Wie Sprache verbindet: Deutsch lernen in Winterthur
Hier, in einem Klassenzimmer des Solinetzes Winterthur, ringen elf Menschen um Wörter, die ihre Zukunft tragen sollen. Und während draussen über Integration debattiert wird, zeigt dieser Raum, wie sie wirklich entsteht: Satz für Satz.
Autorin: Virginia Naselli
Titelbild: Die Teilnehmenden treffen sich jeden Nachmittag von viertel vor zwei bis viertel vor fünf in Winterthur. Bildquelle: Virginia Naselli
«Wo sind die anderen?», fragt Kursleiter Markus Egli, leicht genervt. «Ich will nicht alle vor dem Kurs zusammensuchen müssen!» Es ist Donnerstag und das Dezemberlicht hellt das Klassenzimmer im Unteren Graben 1 in Winterthur nur wenig auf. In den Räumen des Solinetzes beginnt gleich der Deutschkurs der B2-Gruppe. Auf den Tischen bauen die Teilnehmer:innen gleich weisse Plastikschutzwände auf, damit sie sich beim Wortschatztest nicht abschauen können.
Normalerweise wären elf Menschen im Raum, doch heute fehlen mehrere. «So ist das manchmal», sagt Markus später. Arbeitsschichten, familiäre Zwischenfälle, Verpflichtungen, die sich nicht nach Unterrichtszeiten richten. Während die Anwesenden ihre Stifte sortieren und auf den Wortschatztest warten, sammelt Markus die Hausaufgaben ein. Nicht alle haben sie gemacht. Eine Schwere legt sich über die Gruppe. Markus richtet sich auf, seine Stimme fest. «Das geht so nicht. Ich weiss, es ist bald Ende des Jahres. Doch ihr müsst euch weiter anstrengen. Das bin ich von euch gar nicht gewohnt.»
Migration prägt die Schweiz seit Jahrzehnten, nüchtern in Statistiken, oft hitzig in politischen Debatten. 2024 kamen rund 20’000 Flüchtlinge neu ins Land, vermeldet das Staatssekretariat für Migration. Kaum ein Thema polarisiert so stark, besonders im konservativen Lager. Im Juni 2026 wird die Bevölkerung voraussichtlich über die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» abstimmen. Gleichzeitig hält das Eidgenössische Finanzdepartement fest, dass Zuwanderung für Wohlstand und wirtschaftliche Stabilität zentral bleibt.
Zwischen diesen widersprüchlichen Narrativen sitzen bei Solinetz Menschen, die einfach lernen wollen. Hier machen sie ihre ersten Schritte in einer neuen Sprache – und damit vielleicht auch in einer Zukunft, die sie in der Schweiz weiterführen möchten.
Was ist Solinetz Winterthur?
Solinetz Winterthur ist ein gemeinnütziger Verein, der sich für die Würde und Rechte von Menschen einsetzt, die aus politischer oder existenzieller Not in der Schweiz Zuflucht suchen. Seit Dezember 2021 ist Solinetz Winterthur ein eigenständiger Verein. Er führt Deutschintensivkurse für sozial benachteiligte Menschen mit Migrations- oder Fluchterfahrung durch.
2024 bot Solinetz in den Frühlings- und Herbstsemestern 27 Kurse für 314 Teilnehmende an. Pro Semester engagierten sich rund 110 Freiwillige. Finanziert wird der Verein durch Beiträge der Stadt Winterthur, umliegender Gemeinden, Spenden, Stiftungen und Mitglieder.
Helfende Hände
Während die B2-Klasse im Klassenzimmer den Test schreibt, korrigiert die Kursassistentin im Nebenraum die Hausaufgaben. Sie unterstützt Markus durch eben solche Aufgaben und dient auch als Anlaufstelle. Später sagt sie: «Ich finde es schön, dass hier Menschen aus so unterschiedlichen Hintergründen zusammen lernen. Draussen würden sie vielleicht nie miteinander sprechen. Aber hier spielt Herkunft keine Rolle.» Während ihr Bleistift über das Papier fährt, lacht sie kurz über eine charmante, aber falsche Formulierung. «Im Alltag wäre es richtig», sagt sie, «bei der Prüfung wird aber streng benotet.»
Nach der Korrektur geht es weiter mit einem anspruchsvollen Lückentext. Das gesuchte Wort: «Druckstelle». Markus schaut in die Runde, wartet gespannt auf eine Reaktion. Fragende Gesichter. Also greift er zu einem Gegenstand, den alle kennen, einen Apfel. «Ich esse jeden Tag einen Apfel. Wenn er runterfällt, sieht man anfangs nichts. Am nächsten Tag hat er eine Druckstelle.» Einige lächeln, andere nicken langsam. Das Wort sitzt. Doch es ist nicht das einzige: «Mostkiste», Markus schüttelt leicht den Kopf. «Seltsames Wort.» Ein Schüler liest den Satz mehrmals, tastet sich Silbe für Silbe voran, bis er ihn sauber zu Ende bringt.
Lesen bleibt für viele die grösste Hürde. Nach einem Punkt die Stimme senken, Pausen hörbar machen, Regeln, die sich erst setzen müssen. «Die dreite Zeile», sagt Soran. Markus schmunzelt. «Dritte.» Ein leiser Moment des Humors, der Spannung löst. Am Ende des Textes entsteht eine Stille, die zeigt, wie anspruchsvoll die Aufgabe war. «Ich musste selbst kurz überlegen», sagt Markus. Ein Satz, der die Gruppe vielleicht beruhigt. Sie sind nicht allein.
Seit 2019 ist Markus Egli Kursleiter bei Solinetz. Zudem ist er Vizepräsident, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit und die Betreuung von abgewiesenen Asylsuchenden. Zweimal pro Woche steht er hier bei Solinetz vor der Klasse, zwischen Lehrbüchern, Arbeitsblättern, und Menschen, die Deutsch als Zukunft verstehen. Im Interview erzählt er, warum die deutsche Sprache essenziell für Menschen in der Schweiz ist.
«Wir müssen das wissen!»
Dann: Pause. Eine Viertelstunde Luft holen. Doch Alejandro ist schon fünf Minuten früher zurück im Raum. Er setzt sich und wartet. «Es ist nicht leicht, mich mit den anderen zu unterhalten, wenn sie in ihrer Muttersprache reden», sagt er, als Markus ihm sagt, dass die anderen erst in fünf Minuten kommen. Die meisten sprechen Türkisch, andere Ukrainisch, Arabisch oder Spanisch. «Dann kann ich nicht mit ihnen kommunizieren.» Markus nimmt den Gedanken auf und bittet die ganze Klasse, auch in den Pausen Deutsch zu sprechen. «Der Lerneffekt wäre riesig, würdet ihr die Chance nutzen.»
Nach der Pause geht es weiter mit den Hausaufgaben vom letzten Mal. Wieder wird erinnert, die Aufgaben sorgfältig zu lesen. Dann hebt Rebaz die Hand: «Was ist der Unterschied zwischen Studiengang und Studienfach?» Markus erklärt es am Beispiel eines Studiums an der ZHAW. Kurz wirkt es, als sei die Frage erledigt.
Der Unterricht geht weiter, ein neuer Text beginnt, diesmal über digitale Lehre an Universitäten. Der Raum verändert sich: Köpfe über Hefte gebeugt, Stifte, die mitschreiben, leises Blättern. Alles läuft analog: Papier, Kugelschreiber, Karteikarten. Zwischendurch gibt es ein leises Kichern, ein Missverständnis sorgt für Gelächter. Auch das gehört hier dazu.
Gegen Ende hebt Rebaz nochmals die Hand. «Ich habe immer noch nicht verstanden, was der Unterschied zwischen Studiengang und Studienfach ist. Kannst du das nochmals erklären?». Markus fragt die Kursassistentin um Hilfe. Die Antwort ist nicht simpel und Rebaz will sie wirklich verstehen. Ein anderer Schüler springt ein, erklärt es mit einem Bild: «Der Studiengang ist wie die Mutter, und das Studienfach ist wie ein Kind.» Rebaz nickt, fast zufrieden. «Es ist wichtig, dass wir Wörter richtig verstehen. Es reicht nicht, einfach «Ja, Ja» zu sagen. Ich will wissen, was das Wort bedeutet. Wir müssen das wissen!»
Als die Stunde endet, rücken Stühle über den Boden. Papier wird zusammengelegt, Jacken übergezogen. Einer nach dem anderen verabschiedet sich, ein Dankeschön hier, ein kurzes Lächeln dort. Der Raum leert sich langsam, während draussen bereits die Nacht angebrochen ist. Es ist viertel vor fünf.
«Chuchichästli!»

Zwischen Schulstunden, Zugfahrten und langen Nachmittagen im Klassenzimmer, kämpfen die Teilnehmenden von Solinetz um Sprache und Zukunft. Einer von ihnen: Aman.
Im Kopierraum des Solinetzes in Winterthur hört man Stimmen aus dem Pausenraum, während der Drucker leise summt. Aman sitzt am Tisch, aufrecht, mit erwartungsvollem Blick, bevor er spricht. «Die Schweiz ist nicht mein Geburtsland. Aber es ist meine zweite Heimat. Ich habe sie ausgewählt. Ich muss hier für meine Zukunft etwas richtig machen», sagt er.
Vor drei Jahren kam Aman aus Afghanistan hierher. Sein Alltag ist streng getaktet. Morgens besucht er die Benedict-Schule, von halb acht bis zwölf Uhr. Danach fährt er mit dem Zug zurück nach Winterthur, wo er Zeit für eine Mittagspause hat, bis um viertel vor zwei der Deutschkurs beginnt. Seit eineinhalb Jahren ist er bei Solinetz, hat hier bereits A2 und B1 gelernt. Nach einer Pause, in der er ganztägig die Benedict-Schule besuchte, ist er nun wieder zurück – diesmal in B2.
«B2 ist für mich ein bisschen anstrengend, weil Deutsch nicht meine Muttersprache ist», sagt er. Die Grammatik sei schwieriger geworden, und es gäbe sehr viele neue Wörter. Gerade üben sie intensiv für die TELC-2-Prüfung, die im Januar stattfinden wird. Solinetz übernimmt die Kosten, solange alle die Regeln befolgen und regelmässig kommen.
Amans Muttersprache ist Arabisch, eine Schrift, die mit dem Deutschen kaum etwas gemeinsam hat. «Für mich ist Lesen und Schreiben besonders schwierig.» In Afghanistan habe er keine richtige Schule besucht, erzählt er. Englisch habe er ebenfalls nie gelernt. «Andere haben Englisch geredet. Ich konnte mich auch nicht mit ihnen unterhalten.»
Neues Leben dank Sprache
Trotzdem hat sich viel verändert, seit er Deutsch lernt. «Als ich in die Schweiz gekommen bin, war so vieles schwer für mich. Ich konnte mit niemandem reden, ich konnte nur zuhören.» Heute sei es anders. Jetzt könne er mit Menschen sprechen, egal wie gut oder schlecht sein Deutsch sei. «Ich kann einfach diskutieren.» Er sieht zufrieden aus.
Getragen wird dieser Fortschritt auch von der Atmosphäre bei Solinetz. «Alle Lehrpersonen sind sehr nett und hilfreich. Wie kann ich überhaupt alles aufzählen? Sie opfern für uns ihre Freizeit. Sie kommen hierher, für uns, helfen uns.» Auch in seiner Klasse fühle er sich wohl. «Alle haben immer ein Lächeln im Gesicht.» Während er das sagt, lächelt auch er – kurz und warm.
Dann lehnt er sich etwas vor und sagt plötzlich: «Chuchichästli!» Er lacht laut. Dieses Wort habe er als erstes Schweizerdeutsches Wort gelernt. «Ich interessiere mich sehr für Schweizerdeutsch. Aber ich muss leider zuerst Deutsch lernen.» Trotzdem verstehe er Schweizerdeutsch mittlerweile sehr gut.
Aman träumt davon, bald arbeiten zu können, im handwerklichen Bereich, wie früher. In Afghanistan war er oft als Kind schon Handwerker, später Motorradmechaniker. «Ich möchte auf die Baustelle», sagt er. Er hat bereits als Elektroinstallateur und Sanitär geschnuppert und wirkt entschlossen, wenn er davon erzählt. «Ich muss nur noch ein wenig Geometrie lernen, ein Vorstellungsgespräch hatte ich schon.» Der Job sei momentan sein grösster Wunsch.
Zum Schluss wird er ernst. «Ich sage immer allen: Bitte lern Deutsch.» Es bringe nichts, sich einfach einen Job zu suchen und zu arbeiten. Für die Zukunft musst du Deutsch lernen. Wenn jemand krank sei oder aus anderen Gründen nicht könne, sei das in Ordnung. «Ich sage meinen Kolleg:innen immer, dass Kommunikation sehr wichtig für uns ist. Ich empfehle es jedem.»

Virginia Naselli studiert im fünften Semester an der ZHAW Kommunikation und Medien mit der Vertiefung Journalismus. Neben Kultur und Gesellschaft interessiert sie sich unter anderem auch für Sport.


