Kunst erklärt die Welt – aber nuschelt ein wenig
So vielfältig wie die Landschaft – so divers ist auch der Kunstraum Schweiz. Ateliers, Museen, nationale Kunstpreise und lokale Förderinstrumente sollen ein freies Kunst- und Kulturschaffen für die Kunst und Kulturschaffenden der Schweiz ermöglichen. Das Kunstsystem funktioniert als ansehnlicher Kanal für Gesellschaftskritik und dem öffentlichen Verarbeiten politischer Diskurse. Doch wer ihr diese grosse Bedeutung zuspricht und was sie denn zu bedeuten hat, will erst einmal verstanden werden.
Autor: Björn Sirius Leemann (leemabjo@students.zhaw.ch)
Titelbild: Im Park der Villa Bleuler wird Kunst erforscht, dokumentiert und vermittelt. Das Schweizerische Institut für Kunstwissenschaft (SIK) beschäftigt sich mit dem Schweizerischen Kunstbetrieb vom Mittelalter bis Heute. Bildquelle: Björn Sirius Leemann (leemabjo@students.zhaw.ch)
Sie spricht, aber was sagt sie denn?
Der moderne Kunstbetrieb beschränkt sich bei weitem nicht auf die Produktion von ästhetischen Gegenständen, glorifizierenden Gemälden und rein unterhaltenden Darbietungen. Vielmehr bietet Kunst eine alternative Plattform zum Ausdruck politischer Ansichten, zeigt soziale Missstände auf und macht Gesellschaftskritik anschaulich – destruktive Konstruktion also, oder doch eher konstruktive Destruktion?
Im Falle einer gezielt politischen Kunst wäre dies das Zerstören von diskriminierenden, Demokratie schädlichen Tendenzen, verbreitet auf kreativen Kanälen. Möglicherweise sind das ähnliche Prozesse, die Pablo Picasso beschrieb, als er erklärte wie jeder Akt der Schöpfung auch einen Akt der Zerstörung mit sich bringt.
Früher war Kunst ausschliesslich den Adligen und ausserodentlich Reichen zugänglich. Wer es sich leisten konnte, liess sich portraitieren oder ein Gemälde seines Gehöfts anfertigen. Hier und Heute sind Materialien und Gegenstände oft zugänglicher, weshalb Kunstschaffende gerne die malerische Szenerie verlassen und ihren Blick auch auf gesellschaftliche Landschaften richten. Was sie hinter diesen metaphorischen Bergen und Tälern erkennen und was sie daraus Erschaffen ist meist angenehm anzusehen, die implizierte Bedeutung jedoch selten von vornherein verständlich. Diese scheinbar so wichtige gesellschaftliche Nachricht ist meist prägnant, insinuierend, aber selten intuitiv erkennbar.
«…dass ein Künstler, der mit geistigen Werten lebt und umgeht, angesichts eines Konflikts, in dem die höchsten Werte der Humanität und Zivilisation auf dem Spiel stehen, sich nicht gleichgültig verhalten kann.»
Pablo picasso, guernica, 1937
Von Förderern und Geforderten
Diese Ambiguität in der Deutung von Kunst verlangt eine systematische Aufarbeitung. Das Schweizerische Institut für Kunstwissenschaft (SIK-ISEA) übernimmt diese Funktion für den Kunstbetrieb in der Schweiz. Im Bereich der bildenden Künste stellen sie das „führende kunsthistorische und kunsttechnologische Kompetenzzentrum der Schweiz“ dar. Neben der Forschung und Dokumentation von und zu Kunstwerken, legen sie viel Wert auf die Vermittlung von Kunst und allem was dahinter steckt. Bei den (kostenfreien) Villa Bleuler Gesprächen werden austellende Kunstschaffende eingeladen, um ihre Werke vorzustellen, zu kontextualisieren und dem interessierten Publikum zu „diskutieren“. Es geht hierbei nicht um eine einfache Präsentation, sondern um einen gezielten Dialog zwischen den Akteuren des nationalen Kunstbetriebs. Als Kunsthistorikerin am SIK sitzt Monika Brunner somit an dem Ort, wo die künstlerischen Fäden früher oder später zusammenfliessen. Eine Besonderheit des Schweizer Kunstbetrieb ist für sie das Angebot an Fördermittel für junge Kunstschaffende. „Die Art und Wiese wie in der Schweiz Kunstschaffen mit finanziellen Mitteln und speziell auch Sichtbarkeit gefördert wird, ist einzigartig“ sagt Brunner.
So hat beispielsweise die Kulturstiftung ProHelvetia direkt vom Bund den Auftrag «zeitgenössisches, professionelles Kunst- und Kulturschaffen von gesamtschweizerischem Interesse» zu fördern. Eines deren Instrumente ist die jährliche Vergabe des Helvetia Kunstpreis. Dieser ist mit einem Preisgeld von 15’000 CHF dotiert, sowie der Möglichkeit einer Soloausstellung. Die beiden zuletzt gekürten Gewinnerinnen taten dies mit Kunstwerken, die jeweils gesellschaftlich aktuelle und durchaus kritische Diskurse anstiessen.
2024, Virgine Sistek: «Resurrection Ranch»
2025, Kelechi Amaka Madumere: «Down the rabbit hole, how to invest in a world that is not yours?»
«Kunst ist mächtig, und wir alle haben das vergessen, weil wir nur noch dekorative Arbeiten geschaffen haben, um Geld für den Kapitalismus zu verdienen.»
Andrea Bowers, ART-Kunstmagazin, 2025
Auch mit Fördermitteln, Plattformen und Zugang zu Ressourcen bleibt der Kunstbetrieb ein dialektisches Schaffen. Viele wollen mit kreativen Werken erfolgreich werden, doch für alle gleichzeitig, wird das nicht möglich sein. Ähnlich kompetitiv wie die Produktion von Kunst ist auch die Art und Weise wie sie rezipiert wird.
Gesellschaftskritik für alle
«Kunst hat vielmals einen elitären Anspruch», dieses Urteil fällt Noah Erni. In eigener Aussage kein Künstler, sondern Filmemacher aus Zürich. Was er anspricht, sind Prozesse sich gegenseitigen Überbietens in der Kunstszene. Immer skurriler, immer abgefahrener und ausserordentlicher sollen die Kunstwerke bitte sein. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass sich der Jargon differenziert und man einen Mehraufwand betreiben muss, um über die aktuellen Prozesse im Kunstsystem auch «bescheid» zu wissen. Wer diesen Mehraufwand nicht betreibt, kann bald nicht mehr mitreden. Aufspaltende Tendenzen und inegalitäre Praktiken möchte Erni selbst nicht fördern. Deshalb soll sein künstlerisches Produkt so allgemein verständlich wie möglich sein.
In seinen Animationsfilmen nimmt er explizit Bezug auf gesellschaftliche Themen. So handeln seine bisherigen Publikationen von exzessiven Fleischkonsum, der Klimakrise und den Grenzen des Kapitalismus. Animationsfilme seien für Viele immer noch als Unterhaltungsmedium für Kinder abgestempelt, meint Erni. Mit eben dieser Wahrnehmung vermag er es zu spielen. Denn genau in diesem vereinfachenden Aspekt, nämlich um komplexe Themen mit dynamischen Ursachen allgemein verständlich darzustellen, habe der Animationsfilm seine Stärken.
«… warum sich der Kunstbetrieb sich als progressiv und inklusiv versteht, obwohl er durch und durch eine inegalitär-exklusive Institution ist, die sich der Manufaktur genau jener Statussymbole verschrieben hat, die bestehende soziale Ungerechtigkeiten weiter zementieren.»
Hanno Sauer, Die Entstehung von Oben und Unten, 2025
Manches muss man sich selbst erklären
Kunst muss nicht eindeutig sein, um wirksam zu sein. Ihre Komplexität und die versteckten Bedeutungen, also eben dieses gelegentliche „Nuscheln“, schaffen jene Räume, in denen Dialog, ehrlicher Austausch und kritische Auseinandersetzung erst möglich werden.
An diesen gesellschaftlichen Gesprächen sollen idealerweise Alle teilhaben, daher gibt es im gross gefassten System Kunst für jede aufspaltende Tendenz, auch eine Verallgemeinernde. Irritierend, provozierend und vielleicht auch mal frustrierend, in all ihren Formen fordert Kunst zur Nachfrage der eigenen Werte auf und bietet Raum für Diskussion – auch mal der Diskussion mit sich selbst.
Interview mit einem satirischen Filmemacher
Nach seinem Soziologie Studium hatte er die Werkzeuge zum strukturierten Verarbeiten gesellschaftlicher Prozesse in der Hand. Jedoch sah sich Noah Erni noch nicht vollends ausgestattet, wenn es darum ging diese komplexen, wissenschaftlichen Ergebnisse zu kommunizieren. Da hängte er nach dem Bachelor kurzerhand noch ein zweites Studium an, welches sein Repertoire um einen diskursfähigen Kanal ergänzte – den Animationsfilm.
Wie kam es, dass du nach dem wissenschaftlichen Bachelor den Weg in die Künste eingeschlagen hast?
Im Studium habe ich dann die wissenschaftliche Herangehensweise in Bezug auf gesellschaftliche Prozesse gelernt. Man hat eine Annahme, führt eine Studie durch, erhebt Daten und später präsentiert man seine Ergebnisse so, dass sich die Befunde anhand dieser bestätigen lassen. So muss man mit seinen Behauptungen immer sehr vorsichtig sein, was ich gegen Ende des Studiums als frustrierend empfand. Deshalb habe ich mich auf die Suche gemacht nach einer anderen Möglichkeit, um öffentliche Diskurse anzustossen und gesellschaftliche Themen aufzugreifen, was ich schlussendlich im Animationsfilm auch gefunden habe.
Woher nimmst du die Themen für deine Kurzfilme?
Grundsätzlich sind es die Themen, die mich persönlich interessieren beziehungsweise gesellschaftliche Diskurse, die mich auch direkt betreffen. So habe ich bereits aufwendige Produktionen zum Thema Veganismus, zur Klimakrise und dem sozialen Leben gemacht. Alles aus einer doch sehr subjektiven Wahrnehmung und unter der Vorausnahme, dass auch ich keine moralisch vollendete Persönlichkeit bin. Solche Freiheiten hatte ich in einem wissenschaftlichen Umfeld nicht.
Was sind die Stärken deiner Kunstform im öffentlichen Diskurs?
Filme vermögen es sehr gut Emotionen auszulösen. Man kann Sachverhalte überspitzt darstellen und eine gewisse Provokation erwirken, oder auch das Leiden von Leuten abbilden und so sehr komplexe Umstände nachvollziehbar darstellen. Das sind Mittel und Wege welche Bilder besser gehen können als andere Darstellungsformen. Auch kann es einer Diskussion manchmal helfen, wenn gewisse Positionen so überspitzt erscheinen, dass man fast schon angewidert reagiert – sowas regt durchaus zum Denken an.
Was sind die Schwächen?
Die Produktion dauert sehr lang. Ich habe schonmal wen sagen hören: «Animationsfilm ist eine superlangsame Art und Weise, Witze zu erzählen», diese Aussage kann ich nur bestätigen. An einem durchschnittlichen Arbeitstag schaffe ich circa um die fünf Sekunden Film. Aktualität ist also kein Anspruch, den ich an meine Animationsfilme stellen kann. Eher hoffe ich die gewisse Standpunkte längerfristig zu vertiefen und so konstruktiv zu bleiben.
Muss denn Kunst immer verständlich sein?
Eher nicht. Gerade bei neuerer, kontemporärer Kunst bin ich auch oft überfordert. Beim Museumsbesuch kann ich nicht immer nachvollziehen, ob das jetzt Kunst ist, obwohl offensichtlich jemand bereits entschieden hat, dass es das wohl sein wird. Aus meiner persönlichen Bubble heraus würde ich sagen, dass es im gehobenen Kunstbetrieb bezüglich Verständnis eines Werks eine höhere Hürde zu nehmen gibt, als es dies bei Filmen der Fall ist. Ich meine, das Pissoir von Duchamp oder ein schwarzes Quadrat auf weissem Grund haben ohne tiefgründiges Verständnis des breiteren Kontext wenig von – na ja, Kunst halt.
Was macht Kunst schön?
Wäre langweilig, wenn ich jetzt diese eine Antwort auf diese Frage liefern könnte. Aber wenn ich so in mich hinein höre und mir vorstelle ein Kunstwerk das erste Mal zu sehen, dann möchte ich, dass dieses in mir etwas Unbestimmtes auslöst. Damit meine ich eben nicht einen oberflächlichen ästhetischen Reiz, oder einen abgeschlossenen Gedanken, der bei mir ankommt. Vielmehr wünsche ich mir von Kunst eine gewisse Undeutbarkeit, welche ich für einen Moment mit mir trage und aus diesem Gefühl meine eigenen Schlüsse ziehen kann. Dieses Gefühl finde ich schön.
Noah Erni
Filmemacher
Als Gründer und Inhaber des Animationsstudio „uuuh!“ konzipiert und gestaltet er anhand realer Themen kreative Kurzfilme.




Sehen, hören und fühlen – Geschichten sind überall.
Mein Ziel ist es diese zu erfahren und weiterzugeben.
Vielerorts und aus verschiedenen Zeiten, gerne bilde ich mich weiter.