Kultur / Gesellschaft

«Das ist ein sicherer Hafen für die Jugendlichen»: Wie freiwillige Helfer jungen Geflüchteten Halt geben

Im Projekt Leben und Lernen vertiefen geflüchtete Jugendliche ihre Sprachkenntnisse und erhalten Unterstützung bei der Integration. Ein Einblick in den Unterricht zeigt, weshalb gerade freiwilliger Einsatz den Unterschied macht.

Autorin: Ujdhesa Shabani
Titelbild: Das Projekt Leben und Lernen unterstützt geflüchtete Jugendliche bei der Integration in der Schweiz. (Bild: Ujdhesa Shabani)

Es ist kurz nach 8.30 Uhr – in einer halben Stunde beginnt der Unterricht. Wenn man den Verein «Projekt Leben und Lernen» in Aarau besucht, ertönt bereits leises Gelächter und das Brodeln eines Wasserkochers aus dem Atelier, bevor man es überhaupt betreten hat. Jeden Morgen treffen sich hier bis zu 75 geflüchtete Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 16 und 24 Jahren im Bildungsangebot vom «Leben und Lernen». Hier können sie das Gelernte aus ihren kantonalen Deutschkursen vertiefen und erhalten Lektionen in Mathematik und Informatik. Unterrichtet werden sie dabei von Freiwilligen, Praktikantinnen und Praktikanten und Zivildienstleistenden.

Bevor der Unterricht beginnt, wird gemeinsam bei Kaffee und Tee der Morgen eingestimmt. Lehrpersonen und Schüler versammeln sich inmitten des Aufenthaltsraumes an einem grossen Holztisch, heisse Getränke in den Händen, und unterhalten sich. Die Gespräche sind ungezwungen, persönlich. Ein Jugendlicher schwelgt in Erinnerungen an sein Zuhause in Eritrea, während sich ein junges Mädchen Rat bei einer Betreuerin einholt. Die Beziehung zwischen Schülern und Lehrpersonen scheint nicht oberflächlicher Natur zu sein.

Bis kurz vor neun Uhr trudeln die Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein. Sie begrüssen sich mit einem Grinsen, einem Händedruck oder einem zurückhaltenden Winken. Co-Projektleiterin Susanne Klaus verkündet, wer in der ersten Lektion in welcher Klasse sitzt – aufgeteilt werden sie jeweils nach ihren Deutschkenntnissen – bevor sich alle in ihre vorgesehenen Schulzimmer begeben.

Mit kleinen Schritten zum Ziel

In der Klasse «Grün» steht als Erstes Deutschunterricht auf dem Stundenplan. Lehrerin Manuela Flückiger holt einen Stapel Arbeitsblätter heraus.  Die 53-Jährige ist bereits seit über drei Jahren Teil der freiwilligen Lehrerschaft beim Verein. Ihre Tätigkeit ist für sie Herzenssache. «Das ‹Leben und Lernen› ist ein sicherer Hafen für die Jugendlichen», sagt sie in einem ruhigen Moment, während die Schüler ihre Schreibutensilien und Arbeitshefte aus den Rucksäcken holen. «Hier können sie lernen, Fragen stellen und auch uns vieles weitergeben. Das macht beide Seiten stärker.»

Beide Seiten sind mit vollem Engagement dabei. Sechs Jungen verschiedener Herkunft und unterschiedlichen Alters besetzen die grauen Bänke. Das aktuelle Thema: die Jahreszeiten und das Wetter. Wenn es darum geht, die unterschiedlichen Wetterlagen zu benennen, gibt es mehrere Wortmeldungen zugleich. Nicht jede davon ist auf Anhieb richtig, doch davon lassen sie sich nicht demotivieren. Im Gegenteil: Sie unterstützen einander, bis die Begriffe bei allen sitzen. Gesucht wird beispielsweise das Wort «Schneeballschlacht». Als der gefragte Schüler mit seiner Antwort zögert, macht einer seiner Kameraden eine Wurfbewegung. Zunächst erfüllt Gelächter den Raum, doch die Geste hilft: «Schneeballschlacht», antwortet er daraufhin lächelnd.

Die Jugendlichen sollen anschliessend mit den gelernten Wörtern Sätze bilden. Doch wie erklärt man Grammatik, wenn selbst der Wortschatz noch im Aufbau ist? Die Antwort ist: mit viel Geduld und Feingefühl. Es entstehen Aussagen wie «Im Sommer gehe ich ins Schwimmbad» oder «Im Winter machen wir eine Schneeballschlacht». Flückiger nimmt sich Zeit für jeden einzelnen, bis die Sätze richtig sind – egal, ob es einen, zwei oder fünf Anläufe braucht. Die Arbeit beim «Leben und Lernen» ist für sie nämlich mehr als nur eine Freizeitbeschäftigung. Im Video erklärt sie, was ihr die Tätigkeit beim Verein bedeutet.

Wenn warme Kleidung nicht selbstverständlich ist

Gegen Ende der Stunde bittet die Lehrerin ihre Schüler nach vorn. Dort packt sie eine bis oben hin gefüllte Einkauftasche aus und verteilt den Inhalt auf dem Lehrerpult: Handschuhe, Sonnencreme und eine Regenjacke befinden sich darunter. Die Aufgabe der Jungen ist es nun, diese den unterschiedlichen Wetterlagen zuzuordnen. Diese Gelegenheit nutzt Flückiger. «Hat jeder von euch eine Winterjacke?», fragt sie in die Runde. Ihre Augen werden schmal, der Blick auf einmal ernst.

Der Verein nimmt nämlich Kleiderspenden entgegen, an denen sich die Jugendlichen bei Bedarf bedienen dürfen. Gerade im Winter seien, so Flückiger, nicht alle für das Wetter gewappnet. Die sechs Jungen nicken bestätigend. «Gut, ansonsten könnt ihr euch bei der Kleidersammlung eine holen», ergänzt sie, bevor sich der ernste Blick wieder in ein Lächeln wandelt.

Nach einer knappen Stunde gibt es eine erste Pause. Die Schüler strömen aus ihren Klassenzimmern in den Aufenthaltsraum. Sie verteilen sich auf den Sofas, spielen Tischfussball oder stellen sich in der kleinen Küche ein Znüni zusammen. Während der ganzen Zeit sprudelt es vor Gesprächen.


Mehr als nur ein Lernatelier

Das Projekt Leben und Lernen ist eine Begegnungszone für junge Menschen, die sich Stabilität wünschen. Stabilität, die ihnen sonst fehlt. Den Jugendlichen steht ein Neustart bevor, bei dem viele von ihnen ganz ohne ihre Familie auskommen müssen. «Wir helfen ihnen, sich in einem komplizierten, neuen System zurechtzufinden», so Flückiger. Dabei sei der Verein oftmals eine Art Anlaufstelle für die Geflüchteten – egal um welche Anliegen es sich handelt – und gebe ihnen Struktur in ihrem Alltag.

Nach drei Unterrichtsstunden begeben sich alle zum Mittagessen ins Tellizentrum in Aarau. Ein Küchenteam bestehend aus Freiwilligen mit Fluchthintergrund bekocht dort zweimal in der Woche Lernende, Freiwillige und das Team. Es gibt Linsen, Salat, Kartoffeln und zum Nachtisch Kuchen für alle. Obwohl die Gruppe gross ist, ist das Team eingespielt: In kürzester Zeit sind die Stühle aufgestellt und die Tische gedeckt. Seite an Seite essen freiwillige Helferinnen und Helfer und die Schüler. Der Morgen endet, wie er begonnen hat: mit unbefangenem Austausch und Gelächter.

Leistest du in irgend einer Form Freiwilligenarbeit?

Sportvereine, Pflegeheime und Integration: Deshalb ist Freiwilligenarbeit im Aargau essenziell

Von Fussballtrainings bis zum Besuchsdienst im Pflegeheim übernehmen Freiwillige zentrale Aufgaben für die Gesellschaft. Der Geschäftsführer der Fachstelle für Freiwilligenarbeit Aargau erklärt, wer sich engagiert und wo der Bedarf besonders hoch ist.

Der 5. Dezember, internationaler Tag der Freiwilligenarbeit, wird all denjenigen gewidmet, deren Einsatz oftmals unsichtbar und gleichzeitig unverzichtbar ist. Gemäss Freiwilligen-Monitor 2025 leisten über 60 Prozent der Schweizer Bevölkerung Freiwilligenarbeit – sowohl in Vereinen und Organisationen als auch in Form von Betreuungs- und Pflegeaufgaben.

Auch im Aargau sind Freiwilligeneinsätze essenziell. Laut Samuel Steiner, Geschäftsführer der Fachstelle für Freiwilligenarbeit benevol Aargau, die unter anderem Freiwilligenarbeit im Kanton koordiniert, ist besonders der Sportbereich darauf angewiesen. «Bei den meisten Sportvereinen würde es ohne Freiwillige schlicht nicht gehen.» Nicht zu unterschätzen sei allerdings auch der Einsatz im Sozialbereich. Fast in allen Alters- und Pflegeheimen oder Kirchgemeinden gebe es Freiwillige. «Die Lebensqualität im Altersbereich wird massgeblich durch Freiwillige geprägt.» Die Arbeit im Integrationsbereich sei ebenfalls nur mit ehrenamtlicher Hilfe möglich.

Bild: Zur Verfügung gestellt

Samuel Steiner ist Geschäftsführer der Fachstelle für Freiwilligenarbeit benevol im Aargau. Benevol beratet und vernetzt Freiwillige, gemeinnützige Organisationen und Gemeinden. Weiter bietet sie Weiterbildungen im Zusammenhang mit freiwilligem Engagement an.

Wer leistet Freiwilligenarbeit im Aargau?

Es seien insbesondere Personen ab 50 Jahren, die häufig ehrenamtlich tätig sind. Am zweithäufigsten würden junge Menschen zwischen 15 und 30 Jahren Freiwilligenarbeit leisten – das vor allem in Sportvereinen oder Jugendorganisationen wie der Pfadi oder der Jubla. «Das Klischee, dass sich die Jungen nicht mehr engagieren möchten, stimmt also nicht», so Steiner. In den Jahren dazwischen nehme das Engagement bei den Menschen hingegen ab. «Es ist die Phase, in der viele Leute Familien gründen oder Karriere machen wollen», so Steiner. Da bleibe oftmals nicht mehr viel Zeit für anderes.

«Im Aargau investieren Tausende Menschen jede Woche mehrere Stunden, um ein Training zu leiten, um jemanden zu begleiten oder um Kulturveranstaltungen zu ermöglichen», sagt Steiner. Das stehe für das Engagement der Menschen. «Grundsätzlich kann man aber nie genug freiwillig Engagierte haben.»

In Zeiten von Corona habe es nämlich einen Einschnitt bei den freiwilligen Einsätzen gegeben. Unter anderem deshalb, weil viele Pflegeheime in dieser Zeit ihre Türen für Aussenstehende schliessen mussten. Andererseits waren viele der Freiwilligen selbst Teil der Risikogruppe. Der Gesundheitsbereich sei ausserdem einer, in dem es teilweise schwierig sei, Freiwillige zu finden.

Steiner sorgt sich, dass sich irgendwann im Allgemeinen nicht genügend Freiwillige finden lassen. «Natürlich gibt es einige Herausforderungen und Veränderungen im Bereich der Freiwilligenarbeit – die gibt es in ganz vielen anderen Bereichen aber auch.» Um die Freiwilligen langfristig motiviert zu halten, setzt Steiner viel daran, dass sie sich für Aktivitäten einsetzen können, für die sie brennen.