Ohne Freiwillige kein Applaus: Wie zwei Vereine im Aargau vom Ehrenamt getragen werden
Am letzten Novemberwochenende verwandelte sich der Festsaal der Sickinga-Halle in ein Grand Hotel. Rund 400 Zuschauende erlebten eine Turnshow inklusive Schnitzel Pommes, Spätzli und einer Konfetti-Überraschung. Das alles reibungslos über die Bühne ging, ist nur mit Helfenden aus dem Verein möglich.
Autorin: Jessie Kilian
Titelbild: Die Geräteriege verabschiedet sich nach ihrem Auftritt «ide Chochi». (Bildquelle: zVg, Oskar Klockar)
Es ist kurz vor 20.00 Uhr und der Festsaal in der Sickinga-Halle in Untersiggenthal ist fast voll. Rund 400 Zuschauende sitzen am Freitagabend im Festsaal und warten darauf, dass die Turnshow endlich beginnt. Der warme und in Holz gekleidete Saal ist mit goldenen Accessoires wie Bilderrähmen oder Flaschen auf den Tischen geschmückt, die bordeauxroten Vorhänge sind zugezogen. Noch werden die letzten Pommes und Spätzli-Portionen serviert.
Unter dem Motto «Grand Hotel» stehen heute insgesamt vierzehn verschiedene Riegen auf der Bühne. Kurz vor der Show macht das Kindeturnen (Kitu) hinter der Bühne bereit. Die vier bis sechsjährigen Mädchen und Buben warten aufgeregt auf ihren ersten Auftritt auf der Bühne in der «Wäscherei». Dann schlägt die Uhr pünktlich 20 Uhr, die Show beginnt.
Hinter der Bühne herrscht Hochbetrieb
Hinten im Saal steht die OK-Präsidentin Nadine Güttinger: «Momentan bin ich eigentlich entspannt. Alles läuft so wie es sollte und das macht mich sehr glücklich gerade.» Einzelne Gruppen arbeiten schon seit mehreren Wochen an ihrem Auftritt. Nadine Güttinger ist schon seit Januar an der Planung für die diesjährige Turnshow. Heute habe sie es aber eher gemütlich: «Auf der Bühne ist es gerade definitiv spannender als bei mir.»
Denn hinter dem Vorhang werden gerade Schaukelringe von der Decke gelassen, blaue dünne Matten stapeln sich aufeinander und man hört, wie die Barren der letzten Nummer weggerollt werden. Die Bühnenmannschaft ist mitten in der Arbeit. Hochkonzentriert, jedoch noch nicht ganz ohne Fehler, stellen sie die Geräte so auf, dass anschliessend das Geräteturnen sein Programm aufführen kann. Denis ist seit einigen Jahren Teil der Bühnen-Crew: «Heute ist die erste richtige Vorstellung und es läuft noch nicht ganz alles rund. Aber wir haben ja noch zwei Vorstellungen, um uns zu verbessern.» Beim Geräteturnen haben sie zum Beispiel die Matten zu weit über die Bühne platziert und kurz mussten sie improvisieren. Das gehöre bei einer Premiere aber ein wenig dazu, sagt Denis.
Kurze Verschnaufpause für die einen – Hektik für die anderen
In der Pause läuft der Service im Saal wieder auf Hochtouren. Rund fünfzehn Personen laufen durch die Halle, nehmen Bestellungen auf und servieren Getränke, Schnitzel mit Pommes oder Kaffee. Die Schlange vor dem Kuchenbuffet reicht mittlerweile bis zum Eingang. Auch die Zuschauerin Silvia steht gerade für ein Stück Schwarzwälder-Torte an der Kuchenvitrine. Ihre beide Enkel stehen heute auf der grossen Bühne. Die vierjährige Moana ist Teil des Kitu, das die Show eröffnet hat, ihr dreijähriger Enkel Samuel steht gemeinsam mit seiner Mama im Elki-Reigen auf der Bühne. «Ich bin so stolz auf die beiden, es ist so schön, Moana und Samuel zuzuschauen.» Die beiden seien vor der Show sehr nervös gewesen. «Aber sie haben es sehr toll gemacht und ich freue mich, sie nach der Show in den Arm zu nehmen.» Silvia selbst war vor Jahren auch im Turnverein engagiert und hat an Turnshows im Dorf teilgenommen. «Es ist schön, dass es heute immer noch eine Show gibt, wo sich so viele freiwillig engagieren und helfen.» Das sei heute nicht mehr selbstverständlich.
Auch die OK-Präsidentin Nadine Güttinger sieht die Turnshow nicht als selbstredend. «Es braucht so viele Helfende während der ganzen Show, sei es im Service, in der Küche, an der Kasse oder später an der Bar.» Der Verein investiere sehr viel in die Show. «In diesem Jahr war die Helferliste relativ schnell voll im Vergleich zu den letzten Jahren».
Auf der Bühne macht sich während der Pause die Damenriege für ihren Auftritt bereit. Mit einem Leintuch über dem Kopf verkörpern sie die Geister des 13. Stocks des Grand Hotels. Die dreizehn Frauen üben schon seit Ende September für die Turnshow. Melanie macht in diesem Jahr zum zehnten Mal an der Show mit, es ist ihr Jubiläum: «Ich bin schon ein wenig aufgeregt, aber ich mache es ja nicht zum ersten Mal. Sie schätzt, dass das Dorf zusammenkommt: «Es ist ein so wichtiger Anlass für Untersiggenthal und die Umgebung. Hier treffen sich die Menschen wieder.» Dann müssen sich die Turnerinnen der Damenriege konzentrieren. Das Licht im Saal ist wieder aus, die Show auf der Bühne kann weitergehen. Als die Geister über die Bühne flitzen geht ein kleines Lachen durch das Publikum.
Ehrenamtliche Arbeit findet nicht nur an grossen Anlässen im Dorf statt, sondern auch im wöchentlichen Vereinsalltag. Im folgenden Video spricht die Scharleiterin der Jubla Birmenstorf, Dorina, über ihre Aufgaben, Herausforderungen und darüber, was sie motiviert, sich neben dem Beruf freiwillig zu engagieren.
Konfettiregen als grosses Finale
Nach weiteren fünf Riegen gehört das feierliche Ende der Show den Aktiven des Geräteturnens. An der «Bar» zeigen sie am Sprung und am Boden Saltos und verzücken das Publikum mit einem lustigen Tänzchen. Hinter der Bühne schauen die OK-Mitglieder und die Bühnenmannschaft gespannt auf die letzte Nummer. Am Ende der Musik schnappen sich zwei Männer der Bühnen-Crew Konfettibomben und lassen es goldene und silberne Konfetti regnen. Der Applaus der Zuschauenden übertönt die überraschten Turnerinnen, die von dieser Aktion nichts gewusst haben. Der Moment zaubert auch Nadine Güttinger ein Lächeln ins Gesicht: «Der Spass darf bei einer solchen Show nicht zu kurz kommen». Ihr Fazit kurz nach Ende der Show ist nur positiv. Sie sei dankbar, dass die erste Show am Wochenende ohne Probleme oder Verletzungen über die Bühne gegangen ist. Unter Applaus schliesst sich langsam der weinrote Vorhang, das Licht in der Halle geht an. Es ist zwar das Ende der Show im Grand Hotel, doch die Feier an der Bar geht für den Verein und die Zuschauenden bis in die frühen Morgenstunden weiter.
So steht es wirklich um das sportliche Ehrenamt im Kanton Aargau
Ohne freiwillige Leiterinnen und Leiter läuft im Sport kaum etwas. Gleichzeitig hört man in vielen Vereinen immer häufiger, es werde schwieriger, Menschen für ein Ehrenamt zu gewinnen. Ein Blick auf die Zahlen im Kanton Aargau zeigt jedoch ein anderes Bild: Die Zahl der freiwilligen Leitenden ist in den letzten zehn Jahren gestiegen. Wie lässt sich dieser Widerspruch erklären?
Vom Turnverein über den Fussballclub bis hin zu Jugendorganisationen wie der Jubla stützt sich der Sport im Kanton Aargau auf ehrenamtliches Engagement. Eine Statistik vom Bundesamt für Sport (BASPO) zeigt seit 2014 eine nahezu durchgehend positive Entwicklung. 2025 engagieren sich im Kanton Aargau so viele freiwillige Leitende wie noch nie zuvor in den vergangenen zehn Jahren.
Einzig in den Jahren 2020 und 2021 ist ein Rückgang zu erkennen. Für Tobias Furer, Leiter Jugend+Sport im Kanton Aargau, ist das wenig überraschend. «Dieser Rückgang steht in direktem Zusammenhang mit der Corona-Pandemie», erklärt er. Trainings, Lager und Kurse fielen aus, viele Strukturen wurden vorübergehend unterbrochen. Mit der Rückkehr zum regulären Vereinsbetrieb erholten sich die Zahlen jedoch schnell wieder.
Wachstum mit Einschränkungen
Die steigenden Zahlen bedeuten jedoch nicht automatisch, dass das Ehrenamt für die Vereine einfacher geworden ist. Einer der Gründe für den Anstieg ist das Bevölkerungswachstum im Kanton Aargau. Wo mehr Menschen leben, gibt es auch mehr potenzielle Leitende. Gleichzeitig wurden die Rahmenbedingungen im Jugend+Sport-Programm angepasst, so Tobias Furer. Weiterbildungspflichten und Wiedereinstiege wurden vereinfacht, was den Zugang zum Ehrenamt erleichtert.
Diese strukturellen Anpassungen senken zwar die Hürden, sagen aber wenig über die tatsächliche Belastung der Freiwilligen aus. In vielen Vereinen hat sich der Aufwand in den letzten Jahren erhöht. Ehrenamtliche übernehmen heute oft mehr Verantwortung, koordinieren Teams, organisieren Anlässe oder erledigen administrative Aufgaben – häufig neben Beruf, Ausbildung oder Familie.

Fördern, aber nicht überfordern
Um dem entgegenzuwirken, setzt der Kanton Aargau auf verschiedene Fördermassnahmen. Mit dem Projekt «1418coach» werden Jugendliche früh an Leitungsaufgaben herangeführt. Zudem gibt es neue, ehrenamtstaugliche Kursformate, etwa spezielle J+S-Grundausbildungen für Frauen im Fussball. Auch die Förderung von Frauen in Kader- und Ausbildungsfunktionen sowie die Unterstützung von Verbänden und Vorständen gehören dazu.
Diese Massnahmen erleichtern den Einstieg ins Ehrenamt. Die langfristige Bindung von Freiwilligen bleibt jedoch eine Herausforderung. Gerade in kleinen Vereinen ist das Engagement oft auf wenige Schultern verteilt, was zu Überlastung führen kann.
Warum sich der Mangel trotzdem hartnäckig anfühlt
Dass in Vereinen dennoch häufig von einem Mangel an Freiwilligen gesprochen wird, hat mehrere Gründe. Tobias Furer sieht einen zentralen Punkt in der Ansprache: «Viele Personen, die bereit wären, sich ehrenamtlich zu engagieren, werden gar nicht erst gefragt.» Engagement entstehe selten von selbst, sondern brauche persönliche Kontakte und gezielte Anfrage.
Zudem müssten die Zahlen ins Verhältnis zur Wohnbevölkerung gesetzt werden. Die Anzahl freiwilliger Leitender wächst, gleichzeitig wachsen aber auch die Erwartungen an Vereine und Angebote. Für viele Ehrenamtliche bedeutet das mehr Zeitaufwand bei gleichbleibenden Ressourcen.
Die Zahlen zur Entwicklung des Ehrenamts geben einen Überblick, ersetzen aber nicht den Blick in die Vereine. Dort zeigt sich, wie viel Organisation, Koordination und Verlässlichkeit hinter dem freiwilligen Engagement steckt – unabhängig davon, ob die Statistik steigt oder sinkt.
Jessie Kilian ist Studentin an der ZHAW im Bachelor Kommunikation. Bei einem Praktikum beim Blick lernte sie ihre Leidenschaft für den Videojournalismus kennen und interessiert sich sehr für Sport-Themen.




