auf mein Gefühl gehört und mich für den Verein entschieden, bei dem ich den besten Eindruck hatte – und das war Frankfurt.
Wie läuft so ein Auslandtransfer ab – was passiert alles, bevor der Wechsel offiziell wird?
Es ist sehr individuell, wie viele Gespräche man mit Vereinen führen möchte oder kann. Heutzutage hat eigentlich jede Spielerin eine Beraterin oder einen Berater, bei mir ist das seit zwei Jahren Dietmar Ness von «Ness&Network». Die meisten Anfragen laufen über ihn. Er informiert mich dann darüber, welcher Verein gut oder weniger gut zu mir passen würde. Danach folgen Gespräche mit dem Trainer oder der Trainerin und der sportlichen Leitung. Auf dieser Basis trifft man dann seine Entscheidung.
Sie mussten sich dann in einem neuen Land und einer neuen Stadt zurechtfinden. Wie war das für Sie?
Deutschland ist zwar nicht ganz gleich wie die Schweiz, trotzdem habe ich mich schnell wohl gefühlt. Dass ich grundsätzlich eine offene Person bin, hat mir dabei sicher geholfen. Ausserdem war Géraldine Reuteler schon bei Eintracht Frankfurt, die ich aus dem Nationalteam kenne, was die Eingewöhnung zusätzlich erleichtert hat. Auch das Team insgesamt ist super, und ich wurde sehr herzlich aufgenommen.
Wie sieht Ihr Alltag als Profisportlerin aus?
Das ist sehr unterschiedlich. Wir erhalten jeweils einen Wochenplan, in dem steht, wie die Trainingseinheiten aufgebaut sind. Wenn wir einmal in der Woche ein Spiel haben, trainieren wir an den ersten Tagen jeweils zweimal täglich, danach einmal pro Tag bis zum Spieltag. Frühstück und Mittagessen bekommen wir auf dem Trainingsgelände. Etwa eineinhalb Stunden vor Trainingsbeginn sollten wir da sein. Ich bin meistens schon zwei Stunden vorher da, um in den Kraftraum zu gehen oder gewisse Aktivierungsübungen für meine Füsse zu machen. Das Training selbst dauert in der Regel rund eineinhalb Stunden.
… und abseits des Fussballs?
Da gehe ich ins Fitness oder unternehme etwas mit meinen Mitspielerinnen – wir gehen essen oder Kaffee trinken. Ich bin aber auch jemand, der gerne Zeit für sich hat. Diesen Mix mag ich sehr gerne.
Wie wohnen Sie in Frankfurt und wie kommen Sie zum Trainingsgelände?
Ich wohne in der Innenstadt und fahre mit dem Zug oder Velo zum Trainingsgelände am Riederwald, das etwas ausserhalb liegt. Meine Wohnung habe ich mir selbst gesucht. Ich lebe dort allein und bin sehr zufrieden damit.
Auf sich allein gestellt sind Schmid und Riesen im Ausland nicht. Tabea Schmid ist bei Esbjerg zusammen mit Mia Emmenegger im Einsatz, die wie Schmid ebenfalls für die Schweizer Handball-Nati aufläuft. Nadine Riesen spielt bei Eintracht Frankfurt im selben Team wie die Schweizer Nati-Spielerin Géraldine Reuteler, die seit 2020 in der Bundesliga aktiv ist.
Tabea Schmid und Nadine Riesen haben erreicht, wovon viele junge Sportlerinnen träumen – und dennoch stehen sie erst am Anfang dessen, was sie sich vorgenommen haben. Schmid tastet sich in Dänemark nicht nur sportlich an ein neues Niveau heran, sondern auch sprachlich: «Die Handball-Begriffe sitzen inzwischen auf Dänisch, alles darüber hinaus hat noch Verbesserungspotenzial», sagt sie und lacht.
Riesen wiederum arbeitet mit Eintracht Frankfurt weiterhin daran, sich auch auf europäischer Bühne zu etablieren und den Sprung in die Women’s Champions League zu schaffen. Trotz aller Ambition verliert sie dabei eines nicht aus den Augen: «Am wichtigsten ist, dass man Freude daran hat, was man tut.»

studiert Kommunikation und Medien mit Vertiefung Journalismus an der ZHAW in Winterthur. Nebenbei schreibt sie als Online-Redaktorin, ist neugierig und hinterfragt, was andere als selbstverständlich hinnehmen.



