Aufgewachsen mit Gewalt – heute begleitet Lydia Butschkau Frauen aus der Prostitution
Lydia Butschkau hat aus ihrer Kindheit voller Gewalt die Kraft entwickelt, anderen zu helfen. Heute arbeitet sie beim Verein Heartwings und unterstützt Frauen in der Prostitution sowie jene, die ein neues Leben ausserhalb davon suchen.
Autorin: Sharon Haab
Titelbild: Laut der Frauenzentrale Zürich gibt es rund 13’000 bis 20’000 Prostituierte in der Schweiz.
Quelle: Adobe Stock
Bis heute sind ihr die Momente der Angst präsent. «Du bist ein kleines Mädchen, schaust zu diesem grossen Mann hoch und weisst, dass er dir komplett überlegen ist.» Lydia Butschkau ist 34 Jahre alt und wuchs im Aargau als zweites von fünf Kindern in einer christlich-konservativen Familie auf. Nach der Geburt des jüngsten Kindes fiel ihre Mutter in eine postnatale Depression. Ihr Vater war mit der Situation überfordert, wurde handgreiflich und richtete seine Wut besonders gegen Butschkau. «Einmal hat er eine Axt nach mir geworfen», erinnert sie sich.
Als sie 13 Jahre alt war, drohte sie ihren Eltern, das Jugendamt einzuschalten, sollte sich die Situation nicht verbessern. «Ich hatte noch nie Mühe damit, meine Stimme zu erheben, wenn ich Ungerechtigkeit sehe. Diese Eigenschaft kommt mir heute in meinem Beruf zugute.»
Aus den Misshandlungen entstand in ihr eine tiefe Wut, die sie in eine Energie verwandeln konnte, die sie bis heute antreibt.
Ein Zufall, der ihr Leben neu ausrichtet
2015 arbeitete Butschkau als Flugbegleiterin bei Swiss, «ein Traumberuf, bis zur Pension», wie sie dachte. Auf einem Flug nach Tansania bediente sie das Heartwings-Gründerpaar, Dorothée und Peter Widmer. Sie erzählten von ihrer Arbeit mit Frauen aus der Prostitution und drückten ihr einen Flyer in die Hand. Zuhause legte Butschkau den Flyer in eine Kiste und vergass ihn.
Während der Corona-Pandemie konnte sie als Flugbegleiterin kaum arbeiten. In dieser Zeit fand sie den Heartwings-Flyer zufällig wieder. Ein Satz einer Klientin von Heartwings berührte Butschkau zutiefst: «Wenn ich zu Heartwings komme, fühlt es sich an, als hätte ich tausend Regenbogen im Herzen.» Butschkau, die beim Tod ihres Grossvaters einen Regenbogen gesehen hatte, empfand diesen Satz als Aufruf. Für sie war klar: Sie möchte sich ehrenamtlich für Heartwings engagieren. Schon nach den ersten Einsätzen auf den Strassen spürte sie, dass diese Arbeit weit mehr als nur eine Übergangslösung ist. «Ich spürte instinktiv: Das ist meine Berufung.»
Mehr zum Verein Heartwings
Der christlich geprägte Verein Heartwings mit Sitz an der Langstrasse in Zürich wurde 2008 von Dorothée und Peter Widmer gegründet und unterstützt Frauen, die in der Prostitution tätig sind oder daraus aussteigen möchten. Heute arbeitet ein Team von 9 Mitarbeitenden im Verein.
Das Angebot von Heartwings umfasst Streetwork, Beratung sowie Begleitung beim Ausstieg und bei der beruflichen Integration. Des Weiteren wird Informations- und Sensibilisierungsarbeit zu den Themen Prostitution und Menschenhandel durchgeführt.
Der Verein ist gemeinnützig und finanziert sich überwiegend durch Spenden.
Wie Butschkau die Frauen auf ihrem Weg begleitet
Während der Pandemie wurde Prostitution in der Schweiz erstmals illegal. Viele Frauen waren auf der Suche nach Arbeit und wandten sich in grosser Zahl an das Büro von Heartwings. Daraufhin gründete Butschkau mit dem Verein das Reinigungsinstitut «Employment for Freedom».
Das Zielvon «Employment for Freedom»:Den Frauen eine langfristige Perspektive zu bieten, nämlich einen geregelten Einstieg in die Arbeitswelt und damit eine Lebensgestaltung, die ihnen ein Leben ausserhalb der Prostitution ermöglicht.
Heute sind fünf Frauen fest angestellt und betreuen rund 45 Haushalte. «Ich komme aus der Gastronomie und habe gelernt, professionell zu putzen. Dieses Wissen gebe ich nun weiter», sagt Butschkau. Gemeinsam mit vier weiteren Heartwings-Mitarbeiterinnen begleitet sie die Frauen in die Haushalte und arbeitet Seite an Seite mit ihnen.
«Während wir putzen, öffnen sich die Frauen. In diesem gemeinsamen Arbeiten entstehen die ehrlichsten Gespräche», erzählt Butschkau.
Die Erfahrungen aus ihrer Arbeit mit den Frauen haben ihren Blick auf die politische Debatte geschärft. Aus ihrer Sicht braucht die Schweiz ein neues Prostitutionsgesetz. «Ein Gesetz, das Prostitution regelt, muss den Ausstieg genauso ernst nehmen wie den Einstieg», sagt sie. Solange Prostitution rechtlich, wie eine normale Erwerbsarbeit behandelt werde, würde die Realität vieler Frauen ausgeblendet.
Warum die Schweiz ein neues Prostitutionsgesetz braucht, Journalistin Aline Wüst im Gespräch

Quelle: Tagesanzeiger
Im Jahr 2020 veröffentlichte die Journalistin Aline Wüst ihr Buch «Piff Paff Puff – Prostitution in der Schweiz» , in dem sie Frauen in der Prostitution begleitet und ihre Lebensrealitäten dokumentiert.
Braucht die Schweiz ein neues Prostitutionsgesetz? Und wird Prostituierten in unserem Land genügend Unterstützung geboten?
Aline Wüst beantwortet diese Fragen im Interview mit Sharon Haab.
Parallel zu «Employment for Freedom» betreibt Butschkau ein kleines Nagelstudio im Heartwings-Büro. «Als Flugbegleiterin musste ich immer perfekte Nägel haben, also lernte ich, sie selbst zu machen.» Für viele Frauen aus dem Milieu sind schöne Nägel wichtig. Deshalb bietet Butschkau diese Dienstleistung gratis an. «Ich bin ein 1:1-Mensch. Während ich ihre Nägel mache, entsteht ein Raum, in dem sie erzählen oder auch einfach schweigen können.» Wer ihr dabei gegenübersitzt, erlebt eine selbstbewusste Frau mit einer warmen Ausstrahlung und Tiefe.
Glaube und Techno: So bleibt Butschkau in Balance
«Meine Arbeit ist emotional enorm herausfordernd. Täglich ist man mit Gewalt, Trauma und schwierigen Lebensumständen konfrontiert», sagt Butschkau. Letztes Jahr erlitt sie ein Burnout. «Ich muss mir immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass das Leben nicht nur hart, sondern auch schön ist.»
Um nicht auszubrennen, setzt sie bewusst Gegenimpulse: Techno-Ausgänge zum Abschalten, eine reduzierte digitale Erreichbarkeit und das Bibellesen.
Ein Bibelvers aus Psalm 37,5 begleitet sie seit Jahren: «Befiehl dem HERRN deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohlmachen». Er erinnert sie daran, nicht die ganze Welt auf den eigenen Schultern tragen zu müssen.
Vom Männerhass zur Vergebung
Der schwierigste Teil ihres Weges war die Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Vergangenheit. Lange kämpfte Butschkau mit tiefem Männerhass, eine direkte Folge der Gewalt, die sie als Kind erlebt hatte. «Ich musste verstehen, dass die Unvergebenheitgegenüber meinem Vater vor allem mich selbst zerstört.» Für Butschkau bedeutet Vergebung nicht, etwas kleinzureden oder zu beschönigen. «Man muss benennen, was passiert ist. Erst dann löst sich der innere Griff der Rache.»
Obwohl sich ihr Vater nicht mehr an seine Handgreiflichkeiten erinnern kann – was Butschka als Verdrängung interpretiert – und sich deshalb nie für seine Taten entschuldigt hat, steht sie heute in Kontakt mit ihm. «Vergebung bedeutet auch, keine Entschuldigung mehr zu erwarten.»
Mittlerweile empfindet sie ihre Vergangenheit nicht mehr als Ballast, sondern als Erfahrungsschatz, der ihr hilft, die Frauen im Milieu zu verstehen. «Ich weiss, wie sich Ohnmacht anfühlt. Deshalb mache ich mich von Herzen gern stark für die Prostituierten. Ganz besonders, wenn sie ihrer Würde, ihrer Träume und Visionen beraubt worden sind. Gemeinsam erobern wir uns all das wieder zurück.»
Wie zwei gläubige Frauen Prostituierte mit Zuhören und Umarmungen unterstützen
An der Zürcher Langstrasse besuchen zwei Frauen regelmässig Frauen im Milieu und bieten ihnen Berührungen sowie Gespräche an.
Autorin: Sharon Haab
Im Restaurant Neni an der Zürcher Langstrasse sitzen Esther und Susanne bei einem Kaffee. Seit Jahren ist dies ihr Ritual, jeden zweiten Mittwoch, bevor sie an die Langstrasse gehen, um mit den Prostituierten in Kontakt zu treten.
Susanne ist 79, Esther 55 Jahre alt. Sie werden nur mit Vornamen genannt, um anonym zu bleiben, damit Personen im Umfeld der Langstrasse sie nicht ausfindig machen können. Beide sind gelernte Physiotherapeutinnen. «Auf der Strasse ermutigen wir die Frauen und schenken ihnen Nähe. Dazu gehören, immer situationsabhängig, Umarmungen oder bei körperlichen Beschwerden auch Massagen», sagt Esther.
Ein Ritual vor dem Einsatz
Die beiden Frauen arbeiten ehrenamtlich für den Verein Shaynah, der christlich motiviert ist und sich in der aufsuchenden Milieuarbeit engagiert. Bevor sie losgehen, sprechen sie ein Gebet. Die Augen bleiben offen, die Hände ungefaltet. Sie bitten um Schutz und offene Begegnungen. Dann machen sie sich auf den Weg.
An diesem Nachmittag ist es stiller als sonst. «Vielleicht gab’s eine Razzia, das kommt hier öfter vor», sagt Susanne. Langsam und aufmerksam gehen sie die Strasse entlang, vorbei an Bars und an Frauen, die draussen in der Kälte stehen. Einige unterhalten sich, andere starren mit leerem Blick auf die Fahrbahn. Wieder andere sitzen auf den Fensterbänken der Bars, vertieft in ihr Handy.
«Wir nehmen zuerst die Atmosphäre wahr, bevor wir mit den Frauen sprechen», erklärt Esther.
Vor einer Bar bleibt Susanne stehen. Eine Frau mit schwarzen, glänzenden Haaren, schwarzen Leggings und rosa Gelnägeln sitzt auf der Fensterbank und scrollt durch TikTok. Als sie Susanne sieht, lächelt sie, steht auf und umarmt sie herzlich, die beiden kennen sich. Das Gespräch wirkt locker, sie scherzen miteinander.
Im Gespräch fragt Susanne, ob sie einen Herzenswunsch habe. Sie nickt. Im nächsten Monat wolle sie nach Rumänien reisen, um ihre Tochter zu besuchen, doch das Geld fehle. Während sie spricht, zeigt sie auf dem Sperrbildschirm ihres Handys ein Foto: ein etwa zwölfjähriges Mädchen mit denselben langen, schwarzen Haaren wie ihre Mutter. Susanne betet mit ihr, dass Gott ihr das nötige Geld schenkt.
Glaube als Ressource im Milieu
«Praktisch alle Frauen im Milieu glauben an Gott », sagt Susanne später, «und sind offen für Gebete.»
Das Wichtigste sei, den Frauen mit Liebe zu begegnen. Diese Liebe komme aus ihrer persönlichen Beziehung zu Jesus. «Etwas, das die Frauen sofort spüren, ist, ob man es ehrlich meint. Sie haben genug Erfahrung damit, belogen zu werden.»
Ein paar Schritte weiter treffen Susanne und Esther auf zwei junge Frauen, die sie noch nicht kennen. Beide haben lange schwarze Haare, aufgespritzte Lippen und aufgeklebte Wimpern. Sie sitzen draussen auf Barsesseln, die Beine überschlagen. Sie erzählen, dass sie Schwestern sind. Die ältere ist 22, die jüngere 18, wirkt aber deutlich jünger. Die ältere Schwester hat die jüngere aus Bulgarien in die Schweiz geholt.
Gemeinsam wollen sie drei Monate hier arbeiten, Geld für ihre Mutter verdienen und danach in ihr Heimatland zurückkehren. «Heute und gestern lief es schlecht. Aber das Zimmer muss bezahlt werden», sagt die Ältere. 120 Franken pro Tag. Während des Gesprächs gehen Männer vorbei, bleiben stehen, beobachten. Die ältere Schwester schaut einige Male zwischen Susanne und Esther und den potenziellen Freiern hin und her. Sie wird immer nervöser, kaut auf ihren Unterlippen. Auf einmal springt sie auf, geht auf einen der Männer zu und ruft «Schätzeli», dann verschwindet sie mit dem Freier in die Bar.
Danach wirkt die Jüngere verängstigt. Susanne setzt sich zu ihr und hält sie eine Weile. Dann legt sie ihre Hand auf das Herz des Mädchens, bittet Gott um Frieden und sagt, dass sie geliebt sei. Zum Abschied drückt sie ihr eine kleine Karte in die Hand, mit einem QR-Code, der zu ermutigenden Worten in ihrer Muttersprache führt.
Auf die Nachfrage, ob sie alle Frauen auf der Langstrasse ungefragt berühre, sagt Susanne, sie spüre sehr genau, wen sie umarmen könne. So vergeht der Nachmittag: viele Begegnungen, viele Umarmungen. Als die Uhr halb sechs zeigt, wissen Susanne und Esther, dass ihre Arbeit für heute getan ist. Sie gehen Richtung Europaallee, hin zum Hauptbahnhof, in eine andere Welt, die in nur wenigen Gehminuten zu erreichen ist.

Sharon Haab studiert Kommunikation mit der Vertiefung Journalismus an der ZHAW. Mit ihren Geschichten möchte sie Menschen bewegen und etwas bewirken.





