Kultur / Gesellschaft

«Musik allein reicht nicht mehr»: Ziggie vo Züri über Bühne, Look und Selbstinszenierung

Noch nie war es für Künstler:innen so wichtig, mit einem eigenen Look aufzufallen. Social Media macht die Bühne grösser und der Stil wird Teil des Erfolgs. Auch der vielversprechende Schweizer Newcomer Ziggie vo Züri hat sich mit einer orangefarbenen Krawatte einen unverwechselbaren Look geschaffen.

Autorin: Jessica Willi
Titelbild: Ziggie vo Züri posiert am Limmatplatz für das Coverbild seines neusten Albums «WHMIAE». (Bild: Svenja Senften
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Ziggie vo Züri sitzt im Musikstudio in Wiedikon, vor ihm das Mikrofon, um den Hals wie selbstverständlich seine orange Krawatte. «Die Krawatte ist verbunden mit Selbstvertrauen und Power», sagt der Schweizer Rapper. «Ohne fühlt es sich komisch an.» Der Auftritt des 26-Jährigen zeigt, wie stark ein klarer Look heute die Wirkung von Musiker:innen prägt – besonders in einer Zeit, in der die Bühne längst digital geworden ist.

Was als improvisierter Fund begann – «ich habe sie einfach im Schrank gefunden» – wurde zu seinem Markenzeichen. Ob auf Instagram oder auf der Bühne: Die Krawatte sticht ins Auge. Ziggie, mit bürgerlichem Namen Florian Siegrist, hat eine Bühnenpersönlichkeit geschaffen, die längst über seine Musik hinausgeht. «Das Ganze braucht einen bestimmten Vibe», sagt er. «Mein Sound ist divers – cleaner Look, aber alternativ gestylt. Mir ist wichtig herauszustechen, nicht nur musikalisch, sondern auch ästhetisch.»

Wie dieser ästhetische Spagat zwischen dem privaten Florian und der extrovertierten Bühnenfigur genau aussieht, zeigt der folgende Videobeitrag:

Video: Jessica Willi

Vom Glitzeranzug zur Gegenbewegung

Die Idee einer zweiten Identität begleitet die Popgeschichte seit Jahrzehnten. David Bowie erfand mit «Ziggy Stardust» eine Kunstfigur, die Realität und Fiktion verschwimmen liess. Madonna prägte in den 1980ern die Popästhetik mit rebellischen, ikonischen Looks. Lady Gaga nutzte später exzentrische und oft provokante Mode als festen Bestandteil ihrer Kunst.

Später kamen Künstler:innen wie Billie Eilish, die auf Überinszenierung verzichteten und Authentizität zur Marke machten. Der Gegenentwurf zum Glamour – und doch genauso bewusst gestaltet. Wie das Deutsche Magazin Deluxe Music schreibt, sei Mode dabei weit mehr als ästhetischer Ausdruck, sondern ein «integraler Bestandteil der künstlerischen Identität».

Bist du eher Team Lady Gaga oder Team Billie Eilish?

Heute findet Bühne überall statt: Der visuelle Auftritt setzt sich online fort, wo Musiker:innen permanent präsent bleiben müssen. Ein Instagram-Feed ersetzt das Plakat, ein TikTok das Musikvideo.

Sichtbarkeit als Dauerdruck

«Musik allein reicht nicht mehr», sagt Ziggie vo Züri. «Ich muss mir überlegen, was ich nach aussen trage.» Was er in den letzten Jahren vor allem gelernt hat: «Es ist wichtig, wie ich mich online präsentiere. Social Media ist kein Zeitvertrieb, sondern Arbeit.»

Wie komplex dieser Balanceakt ist, zeigt auch die Einschätzung von Noah Parks. Der Winterthurer Musiker und Gesangslehrer erklärt in einem Interview, dass eine auffällige Bühnenfigur zwar Aufmerksamkeit erzeugen kann, vor allem aber hilft, Distanz zu wahren. Insbesondere dann, wenn das öffentliche Interesse zu gross wird.

«Viele Musiker:innen nutzen ihren visuellen Auftritt als Herausstellungsmerkmal aber auch als Filter zwischen sich und der Öffentlichkeit. Es kann dabei helfen, dass einem nicht alles zu nahe geht.»

Noah Parks, Musiker und Gesangslehrer

Ziggie vo Züri beschreibt es ähnlich: Die Krawatte ist für ihn nicht nur Deko, sondern «ein Performance-Ding». Wenn der gebürtige Zürcher auf der Bühne abliefern will, gehört sie dazu. «Orange ist sowieso eine Farbe, bei der dich alle sehen. Man kann sich nicht mehr verstecken.»

Zwischen Show und Zugehörigkeit

Der Trend zur Selbstinszenierung beschränkt sich heute nicht mehr nur auf Künstler:innen. Auch im Publikum entstehen zunehmend eigene visuelle Rollen. Fans erscheinen in abgestimmten Outfits, Farben oder Accessoires – oft angelehnt an Figuren oder Motive, die innerhalb der Community sofort Wiedererkennungswert haben. Diese «Fan-Personas» schaffen ein sichtbares Gefühl von Zugehörigkeit.

Was früher einfach Vorfreude war, wirkt heute wie ein bewusst gestaltetes Ritual. Verkleidung wird zum Zeichen der Verbundenheit. Social Media verstärkt diesen Trend, und aus Einzelnen wird ein Kollektiv, das sich über Stil, Symbole und Insider-Anspielungen identifiziert.

Wir besuchten das Konzert der amerikanischen Boyband Big Time Rush im Hallenstadion Zürich, bei dem die Fans bereits lange vor der Türöffnung in ihren Serien-inspirierten Outfits auftauchten.

Audio: Jessica Willi

  • Grossandrang in Zürich: Hunderte Besucher:innen warten vor dem Hallenstadion auf den Einlass zur Show der US-Boyband Big Time Rush. (Bild: Jessica Willi)

Auch online ist diese Kultur sichtbar. Auf TikTok und Instagram teilen Fans «Get ready with me»-Videos, zeigen ihre Outfits und bauen schon vor dem Konzert eine eigene Dynamik auf: ein Zusammenspiel aus Vorfreude, Nostalgie und Gemeinschaft.

@el_true

Making my outfit for the #bigtimerushtour FINAL REVEAL COMING SOON! @Big Time Rush @JAMES MASLOW

♬ Superstar (Album Version) – Big Time Rush

Wenn das Image zur Haut wird

In der Schweizer Musikszene sind solche Phänomene ebenfalls längst angekommen. Farben, Symbole und visuelle Codes schaffen Wiedererkennung. Manche Acts entwickeln sie bewusst, andere erst rückblickend. Bei Ziggie vo Züri war es eine Mischung: «Ich finde Krawatten eigentlich gar kein cooles Accessoire», sagt er. «Sie stehen für etwas Offizielles, für die 9-to-5-Welt, aus der ich ausbrechen will. Ich nehme sie und verwende sie anders – wie diese Uhr, die ich trage und die nicht funktioniert. Sie sticht einfach heraus.»

In der Freizeit trägt er locker und bequem, im Sommer auch Fussballshorts. Als Künstler müsse er aber «nach etwas aussehen». Ein Look sei wichtig, aber nicht identitätsstiftend: «Authentisch bin ich als Mensch und Künstler trotzdem. Der Look hängt für mich nicht so sehr mit Authentizität zusammen.» Gleichzeitig verändert die Krawatte seine Ausstrahlung: «Wenn ich sie trage, gibt mir die Krawatte Selbstvertrauen, weil ich mich gut fühle und offen auftrete. Ohne sie bin ich auch gerne mal im Hintergrund.»

Am Ende des Interviews legt Ziggie die Krawatte auf den Tisch, draussen wird es dunkel. Für einen Moment ist er einfach Florian, ein junger Mann, der gerne rappt und an neuen Songs arbeitet. Morgen wird er die Krawatte wieder umbinden. Und dann beginnt die Show von Neuem.