Kultur / Gesellschaft

Wo Frauen mehr als Deutsch lernen

Aida – Bildung und Begegnung in St. Gallen ist eine Deutschschule nur für Frauen. Viele Schülerinnen haben Flucht, Unterdrückung oder Gewalt erlebt. Hier lernen sie nicht nur Deutsch, sondern auch hier anzukommen. 

Autorin: Fiona Lusti
Bild: Die Schülerinnen lernen im Alphabetisierungskurs zusammen mit der Lehrerin (rechts) das lateinische Alphabet. Bildquelle: Fiona Lusti

Ein Morgen im Klassenzimmer
Freitagmorgen, acht Uhr. Im Kurszimmer 50 in der Aida-Schule für fremdsprachige Frauen in St. Gallen startet gleich der Unterricht. Im Deutschkurs A1 lernen die Schülerinnen praktische Dinge für den Alltag. Jetzt füllen sie ein Patientinnenformular aus. Was ist Ihr Beruf? «Immobilien», sagt eine Schülerin. «Immobilienmaklerin heisst das», hilft ihr die Lehrerin.

Im Klassenzimmer riecht es nach frisch geölten Böden. Im Gang läuft eine Frau mit ihrem Kind vorbei, das stürmisch Richtung Aida-Spielgruppe zieht, die ein paar Zimmer weiter nebenan liegt. Etwa acht Frauen zwischen 20 und 50 Jahren sitzen an ihren Tischen. Die meisten von ihnen sind in die Schweiz geflüchtet und haben hier keinen Beruf, hatten aber einen in der Heimat. Eine Frau ahmt ein Mundwerkzeug nach und zeigt auf ihren Mund: Wie heisst ihr Beruf auf Deutsch? Die anderen helfen mit Händen, Gesten, Umschreibungen und Google Translate. «Dentalassistentin», rufen sie und lachen. Endlich herausgefunden. «Man muss einfach anfangen, sonst führt es nur zu Frustration», sagt die Lehrerin.

Ein sicherer Raum für Sprache

Die Aida-Schule ist eine Deutschschule für fremdsprachige Frauen. Nur für Frauen. Das ist eher ungewöhnlich. In der Schweiz gibt es mehrheitlich Deutschschulen für Männer und Frauen. Der Verein Aida wurde 1992 gegründet. Ziel war, eine sichere Umgebung zu schaffen, in der Deutsch realitätsnah gelernt und Integration gelebt werden kann. Gleichzeitig möchte die Schule fördern, dass Teilnehmerinnen ihre eigenen Fähigkeiten einbringen können – zum Beispiel, indem sie selbst Kurse anbieten.
Direkt beim nebligen Bahnhof St. Gallen gelegen, wirkt das warme Licht aus den Fenstern der Aida-Schule wie eine stille Einladung. Die Wände sind mit Illustrationen geziert: Frauen mit Kopftüchern, in bunten Kleidern, mit Kindern. 

Erstellt mit Canva von Fiona Lusti. Daten: Jahresbericht 2024 Aida.

Finanziert wird die Schule durch Kursgelder, kantonale und kommunale Beiträge sowie Spenden. Viele Frauen finanzieren ihren Kurs selbst. «Wir könnten doppelt so viele Schüler:innen haben, wenn auch Männer kämen», sagt Geschäftsleiterin Konstanze Thomas. «Aber wir sind bewusst eine Schule für Frauen. Sie können so besser ihre Ressourcen zeigen.» Wenn Männer anwesend seien, verändere sich oft die Stimmung.

Im Kurs B1 lesen die Frauen einen Sachtext über Rohstoffe. Schwierige Wörter tauchen auf: Bedingungen, Verpackungsanlagen, Behälter. «Wie viel Prozent hast du verstanden?», fragt die Lehrerin, während sie herumgeht. Erst in einem zweiten Schritt: «Und was hast du nicht verstanden?» „Üben, üben, üben“, sagt die Lehrerin. „Und wenn ihr niemanden zum Sprechen habt, redet mit euch selbst.“ – „Aber das ist langweilig“, ruft eine. Alle lachen.

Ein geschützter Ort

«Aida ist wie eine Familie», meint Kataryna, eine Schülerin aus dem B2-Kurs. Kataryna, eine grosse Frau im grauen Pullunder, Brille auf der Nase. Drei Jahre ist es her, seit sie aus der Ukraine in die Schweiz kam. «Wenn ich in der Stadt eine alte Lehrerin treffe, ist das wie eine Freundin wiederzusehen.» Kataryna war Psychotherapeutin, in der Schweiz hat sie keine Anstellung. Nach dem Unterricht hat sie nur kurz Zeit zu reden – drei Kinder warten auf sie. Sie ist alleinerziehend. «Ohne die Spielgruppe hätte ich nie Deutsch lernen können.» Eine andere Schülerin, Sidra, schliesst sich ihr an: «Zeit ist für mich das Wichtigste. Ich habe zwei Kinder und kann nur einmal pro Woche in einen Kurs. Bei Aida ist das möglich.» Die Kurse dauern zwei bis zweieinhalb Stunden. 

Vormittagspause. In der Cafeteria sitzen die Frauen an runden Tischen, trinken Schwarztee, reden Afghanisch, Tigrinya, Arabisch – und immer wieder Deutsch. Solche Räume sind zentral für Aida. «Um zu lernen, müssen sich die Frauen sicher und gesehen fühlen», sagt Thomas.

An einem runden Tisch liegt Infomaterial zu Zusatzangeboten: «Zahlen im Alltag», geleitet von einer ehemaligen Mathematiklehrerin aus der Türkei. Yoga mit einer ukrainischen Yogalehrerin. «Die Frauen sollen sich auch im Aida-Alltag einbringen können», sagt Praktikantin Fiona Schlumpf. Freitagnachmittags gibt es ein Café fürs freie Sprechen.

Erzählfreitag

Hier unten findet jeden Freitagnachmittag das Freitagscafé statt, wo die Schülerinnen frei sprechen können. Das Video zeigt Einblick in einen Nachmittag.

Video: Fiona Lusti

Während die Mütter Deutsch lernen, spielen die Kinder

Nachmittag. In den oberen Stockwerken sind fast alle Zimmer besetzt. Gedämpfte Stimmen dringen aus den Schulzimmern. Die meisten folgen gebannt dem Unterricht, einige scrollen auf dem Handy. An den Wänden hängen farbige Zeichnungen – Werke einer afghanischen Schülerin. Die Vernissage war kürzlich.

Am Ende des Gangs liegt die Spielgruppe: roter Teppich, grüne Wände, ein Karton-Spielhaus. Kinder zwischen zwei und vier Jahren sind hier, während ihre Mütter nebenan Deutsch lernen. Aus allen Ecken Gekreische in verschiedenen Sprachen. Die Leiterinnen Eden und Alma rufen zum Kreis. Aramsamsam. Die Kinder zappeln. Bald dürfen sie wieder spielen.

Eden Tecle kam 2005 aus Eritrea. Auch sie begann als Schülerin in der Aida-Schule und arbeitet seit 2019 hier. Eine kleine Frau mit grosser Brille. «Aida unterstützt die Frauen als Mama, als Frau, als Schülerin», sagt sie. «Als ich hier ankam, spürte ich zum ersten Mal seit langem so etwas wie Glück.» Ihr Blick geht zu einem Kind, das malend am Tisch sitzt. Tecle spricht Tigrinya und Arabisch. Das helfe manchmal – aber oft sei Sprache gar nicht nötig. Sie zeigt auf einen Jungen, der umherrennt. «Er spricht kein Deutsch. Aber er versteht meine Gestik. Gesicht, Stimme, Mimik – das reicht.»

Abend. Kurz nach 16 Uhr enden die Nachmittagskurse. Der Flur füllt sich mit Stimmen und Gelächter. Einige Frauen holen ihre Kinder ab, einige davon wollen die Spielgruppe noch nicht verlassen. Ein paar Stunden wird es stiller in der Deutschschule: Nur die Mitarbeiterinnen im Sekretariat sitzen an ihren Tischen. Bevor es weitergeht – mit den Abendkursen.

Auch Zuzana Fabianová hat in der Aida-Schule einen Safe Space gefunden. Im Interview erzählt sie von ihrem Weg, von der Slowakei bis in die Deutschschule am Bahnhof St. Gallen.

«Krieg und Traumata können zu Lernblockaden führen»

Zuzana Fabianovà kam für ein paar Sommermonate von der Slowakei in die Schweiz – und blieb für immer. Heute unterrichtet die 40-Jährige Deutsch und begleitet Frauen auf dem Weg, den sie selbst gegangen ist.

Bildquelle: Michaela Tanner

Fiona Lusti: Hilft Ihnen Ihre eigene Migrationsgeschichte und der Fakt, dass Sie selbst auch Deutsch lernen mussten, beim Unterrichten?
Zuzana Fabianovà: Ja, sehr. Ich verstehe die Frauen. Ich weiss, warum bestimmte Dinge schwierig sind. Und ich weiss, dass jede Frau ihre eigene Geschichte, Familie und Kultur mitbringt. Das ist auch das Schöne an dieser Arbeit. Und das spüren auch die Schülerinnen: Sie respektieren einander. 

Gibt es auch schwierige Situationen?
Viele Frauen haben Krieg und Traumata erlebt. Das kann zu Lernblockaden führen. Eine Frau erzählte mir, dass sie im Gefängnis war. Eine andere konnte wegen psychischer Belastung nicht mehr lernen. Wir haben ihr empfohlen, eine Pause zu machen. Sie ist leider nie wieder zurückgekommen.

Sprecht Ihr im Unterricht über solche Themen? 
Ich zwinge niemanden, zu erzählen. Aber ich bin immer da, wenn eine Frau mit mir sprechen möchte. 

Sie waren selbst Schülerin in Aida. Wie sind Sie hierher gekommen?
2019, als ich mit meinem dritten Kind schwanger war, habe ich hier in Aida den C2 gemacht. Eine Freundin hat Witze darüber gemacht, dass das Baby bestimmt perfektes Deutsch sprechen wird, wenn es zur Welt kommt. 

Und?
Sie redet sehr gerne und viel. lacht.

Jetzt sind Sie selbst Sprachlehrerin an der Schule Aida.
Ja. Ich erinnere mich an meinen ersten Kurs. Ich hatte unglaublich Lampenfieber! Aber die Schülerinnen waren dankbar und herzlich, sie haben toll mitgemacht. Das werde ich nie vergessen.

Wie haben Sie den Schritt geschafft, selbst Deutsch zu unterrichten?
In der Slowakei habe ich Geschichte und slowakische Sprache unterrichtet. Dann ging es nach Bestehen des C2-Kurses bei Aida darum, alle slowakischen Dokumente anerkennen zu lassen. Dafür musste ich alles übersetzen – das war teuer und aufwendig.

Sie sind 2013 in die Schweiz gekommen. Was haben Sie hier gemacht?
Ich wollte eigentlich nur die Sommermonate hier verbringen und ein wenig Geld verdienen. Ich habe in Basel in einem Restaurant gearbeitet. Aber dann ist es anders gekommen: Mein Chef hat mich gefragt, ob ich nicht länger bleiben kann. Ich habe zugesagt. 

Und daraus ist ein neues Leben geworden. 
Ja, es war ein Abenteuer – eine Chance, Geld zu verdienen und Menschen kennenzulernen. Spannend und aufregend. Nach Basel bin ich nach Herisau, habe im Restaurant Rüti gearbeitet und bei einer Schweizerin gewohnt, sie war Lehrerin und stellte mich ihrer Familie vor. Sie kannte mich kaum und hat trotzdem so viel Zeit mit mir verbracht. Ich fühlte mich schnell als Teil ihrer Familie. Bis heute weiss ich, dass ich auf sie zählen kann. Sie kennt auch meine Kinder.

Wie haben Sie sich im Restaurant im Service verständigt? Konnten Sie damals bereits Deutsch?
In der Slowakei hatte ich als Kind Deutschunterricht, deshalb konnte ich ein wenig Deutsch. Aber hier in der Schweiz war ich schüchtern. Ich hatte hohe Ansprüche an mich selbst und wollte perfekt sprechen. Deshalb habe ich einige Sätze auswendig gelernt und immer wieder verwendet, obwohl ich mich eigentlich gern mit den Gästen unterhalten wollte.

Gab es Rückmeldungen?
Ja, auch negative. Einmal nahm ich eine Bestellung auf und als ich wegging, hörte ich, wie sich Gäste hinter meinem Rücken über mein schlechtes Deutsch äusserten. Sie dachten, ich höre sie nicht. Das hat mich verletzt. Damals hatte ich viel Heimweh.

Heute ist Ihr Deutsch fehlerfrei, was hat Sie motiviert, nicht aufzugeben?
Ich wollte einfach unbedingt perfekt Deutsch lernen. Wenn mir dann jemand gesagt hat, dass ich gut sprechen kann, war ich unglaublich stolz. Also habe ich einfach immer weitergemacht. 

Wie sind Sie selbstbewusster geworden?
Ich habe immer gearbeitet, so konnte ich viel üben. Ich arbeitete in der Bäckerei Kuhn und an einem Mittagstisch in der Primarschule Halden, wo ich bis heute tätig bin. Die meiste Sicherheit habe ich hier in Aida gewonnen. Aida ist mein Anker. Diese besondere Atmosphäre, in der wir Frauen uns auf Augenhöhe begegnen – das spürt man. Wenn Männer hier wären, wäre es ganz anders. Hier sind Frauen unter sich und können wie Freundinnen sein. Wenn Männer hier wären, würden sich viele nicht so frei bewegen, nicht so ungezwungen quatschen und lachen.