”Am Ende sind sie auch nur Menschen”

Wie fühlt sich ein Ort an, an dem Menschen neu anfangen müssen? Die Leiterin des VSP Sabine Löffel sieht das hinter Erkrankungen, was sonst viele übersehen: den Menschen dahinter.
Ein Beitrag von Kimberly Abou Khalil
Die frühe Morgensonne scheint über Liestal. Vor dem Wohnhaus des VSP, dem Verein für Sozialpsychiatrie Baselland, sitzen ein Mann und eine Frau, rauchen, reden, wärmen ihre Hände am Filter. Das ist nur eins der vielen Wohnangebote, welches das VSP denen in Not anbietet. Noch verrät die Fassade nicht, wie viele Geschichten dahinter liegen: über Süchte, Ängste, Stimmen im Kopf. Über verlorene Wohnungen, verlorene Jahre – und über den Versuch, wieder eine Richtung zu finden, die Halt gibt.
Drinnen riecht es nach Kaffee. Die Wärme kommt nicht nur von der Heizung, sondern von den Menschen, die begrüßen, ohne zu mustern. Sie wohnen hier nicht einfach in einem öffentlichen Raum, wie Besucher vielleicht meinen können. Es ist deren zuhause. Ein Zuhause, das für viele zum ersten Mal seit langer Zeit eines ist.
„Wir haben keinen Erziehungsauftrag“, sagt Sabine Löffel, Leiterin des Vereins für Sozialpsychiatrie Baselland. „Unser Ziel ist es, zu begleiten.“ Nicht drängen, nicht korrigieren. Wenn jemand Medikamente nicht nehmen möchte oder seine Sucht nicht angehen will, wird niemand gezwungen. „Wir müssen sie in dem unterstützen, was sie wollen“, sagt Löffel – selbst dann, wenn die Gesellschaft meint: Er könnte doch…
Was bedeutet Sozialpsychiatrie in der Schweiz?
Sozialpsychiatrie befasst sich mit psychischen Erkrankungen nicht nur aus medizinischer Sicht, sondern auch mit dem Leben der betroffenen Menschen. Es geht darum, wie jemand wohnt, arbeitet, soziale Kontakte pflegt und am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann.
In der Schweiz ist die sozialpsychiatrische Versorgung kantonal organisiert. Sie besteht aus einem Netzwerk unterschiedlicher Angebote: ambulante Beratungen, betreute Wohnformen, Tagesstrukturen und sozialpsychiatrische Dienste. Ziel ist es, Menschen mit psychischen Erkrankungen möglichst wohnortnah, alltagsnah und über längere Zeit zu begleiten.
Viele Betroffene sind mit mehreren Belastungen gleichzeitig konfrontiert. Neben psychischen Erkrankungen spielen häufig auch Suchterkrankungen, soziale Isolation, finanzielle Probleme oder schwierige Familienverhältnisse eine Rolle. Deshalb arbeiten sozialpsychiatrische Einrichtungen eng mit verschiedenen Fachbereichen zusammen, etwa mit Psychiatrie, Sozialarbeit, Suchthilfe oder Angeboten für Kinder und Jugendliche.
In der Schweiz nutzen im Laufe ihres Lebens mehrere hunderttausend Menschen psychiatrische oder psychosoziale Unterstützungsangebote. Wie diese Angebote konkret aussehen, unterscheidet sich je nach Kanton.
Im Mittelpunkt der Sozialpsychiatrie steht nicht nur die Behandlung von Symptomen, sondern vor allem die Stabilisierung des Alltags. Ziel ist es, Selbstständigkeit zu fördern, soziale Teilhabe zu ermöglichen und Stigmatisierung abzubauen.
Was Stabilität hier wirklich bedeutet
Der Alltag im sozialpsychiatrischen Wohnen ist geprägt von Routinen, die Halt geben sollen – und von Menschen, die gelernt haben, dass Stabilität kein Zustand ist, sondern eine tägliche Entscheidung. Viele der Bewohnerinnen und Bewohner leben mit psychischen Erkrankungen und Suchterfahrungen. Sucht ist hier kein Ausnahmefall, sondern Teil der Realität.
Je nach Wohnhaus ist ein bestimmter Konsum erlaubt – Alkohol oder THC, unter klaren Regeln, in bestimmten Räumen, bei Bedarf begleitet. Nicht, weil sie verharmlost, sondern weil Abstinenz kein realistischer erster Schritt ist.
„Es geht darum, wie jemand mit seiner Erkrankung leben kann“, sagt Nadja Berset, eine Mitarbeitende des VSP. Keine moralische Debatte, kein „Du musst“, sondern: Was ist heute möglich? Was diese Woche? Dieses Jahr?
Stabilität bedeutet hier: innere Ruhe, Beständigkeit, Resilienz – das Üben der eigenen Reaktionen auf Belastungen, das Wiederfinden eines Gleichgewichts, das immer wieder kippen kann. Und sie entsteht nicht nur in Gesprächen, sondern dort, wo der Alltag trägt: feste Mahlzeiten, verlässliche Ansprechpartner, klare Strukturen, ein Platz am Mittagstisch, ein Blickkontakt im richtigen Moment. Stabilität ist das leise Fundament, das Rückfälle abfedert, bevor sie entstehen – und das jene kleinen, oft unsichtbaren Schritte ermöglicht, die zurück zu Selbstbestimmung führen.
Wer mit Sucht lebt, kämpft nicht nur gegen den eigenen Drang zu konsumieren, sondern auch gegen die Systeme, die das Leben mitbestimmen. Ein großes Thema ist die Finanzierung. „Geld ist ein großes Thema“, sagt Berset – gemeint ist jedoch weniger das Budget der Bewohner als die Strukturen des VSP.
Der Kanton teilt alle Menschen in vier Kategorien ein, abhängig vom Unterstützungsbedarf. Kategorie vier bedeutet den höchsten Bedarf und die größte Pauschale. Doch der Alltag hält sich nicht an solche Raster. „Die Grenzen sind oft schwammig“, sagt Löffel. Manchmal brauche jemand aus Kategorie zwei plötzlich so viel Hilfe wie jemand aus Kategorie vier. Krisen folgen keinem Schema.
Trotzdem muss alles dokumentiert werden: Entwicklungen, Krisen, Rückfälle, Interventionen. Bürokratie frisst Zeit – Zeit, die den Menschen fehlt. „Es ist gut, dass es Qualitätskontrollen gibt“, sagt Löffel. „Aber je mehr Hürden, desto weniger kann der Mensch im Mittelpunkt stehen.“
Ein Alltag aus unscheinbaren Momenten
Typische Tage bestehen aus Gesprächen, gemeinsamen Mahlzeiten, Arztterminen, Therapien, Unterstützung im Haushalt oder bei der Tagesstruktur. Vieles wirkt banal: ein kurzer Austausch im Gang, das Begleiten zu einem Termin, ein Blick in den Kühlschrank. Doch genau darin liegt die eigentliche Arbeit: Aushalten. Sortieren. Wiederauffangen. Begleiten.
Und das auf allen Ebenen des VSP – vom niederschwelligen Arbeitsangebot über Integrationsanstellungen bis hin zu Wohnhäusern mit 24-Stunden-Präsenz. Ein Netz, das trägt, bevor jemand fällt.
Rückfälle gehören dazu, manchmal kommen sie plötzlich. Dann geht es darum, ruhig zu bleiben, Grenzen zu setzen und gleichzeitig Halt zu geben. „Wir begleiten im Rückfall, aber wir beruhigen auch“, sagt Berset. „Und wir zeigen: Du musst das nicht allein schaffen.“
Viele Menschen haben früher Druck, Vorwürfe oder Ausgrenzung erlebt. Hier erfahren sie erstmals, dass Rückschritte nicht sofort Konsequenzen bedeuten. Auch das Team muss viel aushalten. „Man braucht eine dicke Haut“, sagt Löffel. Sie setzt auf Nähe: „Sie kennen meine Kinder, wissen, dass ich gerne Kajak fahre.“ Distanz ist keine Option.
Begegnungen prägen die Arbeit – manche schmerzen, manche wärmen, viele bleiben. Besonders eindrücklich war eine Begegnung in Zürich: Ein ehemaliger Klient erkannte Löffel sofort – acht Jahre später. Heute ist er obdachlos. „Es macht mich traurig“, sagt sie. „Aber er ist ein erwachsener Mann, und wir können nur noch helfen, soweit er es zulässt.“
Solche Momente zeigen die Spannweite: zwischen Nähe und Distanz, Verantwortung und Grenzen, Hoffnung und Realität.
Stigmatisierung – und was oft übersehen wird
„Viele denken immer noch: Er könnte doch… Sie könnte doch…“, sagt Löffel. Diese Sätze verkennen, wie komplex psychische Erkrankungen und Suchtdynamiken sind. Berset beobachtet: „Die Menschen wünschen sich am meisten, verstanden zu werden. Nicht als Süchtige. Als Menschen.“
Der VSP ist kein Ort der Perfektion. Er ist ein Ort des Versuchs, des Begleitens, der unvollkommenen Lösungen. Ein Ort, an dem Menschen nach vielen Brüchen wieder Zutrauen fassen können – in sich selbst, in Stabilität, in ein mögliches Zuhause.
Hier wird niemand repariert.
Hier wird begleitet.
Und manchmal ist genau das der Unterschied, der ein Leben verändert.
Das Video ergänzt den Bericht um eine persönliche Perspektive. Anhand eines einzelnen Menschen wird sichtbar, was Sozialpsychiatrie jenseits von Diagnosen bedeutet: Alltag, Wohnraum und das Leben hinter der Erkrankung
Sucht ist ein zentrales Thema innerhalb der sozialpsychiatrischen Versorgung. Um diesen Aspekt gesondert zu bedeuten, habe ich mit Martin Fleckenstein, Psychologe der Suchtfallstelle Zürich, gesprochen.
„Konsum ist akzeptiert – Kontrollverlust nicht“
Ein Gespräch mit dem Psychologen Martin Fleckenstein von der Suchtfallstelle Zürich.
Interview von Kimberly Abou Khalil
Sucht ist in der Gesellschaft allgegenwärtig – und denoch stark stigmatisiert. Während Alkohol, Kokain oder Glücksspiele in vielen Kontexten toleriert oder sogar gefördert werden, gilt der Verlust der Kontrolle weiterhin als persönliches Versagen. Im Gespräch erklärt der Psychologe und Psychotherapeut Martin Fleckenstein, Co-Leiter der Suchtfachstelle Zürich, warum Sucht eine chronische Erkrankung ist, weshalb Scham eine zentrale Rolle spielt und was Betroffenen wirklich hilft.
Herr Fleckenstein, was ist die Suchtstelle Zürich und an wen richtet sich ihr Angebot?
Die Suchtstelle Zürich ist eine ambulante Beratungsstelle für suchtbetroffene Menschen und deren Angehörigen aus der Stadt Zürich sowie aus umliegenden Gemeinden. Neben Beratungen bieten wir seit 2022 auch Psychotherapie an, die über die Krankenkasse abgerechnet werden kann. Zudem arbeiten wir mit Kindern, Jugendlichen und Familien und sind im Bereich Prävention tätig – unter anderem in der betrieblichen Suchtprävention.
Mit welchen Formen von Sucht haben sie aktuell am häufigsten zu tun?
Wir beraten Menschen mit Substanz angebundenen Süchten, wie Alkohol oder Kokain, aber auch mit Verhaltenssüchte wie Glücksspiel. Heroinabhängige verweisen wir an spezialisierte Einrichtungen, da dort eine umfassendere medizinische Betreuung möglich ist.
Was passiert psychologisch bei einer Suchterkrankung?
Mit der Zeit entwickelt sich ein starkes, krankhaftes Verlangen nach der Substanz – unabhängig von ihrer tatsächlichen Wirkung. Die Betroffenen konsumieren weiter, obwohl sie wissen, dass es ihnen schadet. Dieser tägliche Kontrollverlust ist extrem Schambesetzt und führt oft in einen Teufelskreis: Die Scham wird wiederum durch Konsum betäubt. Sucht ist deshalb eine chronische Erkrankung, vergleichbar mit Diabetes – sie verschwindet nicht einfach, sondern bleibt ein lebenslanger Prozess.
Warum geraten manche Menschen in eine Sucht und andere nicht?
Das ist multifaktoriell. Es gibt genetische, psychologische und soziale Faktoren. Studien zeigen, das bist du 50 Prozent genetisch erklärbar sind. Auch frühe Konsumerfahrungen spielen eine Rolle: Wer beim ersten Glücksspiel zum Beispiel gewinnt, oder einen guten ersten Rausch hatte, hat ein deutlich höheres Risiko, süchtig zu werden.
Welche Rolle spielt die Gesellschaft dabei?
Unsere Gesellschaft fördert leistungssteigernden Konsum, sanktioniert aber den Kontrollverlust. In manchen Berufsgruppen ist Kokain Konsum normalisiert. Konsum gilt als akzeptabel – wer jedoch die Kontrolle verliert, wird stigmatisiert. Diese Stigmatisierung führt dazu, dass sich nur etwa acht bis zehn Prozent der Betroffenen Hilfe holen.
Warum ist Scham so zentral bei Sucht?
Viele Nicht-Betroffene unterschätzen, wie anstrengend Abstinenz für Süchtige ist. Während Gesunde Verzicht als etwas Leichtes erleben, ist Abstinenz für Betroffene eine enorme mentale Dauerleistung. Diese falsche Gleichheitserwartung erzeugt Scham – von außen und von innen. Und wer sich schämt, der spricht nicht darüber. Doch ohne Offenheit ist ein Ausstieg kaum möglich.
Was hilft Betroffenen langfristig?
Der wichtigste Schritt ist Transparenz: darüber zu sprechen, Hilfe anzunehmen. Dazu kommt Entschämung – also Stolz auf jeden abstinenten Tag. Stolz ist eine zentrale Ressource im Genesungsprozess. Außerdem braucht es Emotionsregulation, stabile Bindungen und Zugehörigkeit. Selbsthilfegruppen leisten hier enorm viel, weil sie genau das bieten: Anerkennung und Gemeinschaft.
Viel was wünschen Sie sich von der Gesellschaft im Umgang mit Sucht?
Ich wünsche mir mehr Anerkennung statt Stigmatisierung. Wenn jemand sagt: „ich gehe in den Entzug“, sollte das als Leistung angesehen werden. Diese Menschen verdienen Unterstützung – jedes Mal aufs Neue.

Kimberly Abou Khalil (2005) ist Studentin an der Westfälischen Hochschule in Deutschland und absolviert derzeit ein Auslandssemester an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in der Schweiz. Ihr Interesse gilt gesellschaftlich relevanten Themen an der Schnittstelle von Politik, Medien und Öffentlichkeit. Perspektivisch strebt sie eine journalistische Tätigkeit im internationalen Kontext an, insbesondere als Auslandskorrespondentin.