Queen schlägt King: Warum Zürichs Drag-Szene zu wenig Kings hat
Die Welt der extravaganten Dragqueens ist weit bekannt. Bis spät in die Nacht unterhalten sie Partygäste in den Klubs von Zürich. Dabei bleiben ihre maskulinen Pendants – die Dragkings – im Schatten. Eine Gruppe, die um ihren Platz in der Szene kämpft.
Autor: Levin Geser
Titelbild: Das Heart Throb Mob Kollektiv rückt die Zürcher Dragkings ins Licht. (Foto: Margaux Corda / zVg: Tallboy)
Tom Neuwirth, besser bekannt als Conchita Wurst, gewann 2014 den Eurovision Song Contest als die «bärtige Frau aus Österreich» – und erhielt so weltweit Aufmerksamkeit. Die Amerikanerin RuPaul bezeichnet sich als die «Queen of Drag» – was sie mit ihrer Reality-TV-Serie «RuPaul’s Drag Race» schon seit 18 Jahren demonstriert. Sie sind Dragqueens, die einem breiten Publikum bekannt sind. Doch hinter den bunten Perücken der anerkannten Queens versteckt sich eine weitere Community, die kaum Aufmerksamkeit erhält: die Dragkings.
Wie aus Jules der Dragking Tallboy wird
Rund zwei Stunden braucht Jules, um sich den Bart aufzumalen und sich in den Charakter Tallboy zu verwandeln. Dabei spricht der Dragking über die Entstehung des Alter Egos und darüber, was das Publikum an einer Tallboy-Show erwartet.
Video: Levin Geser
Dragking? Noch nie gehört!
Ein Dragking ist eine Person, die auf der Bühne mit Maskulinität und deren Eigenheiten spielt. Bei Dragkings und -queens geht es darum, sich mit Geschlechtern auseinanderzusetzen – durch die eigene künstlerische Linse. King Kobrrrah, ein Dragking aus Zürich, sagt dazu: «Ich frage mich beim Prozess: Wie läuft ein Mann? Wie steht ein Mann? Was sagt er aus?» Für ihn ist sein Drag ein Ventil, um innere Fragen, Meinungen und Interessen auszudrücken.
Laut Kobrrrah handelt es sich bei Drag aber nicht um eine Kunstform, die in Dragqueens und Dragkings unterteilt werden muss. Drag sei vielmehr eine Kunstform, die den eigenen Körper als Leinwand nutzt. Die Künstler:innen zeigen damit, was sie beschäftigt und interessiert – und das unabhängig vom eigenen Geschlecht.

Geschlechterrollen als Hindernis
Die Anzahl der Auftritte zeigt, dass Zürich die grösste Drag-Szene der Schweiz besitzt. Trotzdem wird online sichtbar, dass Dragqueens mehr Auftritte als Dragkings haben. Ein Grund dafür ist die geringe Anzahl von Kings im Vergleich zu den Queens.
Tallboy, ein weiterer Dragking aus Zürich, und King Kobrrrah sehen die gesellschaftliche Prägung als zentrale Rolle dafür, warum weniger Menschen als Dragkings auf die Bühne treten. Das binäre Verständnis der klassischen Geschlechterrollen Mann und Frau präge alle – selbst innerhalb der queeren Community. «Wir wachsen mit diesen Normen auf, und es fällt schwer, sie loszulassen», sagt Tallboy.

(Foto: Margaux Corda / zVg: Tallboy)

(Foto: Michael Schmid / zVg: King Kobrrrah)
Er verweist darauf, dass Männer laut Bundesamt für Statistik (2024) im Durchschnitt 19% mehr verdienen als Frauen. Ausserdem zeigt eine Studie der Universität Zürich aus dem Jahr 2021, dass Männer in den Medien deutlich stärker vertreten sind als Frauen. Diese gesellschaftlichen Strukturen spiegeln sich auch innerhalb der LGBTQIA+-Community wider: Dragkings, unter denen häufig Frauen stecken, werden überdeckt von den Queens, die oft von Männern gespielt werden.
Tallboy kritisiert auf der Bühne genau diese Strukturen mit Auftritten, die einen politischen Charakter haben. Auch laut King Kobrrrah ist die Diskrepanz zwischen Queens und Kings eine Reproduktion der Strukturen, die wir bereits kennen. Für ihn ist Drag daher immer politisch, da er sich mit seiner Kunst automatisch gegen diese Strukturen stellt.
«Drag ist immer politisch» – Tallboy und King Kobrrrah im Gespräch
Dragkings Tallboy und King Kobrrrah erzählen im Interview, warum ausgerechnet die Kings in der Drag-Szene noch immer im Schatten der Dragqueens stehen. Sie beschreiben, wie ihre Auftritte Männlichkeitsbilder auf den Kopf stellen, weshalb Drag untrennbar von Politik ist und wie ihre Kunst zum Nachdenken anregen kann.
Audio: Levin Geser
Der Heart Throb Mob

Doch die beiden Dragkings stellen Wachstum fest. Tallboy und King Kobrrrah sind Teil des Kollektivs «Heart Throb Mob» – eine sechsköpfige Gruppe, bestehend aus Kings und Quings.
Als Kollektiv organisieren sie regelmässig Workshops, bei denen alle Personen willkommen sind, sich einen Bart aufzumalen oder eine Perücke aufzusetzen. Dabei geht es ihnen darum, der Kunstform eine Plattform zu bieten und Leute sich selbst entdecken zu lassen. Tallboy meint:
«Das Funkeln in den Augen, wenn sich die Leute erstmals
so im Spiegel sehen, ist sehr berührend.»
Auch international kämpfen die Kings um ihren Platz in der Unterhaltungsindustrie. Im Juni dieses Jahres erschien die Serie «King of Drag», welche die Dragkings lange antizipierten. Mit dieser Serie ist erstmals ein TV-Format entstanden, das ausschliesslich Dragkings ins Zentrum stellt. Die Teilnehmenden treten in verschiedenen handwerklichen und performativen Disziplinen gegeneinander an; pro Folge scheidet eine Person aus, bis der «King of Drag» übrigbleibt.

Wer bekommt die Bühne?
Obwohl die Community wächst, finden sich auf den Webseiten von Event-Organisatoren kaum Auftritte von Dragkings. Ein Beispiel dafür ist das Heaven – der bekannteste Gay-Klub in Zürich.
Jährlich veranstaltet der Klub den eigenen Wettbewerb «Heaven Drag Race» und kürt dabei die «Miss Heaven». Erst in der zehnten Ausgabe war erstmals eine Person im Cast, die sich als Drag-Artist und nicht als Dragqueen versteht. Gewonnen hat er nicht.

Auf der Webseite des Klubs finden sich weiterhin kaum Auftritte von Dragkings. Laut dem Event-Planer des Heavens traten im November zwei Künstler:innen auf, die keine Dragqueens sind. Auf die Frage, wie viele Queens im gleichen Zeitraum gebucht waren, wurde nicht geantwortet.
Ein Kodex für mehr Inklusion
Cat Lechat, Organisatorin des Comedy-Events «Konfetti Klatsch», meint, dass Dragkings sich oft in ihren eigenen Kreisen bewegen. Das erschwere den Veranstalter:innen, mit ihnen in Kontakt zu treten. «Es braucht einen King, der aktiv auf die Klubs zugeht», sagt sie. Gleichzeitig sagt sie, dass es marginalisierte Künstler:innen schwerer hätten den Raum einzunehmen, der ihnen zusteht. Vor Kurzem wusste Lechat selbst kaum, was Dragkings sind – inzwischen bemüht sie sich, sie regelmässig zu buchen.
Lechat wünscht sich einen Kodex für Event-Organisator:innen, um eine Inklusion von Dragkings vorauszusetzen. Sie bestätigt, dass die Kings oft vergessen gehen. So fordert sie mehr Mut von den Kings aus sich herauszukommen – wie auch von den Personen, die sie buchen können.

auf der Bühne.
(Foto: Larissa Furrer / zVg: Cat Lechat)
Genau diesen Mut zeigen Tallboy und King Kobrrrah bereits auf den Bühnen Zürichs. Mit ihrer Kreativität und Leidenschaft können sie genauso zu internationalen Ikonen werden, wie RuPaul oder Conchita Wurst es für die Queens getan haben – nur, dass diesmal die Kings im Rampenlicht stehen würden.

Levin Geser studiert Kommunikation und Medien mit Schwerpunkt Journalismus an der ZHAW. Er arbeitet am liebsten mit Audioformaten, schreibt aber genauso gerne Texte. Sein journalistisches Interesse gilt Kultur- und Gesellschaftsthemen sowie Geschichten von Menschen, die nur selten eine Stimme erhalten. Erfahrung sammelte er im Rahmen seines Studiums, bei Radio Stadtfilter sowie als freischaffender Journalist. Neben seiner journalistischen Arbeit beschäftigt er sich mit Fotografie.