Expats in der Schweiz: Zwischen Alpenromantik und Winterdepression
Die Schweiz wirkt für viele Expats wie ein Traum: Berge, Ordnung, Sicherheit. Doch hinter der Alpenromantik steckt ein Alltag, der nicht immer einfach ist. Chris Lam, der aus Australien in die Schweiz einwanderte, spricht über Höhen, Tiefpunkte und den Weg zu einem echten Zuhause.
Autorin: Vanessa my Tran Nguyen
Titelbild: Für seine Leidenschaft wanderte Chris Lam in die Schweiz aus.
Zürich – Chris Lam ist unter der Woche in einem Grossraumbüro an der Europaallee anzutreffen. Den Grossteil seines Tages verbringt er dort hinter einem Bildschirm. Am Wochenende geht er oft in die Berge. Die Schweizer Alpen haben es ihm angetan, erzählt er. «In Australien sind die meisten Felsen aus Sandstein. Sie sind rot. In der Schweiz habt ihr meist Kalkstein, der ist eher grau. Das sieht dann aus wie in den Filmen», sagt er. Für viele Schweizer:innen ist Australien ein Traumland – bei Chris Lam war es genau umgekehrt. Er tauschte Grossstadt, weisse Strände und tropische Hitze gegen Berge, Seen und den bodenständigen Schweizer Alltag.
Chris Lam ist 33 Jahre alt, Software Engineer und stammt aus Sydney. Er ist halb Chinese, halb Vietnamese. Schon lange hatte er davon geträumt, in die Schweiz zu ziehen – wegen der Berge, der Natur und der Ruhe. Nach einem ersten Besuch in der Schweiz 2018 wusste er, dass er in der Schweiz leben möchte. Er bewarb sich bei seiner Firma in Australien für einen internen Transfer: in das Zürcher Büro. Nachdem er die Zusage erhalten hatte, ging alles sehr schnell. Drei Monate später befand er sich auf dem Flug in Richtung Schweiz. Als Chris Lam vor drei Jahren in Zürich ankam, war Sommer. Zwei Tage nach seiner Ankunft fand die Street Parade statt. Es war laut und bunt. «Ich hatte Jetlag von der langen Reise und machte mir Sorgen, ob ich in der Schweiz Freunde finden würde. Aber ich war mit dem Ziel gekommen, hier meine Community aufzubauen.»
Expats
Kurzform von Expatriates. So werden Menschen bezeichnet, die für eine gewisse Zeit oder dauerhaft im Ausland leben und arbeiten – meist ohne die Staatsbürgerschaft ihres Herkunftslands aufzugeben. Viele Expats werden von ihrem Arbeitgeber ins Ausland entsandt, andere suchen die Veränderung selbst. Typische Branchen sind internationale Unternehmen, Organisationen oder Start-ups. Ihr Aufenthalt ist oft befristet, ihre Perspektiven global.
Im ersten Monat stellte ihm sein Arbeitgeber eine Wohnung zur Verfügung. Schnell begann der Expat jedoch, nach einer eigenen Bleibe zu suchen. «In meinem ersten Monat in der Schweiz war ich praktisch täglich damit beschäftigt, Zürich kennenzulernen und herauszufinden, in welchem Quartier ich in Zukunft wohnen möchte. Zürich wirkte geordnet, fast zu ruhig. In Sydney war er sich Lärm und Wärme gewohnt. Viele Schweizer:innen empfinden Zürich als eine grosse und laute Stadt. Dem Australier aus der Metropole fiel in Zürich zuerst die Stille auf.
Die Suche nach der Community: Expats unter sich
Freunde und Familienmitglieder hatten ihn gewarnt, dass es in der Schweiz schwer sei, Freundschaften zu schliessen. Viele hätten ihre Kreise schon seit Jahren. «Nach ein paar Wochen verstand ich, was damit gemeint war.» Tagsüber arbeitete er, abends suchte er nach einem Ort, der sich vertraut anfühlte. In einer Boulderhalle in Zürich fand er genau das. Über das Klettern lernte er die ersten Menschen kennen. «In der Schweiz ist es schwierig, neue Leute kennenzulernen», sagt er.
Mit der Zeit fand Chris hier seine Community. Heute hat er einen Freundeskreis, in dem er sich wohlfühlt und glücklich ist. «Die meisten meiner Freunde sind ebenfalls Expats», sagt er. «Bei den lokalen Leuten ist es oft schwieriger, wirklich Anschluss zu finden. Schweizer:innen sind so vielbeschäftigt.» Seine Partnerin hat er trotzdem in der Schweiz kennengelernt. Auch sie ist Expat und stammt aus Kanada.
«Was macht man im Winter nach der Arbeit?»
Im Winter traf ihn die Dunkelheit. Er kannte Kälte, aber nicht über eine solch lange Zeit hinweg. Wochen ohne Sonne, graue Tage, die ineinander übergingen. «Ich hatte das Gefühl, das Leben steht still. Ich wartete nur auf den Sommer», sagt er. «Was macht man im Winter nach der Arbeit?» Den ersten Winter genoss er noch mit seinem Snowboard auf den Pisten. «Ich habe in meinem ersten Winter in der Schweiz all die coolen Dinge getan.» Ab dem zweiten Winter holte ihn jedoch die Winterdepression ein. Er plante den Sommer schon im Voraus, um durchzuhalten – Reisen, Berge, Wasser. Alles, was Bewegung bedeutete.
Heute kennt er die Stadt. Er weiss, wo er guten Kaffee bekommt, wo er trainieren kann, wo die Sonne an der Limmat am längsten bleibt. Drei Mal war er seither in Australien. «Es ist einfach so unglaublich weit weg. 24 Stunden dauert die Reise. Ich war jeweils für Hochzeiten von Freunden dort, aber wenn du nach langer Zeit zurück in die Heimat gehst, wollen alle einen sehen. Du gehst also quasi nur von Haus zu Haus und besuchst die Familie und Freunde. Das kann anstrengend sein», sagt er. Wenn er über seine Zukunft spricht, klingt er ruhig. Er weiss, dass die Schweiz nicht für immer sein wird. «Meine Pension möchte ich in Australien verbringen. Das Land ist ein Teil von mir. Ich bin Australier.» Aber jetzt gerade ist die Schweiz sein Zuhause.
Touristen-Stempel und teures Essen
In Zürich hat Chris auch Unterschiede bemerkt, die ihn an seine Abstammung erinnern. «Hier gibt es viel weniger Asiaten als in Australien», sagt er. «Und asiatisches Essen ist verhältnismässig unglaublich teuer.» In der Schweiz würde er oft einfach als Tourist abgestempelt werden. Manchmal vermisst er die Vielfalt, die in Sydney selbstverständlich war. Dafür schätzt er die Ruhe, die Ordnung, das Gefühl von Sicherheit.
Er lebt heute im Stadtzentrum, nicht weit von der Limmat. Die Freundschaften, die er hier gefunden hat, sind ihm sehr wichtig, und er fühlt sich in seiner Community wohl. Dennoch denkt er darüber nach, die Schweiz in nächster Zeit vielleicht zu verlassen: «Wenn es nur nach mir ginge, würde ich noch etwas länger bleiben», sagt er. Doch für einen neuen Lebensabschnitt mit seiner Partnerin könnte ein Umzug nach Kanada die richtige Entscheidung sein. Nicht, weil er hier unglücklich ist, sondern weil das gemeinsame Leben Priorität hat. «Die Familie meiner Partnerin lebt in Kanada. Dort hätten wir ein besseres Umfeld mit mehr Unterstützung für unsere Kinder», erzählt er.
Heimat, sagt er, sei ein Gefühl. Kein Ort, sondern der Moment, wenn du nach einer Reise die Tür aufschliesst und weiss, du bist richtig. Zurzeit ist das Zürich.
Die meisten Expats kommen auf eigene Faust in die Schweiz. Einige werden aber auch von Ihren Arbeitgebenden ins Ausland entsendet.
Hochqualifiziert und doch isoliert: Die Realität der Expats in der Schweiz
Hohe Löhne, ausgezeichnete Arbeitsbedingungen und eine stabile Wirtschaft versprechen berufliche Chancen. Auf der persönlichen Ebene wird es für die Expats in der Schweiz aber schwierig. Was Firmen tun um Fachkräfte in die Schweiz zu bringen, erzählt der HR-Chef von Siemens Schweiz.
Beim Technologiekonzern arbeiten aktuell rund zehn Mitarbeitende, die von Standorten aus dem Ausland in die Schweiz geschickt worden sind. Siemens unterstützt sie dort, wo Strukturen greifen. Der Umzug wird organisiert. Visa, Steuern und Versicherungen werden geregelt. Auch bei der Wohnungssuche gibt es Unterstützung. In diesen Bereichen kann und will das Unternehmen Verantwortung übernehmen. Was Siemens jedoch nicht kann und auch nicht möchte, ist der Eingriff in den sozialen Kreis der Mitarbeitenden. Freundschaften lassen sich nicht organisieren. Thomas Frick, HR-Chef von Siemens Schweiz, formuliert es deutlich: «Der Schweizer ist per se wahrscheinlich nicht der Mensch, wo immer mit offenen Armen da steht und alle sofort mitnimmt.» Diese Zurückhaltung ist Teil der Realität, mit der Expats umgehen müssen.
Dass genau dieser Punkt belastet, zeigen auch offizielle Zahlen. Laut Expat Insider 2025, einer internationalen Umfrage mit 10’000 Teilnehmenden, liegt die Schweiz im Gesamtranking der Lebensqualität nur auf Platz 29 von 46 Ländern. Sicherheit, Gesundheitssysteme und Infrastruktur werden zwar geschätzt, doch die Eingewöhnung fällt vielen schwer. Besonders die sozialen Aspekte werden kritisch bewertet. Weniger als die Hälfte der Befragten geben an, dass es leicht sei, lokale Freundinnen und Freunde zu finden oder dass die Bevölkerung offen und freundlich sei. Die hohen Lebenshaltungskosten verstärken dieses Gefühl zusätzlich.
Gespräche mit Expats zeigen ein klares Bild. Die Schweizer Kultur gilt als zurückhaltend. Die Sprache, vor allem Schweizerdeutsch, sowie eine gewisse soziale Distanz erschweren den Zugang. Wer Anschluss finden will, muss aktiv werden, Zeit investieren und Geduld aufbringen. Gerade für Expats mit befristeten Einsätzen ist das eine zusätzliche Herausforderung. Die Frage, ob man bleibt oder geht, entscheidet sich oft daran, ob es gelingt, sich auch ausserhalb der Arbeit ein Zuhause aufzubauen. Viele Expats reagieren, indem sie eigene Netzwerke schaffen. Internationale Communities, Expats-Gruppen oder Hobbys bieten Halt und Austausch. Diese Strukturen helfen, ersetzen aber nicht für alle den Kontakt zur lokalen Bevölkerung. Die Erfahrungen sind unterschiedlich. Einige fühlen sich schnell heimisch, andere kämpfen über Jahre mit Isolation und Heimweh.
Besonders Familien spüren die sozialen Hürden. Kinder und Partnerinnen oder Partner müssen ebenfalls neue Freundschaften und Routinen aufbauen. Gelingt das nicht, beeinflusst es den gesamten Aufenthalt. Die Schweiz bietet beruflich viel, sozial verlangt sie Eigeninitiative. Integration ist kein Selbstläufer. Unternehmen können den Start erleichtern, aber sie können keine sozialen Beziehungen herstellen. Am Ende entscheidet nicht der Job allein darüber, ob sich Expats wohlfühlen, sondern ob es ihnen gelingt, neben der Karriere auch ein privates Umfeld aufzubauen.


Eine Möglichkeit, um sich in der Schweiz als Expat zu vernetzen, sind die «Expat Friday» Events. Menschen aus unterschiedlichsten Ländern treffen sich hier, um Kontakte zu knüpfen, Erfahrungen auszutauschen und anzukommen.

Kommunikationsstudentin mit Leidenschaft für den Videojournalismus. Mich interessiert, was Menschen bewegt, und ich erzähle Geschichten klar, direkt und visuell.



