Kultur / Gesellschaft

«Kultur muss man ständig verteidigen»

Die Internationalen Kurzfilmtage Winterthur stehen vor grossen finanziellen Herausforderungen aufgrund von Kürzungen. Dadurch ist nicht nur das Festival selbst betroffen, sondern auch die Personen dahinter.

Text: Lena Schreyer
Bildunterschrift: Das diesjährige Motto der Internationalen Kurzfilmtage Winterthur war «Motion in Motion». Bild: Lena Schreyer

Mitten auf dem Lagerplatz beim Museum Schaffen in Winterthur befindet ein pinkes Luftballonhaus, welches stark an eine Kirche erinnert. Gleich dahinter ist das Kino Cameo. Dort und vor dem Kesselhaus steht ein grosses K. Sie werden durch ein rotes Band verbunden. Dieses windet sich entlang des Zauns, welcher die Gleise vom umliegenden Gelände des Bahnhofs trennt.

Auf dem Gelände wuselt es von Zuschauerinnen und Zuschauern, Mitarbeitenden und Helfenden der Internationalen Kurzfilmtage Winterthur. Diese finden jeden November statt. Doch bereits seit letztem Jahr stecken sie in der Klemme, da auf Ende 2025 auch die Hauptsponsorin Zürcher Kantonalbank (ZKB) abgesprungen ist. Dies wird nun noch verstärkt, da der Bund viele Mittel für die Kultur entweder kürzen oder ganz streichen wird zwischen 2027 und 2030.

Ein Festival im Wanken

Die Kurzfilmtage sind nicht die Einzigen, die unter Druck geraten. In Winterthur trifft es auch die Afro-Pfingsten und andere Kulturveranstaltungen, die lange von internationalen Austauschformaten profitiert haben. Gerade kleinere Festivals, die eng mit ausländischen Partnern arbeiten, geraten zunehmend ins Straucheln.

Die Arbeit der DEZA

Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) ist Teil der Internationalen Zusammenarbeit (IZA) des Bundes. Sie ist zuständig für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe im Ausland. Mit gezielten finanziellen Förderungen unterstützt sie Projekte, die laut eigener Definition dazu beitragen sollen, «weltweit Not und Armut zu lindern, Frieden und Sicherheit zu fördern und die Umwelt zu schützen» (DEZA, 2025).

Zur IZA gehören auch internationale Kulturprogramme, die den kulturellen Austausch fördern, darunter etwa die Afropfingsten oder die Internationale Kurzfilmtage Winterthur.

Im Rahmen der Sparmassnahmen des Bundes ist nun geplant, die Ausgaben für die Internationale Zusammenarbeit bis 2030 einzufrieren. Dies entspricht Einsparungen von über 230 Millionen Franken im Schweizer Staatsbudget – mit direkten Folgen auch für kulturelle Projekte und Institutionen, die bisher von der DEZA unterstützt wurden.

Dabei geht es nicht nur um Kulturförderung, sondern auch um Stadtidentität. Die Kurzfilmtage gehören zu den Aushängeschildern Winterthurs. Rund um das Festival füllen sich Restaurants, Bars und die Altstadt, und jedes Jahr reisen Filmschaffende aus aller Welt an. Für viele Winterthurerinnen und Winterthurer ist die Festivalwoche ein Fixpunkt im Kalender. «Es wäre ein enormer Verlust, nicht nur für uns, sondern für die ganze Stadt», sagt die Kuratorin Lea Heuer.

Der Grund für die Unsicherheit liegt in Bern: Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) zieht sich bis 2028 vollständig aus der Kulturförderung zurück. Für die Kurzfilmtage bedeutet das den Verlust eines Förderpfeilers, der jahrelang internationale Gäste, Programme und Kooperationen ermöglicht hat. Die ersten Einschnitte sind bereits spürbar. «Diese Gelder sind nicht einfach ein Bonus», sagt Heuer. «Ohne sie verlieren wir genau den Teil unseres Programms, der uns international vernetzt.»

Einsparungen Bund bis 2030

Der Bund plant im Rahmen des sogenannten Entlastungspakets 2027 umfassende Sparmassnahmen, um den Bundeshaushalt langfristig zu stabilisieren. Hintergrund sind steigende Ausgaben unter anderem für Armee, Sozialversicherungen und internationale Verpflichtungen. Ziel ist es, die Schuldenbremse einzuhalten und neue strukturelle Defizite zu vermeiden.

Bis 2030 sollen deshalb mehrere Milliarden Franken eingespart werden. «Das Paket bringt Entlastungen von 2,4 Milliarden Franken im Jahr 2027, 3,0 Milliarden Franken im Jahr 2028 und 3,1 Milliarden Franken im Jahr 2029.» (EP 27, 2025). Die Kürzungen betreffen verschiedene Politikbereiche, darunter auch Bildung, Forschung, internationale Zusammenarbeit und Kultur. Besonders stark betroffen ist die Internationale Zusammenarbeit (IZA), deren Ausgaben eingefroren oder reduziert werden sollen.

Die Sparpolitik des Bundes hat damit nicht nur finanzielle, sondern auch gesellschaftliche und kulturelle Auswirkungen: Fördergelder für Austauschprogramme, internationale Kulturprojekte und zivilgesellschaftliche Initiativen stehen zunehmend unter Druck oder fallen ganz weg.

Die Einsparungen des Bunds sollen Defiziten durch die 13. AHV-Rente entgegenwirken. Grafik: Lena Schreyer

Die Menschen im Hintergrund

Was Besucherinnen und Besucher kaum sehen: Hinter einer Festivalwoche stehen hunderte Arbeitsstunden. Rund 60 Personen arbeiten im Kernteam, dazu über 120 Helferinnen und Helfer während der Veranstaltung. Viele arbeiten im Teilpensum, manche ehrenamtlich und immer häufiger mit Aufgaben, die nichts mit Film zu tun haben: Fundraising, Projektanträge, das Ausfüllen von Formularen und Evaluationen.

Kurzfilme auf grosser Leinwand

Die Internationalen Kurzfilmtage Winterthur existieren aufgrund von Freiwilligenarbeit. Ada Sawczak ist bereits zum vierten Mal als Helferin dabei, und dass, obwohl sie in Brugg zu Hause ist.

Ada Sawczak ist ein grosser Fan von Kurzfilmen. Bild: Lena Schreyer

«Wir haben rund 4.000 Freiwilligen-Arbeitsstunden pro Jahr. Ohne sie könnten wir das Festival gar nicht durchführen. Hinzu kommen noch 470% Stellenanteile über 7 Festangestellte verteilt. Das sind weitere 14.500 bezahlte Arbeitsstunden», sagt Rudi Gehring, kaufmännischer Leiter der Kurzfilmtage. Viele im Team würden längst an ihrer Belastungsgrenze arbeiten. Besonders die Betreuung der internationalen Gäste und die Organisation der Wettbewerbsprogramme erfordere viel Zeit. «Der administrative Aufwand wächst jedes Jahr», sagt Gehring. Er erzählt davon, wie schwierig es sei, Sponsoren zu finden – und zu behalten. Die Finanzierung mache laut Gehring sicherlich eine Vollzeitstelle aus.

«Man verbringt inzwischen enorm viel Zeit damit, nach Geld zu suchen», sagt Kuratorin Heuer. Seit sechs Jahren ist die Kuratorin Teil des Teams. «Man muss immer genauer begründen, weshalb Kultur wichtig ist. Und manchmal frage ich mich, wie lange mein Job überhaupt noch existiert.»

Die Kirche wurde anlässlich der Ausstrahlung des Kurzfilms «Always Wanted to Be God, Never Wanted to Do Good» von Marvin Merkel aufgebaut. Bild: Lena Schreyer
Der Film gewann den Preis für den besten Schweizer Film 2025. Bild: Lena Schreyer
Die Internationalen Kurzfilmtage Winterthur haben das grösste Archiv an Kurzfilmen in Europa. Bild: Lena Schreyer
Am Ende der Ausstrahlungen gab es manchmal noch ein Q&A mit den Filmschaffenden. Bild: Lena Schreyer

Ein strukturelles Problem

Der Druck kommt nicht nur von der DEZA. Viele Festivals wie die Solothurner Filmtage oder auch die Afropfingsten in Winterthur berichten von einem raueren Klima. Unternehmen reduzieren ihr Sponsoring, Diversity-Programme werden gestrichen, und langfristige Partnerschaften sind seltener geworden. Die Solothurner Filmtage verloren Swisscom als langjährige Partnerin; beim Zurich Film Festival wechselte die Trägerschaft. Auch in Winterthur zögern Sponsoren mit Zusagen.

Gemäss Bruhn und Pöllmann (2025) gibt es dafür mehrere Gründe. Zum einen hat sich der Markt für Kultursponsoring verändert, da sich aufgrund einer zunehmenden Kommerzialisierung der Kultur die Attraktivität verringert hat. Auch hat sich das Engagement der Unternehmen verschoben. So werden mehr Gelder in ökologische Ziele investiert. Zum anderen haben Finanzkrisen wie die Corona-Pandemie die Sponsoringbereitschaft beeinflusst.

Was auf dem Spiel steht

Im Alltag der Kurzfilmtage zeigt sich der Druck deutlich: Internationale Gäste können teilweise nicht mehr eingeladen werden, Reisekosten bleiben unklar, und Workshops müssen reduziert werden. Für lokale Künstlerinnen und Künstler ist es ein Problem. «Für junge Filmschaffende ist das fatal», sagt Heuer. «Gerade sie knüpfen hier ihre ersten Kontakte. Viele Karrieren beginnen an solchen Orten.»

Aus dem Amazonas auf die grosse Leinwand

Die Zürcherin Zoé Kugler ist eine Filmemacherin, deren Kurzfilm buen vivir – ñutse canseye an den Internationalen Kurzfilmtagen Winterthur gezeigt wurde. Auch sie leidet unter den geplanten Kürzungen.

Autorin: Lena Schreyer

Das Bild auf der Leinwand zeigt einen ruhigen Abschnitt eines Flusses im Amazonas. Äste von Bäumen hängen tief über dem Wasser, das Boot gleitet langsam an ihnen vorbei. Im Hintergrund sind die Geschichten von dreizehn Frauen aus dem Amazonasgebiet zu hören, von ihren Gesichtern sieht man aber nie etwas. Zu ihrem Schutz, da sie gegen grosse Ölfirmen aussagen.

Es ist der Montag nach den Kurzfilmtagen. Für Zoé Kugler war es eine anstrengende, aber lohnende Woche. Die Kurzfilmtage sind für Filmschaffende wie sie nicht nur eine Bühne, sondern auch ein Ort der Begegnung. «Das Festival ist eine gute Möglichkeit, sich zu vernetzen», sagt sie.


Zoé Kugler hat an der Zürcher Hochschule der Künste ihren Bachelorabschluss gemacht. Bild: Zoé Kugler

Kurzer Film, langer Prozess

Derzeit fotografiert sie viel. Nach einem aufwendigen Film brauche sie ein Medium, das schneller Ergebnisse liefert. «Ein Kurzfilm würde wieder ein Jahr benötigen und vor allem sehr viel Geld kosten.» Ein Nachmittag mit der Kamera hingegen schenkt ihr sofort ein greifbares Resultat. «Für mich sind Themen immer der Ausgangspunkt. Und dann suche ich nach der passenden Form zur Umsetzung.»

Die Arbeit an ihrem Film buen vivir – ñutse canseye sei intensiv gewesen. Die Idee dazu entstand während ihres Austauschjahres an der Universidad de las Artes in Guayaquil, Ecuador. Im Zentrum des Films steht nicht sie selbst, sondern die Geschichte einer indigenen Gemeinschaft, die sie während ihres Aufenthalts kennengelernt hat. Die indigene Bevölkerung im Amazonas ist bedroht durch Erdölbohrungen und die Abholzung ihres Zuhauses. «Es ist nicht meine Geschichte», betont sie, «aber ich wollte sie sichtbar machen.»

Kuglers Arbeit hat sie tief in den Amazonas-Regenwald hineingeführt. Bild: Zoé Kugler
Nach dem Filmen für den Kurzfilm braucht Kugler erst einmal eine Auszeit. Bild: Zoé Kugler
Das Erdöl versickert im Boden und gelangt so ins Quellwasser. Bild: Zoé Kugler

Der Film von Zoé Kugler war eine Zusammenarbeit zwischen Filmschaffenden und den indigenen Frauen des Amazonas (v.l.n.r. Paula Alcívar Mosquera (Produktion und Interviews), Zoé Kulger, Mery Nube Utitiaj Nunink (Regieassistenz und Interviews)). Bild: Zoé Kugler

Von hinter der Kamera auf die grosse Bühne

In Winterthur hat Kugler erlebt, wie wichtig Orte wie die Internationalen Kurzfilmtage sind. Doch sie weiss auch, dass solche Räume keine Selbstverständlichkeit sind. Die grosse Leinwand, das Publikum, die Gespräche danach: Das sind Momente, in denen junge Filmschaffende eine Sichtbarkeit erhalten, die weit über den Hochschul- oder Freundeskreis hinausgeht.

Gleichzeitig spürt sie, wie fragil diese Plattformen sind. Gerade deswegen denkt Kugler oft darüber nach, wie sich ihre Arbeit in den nächsten Jahren verändern könnte. «Es ist die Abhängigkeit von den Förderstrukturen, die für junge Filmschaffende wie mich oft unsicher sind», sagt Kugler. «Ich mache mir schon Sorgen darüber, wie ich davon leben kann.»

Kulturvermittlung zu Hause

Aufgewachsen ist Kugler im Toggenburg, als Tochter eines Literaturjournalisten und einer Ausstellungsvermittlerin eines Museums. Kultur war für sie nie etwas Abstraktes, sondern alltägliche Selbstverständlichkeit. Beide Elternteile schätzen Kunst, Politik und gesellschaftliches Engagement. «Sicher wurde ich geprägt, aber der Klimaaktivismus in meiner Generation hat mich fast mehr beeinflusst», sagt sie.

Ihre Lehre hat sie als Grafikerin in St. Gallen gemacht. Bis 2020 blieb sie auf ihrem Beruf, und arbeitete auch noch in Wien. Sie kam also schon früh in Kontakt mit unterschiedlichen Arten von Bildgebung. Danach machte sie innerhalb von fünf Jahren ihren Bachelor-Abschluss an der Zürcher Hochschule der Künste. Der Kurzfilm war gleichzeitig auch ihr Abschlussprojekt.

«Kultur oder Kunst ist überall auf der Welt schwierig zu machen, weil es nirgends genug Geld gibt», sagt Kugler. Sie ist eine Filmschaffende, die ihre Arbeit liebt und gleichzeitig weiss, wie fragil die Bedingungen dafür sind. Dies macht sich auch in ihren Werken bemerkbar, welche von Leidenschaft und Tatendrang geprägt sind.

Die Festivalleitung führt derzeit Gespräche mit potenziellen neuen Partnern und prüft alternative Finanzierungsmodelle. Die Gelder sollen mit mehr kleineren Sponsoren gedeckt werden, damit der Verlust nicht so hoch ausfällt, sollte doch einmal jemand abspringen. Doch ob diese reichen werden, ist ungewiss. Der Betriebsertrag belief sich im Jahr 2024 auf fast 1.5 Millionen Franken. Den grössten Anteil machten Beiträge der öffentlichen Hand aus, gefolgt von Sponsoringeinnahmen und eigenen Erträgen.

Lea Heuer bleibt. «Weil ich an das glaube, was wir hier machen», sagt sie. «Aber wir können nicht immer improvisieren. Kultur braucht Stabilität. Und die ist gerade das, was uns am meisten fehlt.»